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    Der ewige Gärtner
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Der ewige Gärtner
    Von Björn Helbig

    Während die reichen Industrieländer von den Errungenschaften der Pharmaindustrie profitieren, wird Millionen von Menschen in den Ländern der Dritten Welt der Zugriff auf lebenswichtige Medikamente verwehrt. 24 Millionen Menschen sterben jährlich an heilbaren Krankheiten, doch ein strikter, von den Pharmaunternehmen forcierter Patentschutz, macht es ärmeren Ländern unmöglich, Medikamente kostengünstig herzustellen. Das verdeutlicht auf krasse Weise, dass Pharmafirmen keine karitativen Ziele verfolgen, sondern ihr vorrangiges Interesse ganz im Gegenteil die Gewinnmaximierung ist. Vor diesem Hintergrund werden die weltweiten Skandale, deren Leidtragende zum größten Teil in den Ländern der Dritten Welt leben, auf perverse Art plausibel. In diesem Kontext spielt Fernando Meirelles neuer, heiß erwarteter Film. Nachdem er 2002 sein viel beachtetes Werk City Of God (nach einer Novelle von Paulo Lins) vorstellte, für den sogar eine Oscarnominierung für die beste Regie heraussprang, bleibt er auch mit seinem neuen Film dem Genre der Literaturverfilmung treu. Diesmal handelt es sich um die erstklassige Umsetzung des Bestsellers „Der ewige Gärtner“ des englischen Autors John Le Carré. Der brasilianische Regisseur Meirelles beweist damit äußerst überzeugend, dass die Güte seines Vorgängerfilms kein Ausrutscher war.

    Wie der Roman spielt auch der Film im Szenario eines (fiktiven) Medikamentenskandals: Als die Leiche der engagierten Aktivistin Tessa Quayle (Rachel Weisz) in einer einsamen Gegend im Norden Kenias gefunden wird, deutet zunächst alles auf ein Verbrechen aus Leidenschaft hin; denn ihr Reisebegleiter, der charismatische Arzt Dr. Arnold Bluhm (Hubert Koundé), mit dem ihr schon sein längerem ein Verhältnis nachgesagt wurde, ist spurlos verschwunden. Ihr Ehemann, der zurückhaltende Diplomat Justin Quayle (Ralph Fiennes), belässt den Vorfall allerdings nicht nach den Erwartungen seiner Arbeitgeber in den Händen der British High Commission, sondern beginnt, selbst Nachforschungen anzustellen. Je tiefer Justin bohrt, desto näher kommt er dem Skandal, der seiner Frau das Leben kostete und der immer mehr auch das seine gefährdet. Dennoch kann Justin seine Suche nicht beenden, denn seine Odyssee bringt ihn nicht nur der Wahrheit, sondern auch seiner Frau immer näher.

    Tessas Tod ist sowohl im Buch als auch im Film der Ausgangspunkt für die zwei wesentlichen Handlungsstränge der Geschichte. Zum einen fungiert ihre Ermordung dabei als Justins Anlass, die Spur, die ihn immer tiefer in die Machenschaften der korrupten Politik und raffgierigen Pharmakonzerne führt, aufzunehmen; zum anderen hat sie die Funktion eines Entrees für eine retrospektive Liebesgeschichte zwischen Tessa und Justin. Wenn man die beiden Charaktere näher betrachtet, ist es eigentlich verwunderlich, dass der Zuschauer ihnen ihre Liebe völlig abnimmt – Tessa, die heißblütige Umwelt- und Menschenrechtsaktivistin und Justin, der eher am Status Quo orientierte, ambitionslose britische Diplomat. Die Tatsache, dass der Handlungsstrang der Liebesgeschichte so hervorragend funktioniert, geht aufs Konto der beiden Hauptdarsteller Ralph Fiennes und Rachel Weisz. Und dass dieser Aspekt des Films funktioniert ist auch gut so, denn in „Der ewige Gärtner“ hängt der romantische Part mit dem Thrillerplot so untrennbar zusammen, dass ein Scheitern des einen auch ein Scheitern des anderen bedeutet hätte. Zum Glück scheitert hier gar nichts!

    Was im übrigen die Liebesgeschichte so interessant macht, ist, dass diese eigentlich erst nach Tessas Tod richtig beginnt. Zwar wird in Rückblenden das Kennen- und Liebenlernen der Protagonisten angedeutet, doch machen diese Retrospektiven letzten Endes ebenso deutlich, dass sich Tessa und Justin – auch wegen des übergroßen Respekts vor der Privatsphäre des anderen – fremd geblieben sind. Das ändert sich mit Tessas Ermordung – erst ab hier scheint der leidenschaftliche Hobbygärtner Justin aus seiner genügsamen Trance zu erwachen. Es ist, als würde er sich neu und vielleicht zum ersten Mal richtig in seine Ehefrau verlieben, wenn er ihrem vermeintlichen Unfalltod nachspürt und dadurch sowohl ihrer Arbeit als auch ihr immer näher kommt.

    Justins Suche nach der Wahrheit öffnet ihm aber nicht nur die Augen für die Motive seiner Frau, sondern auch für die Verbrechen an der afrikanischen Bevölkerung durch die Pharmaindustrie, womit man bei der zweiten Ebene des Films, dem Polit- und Pharmathriller, wäre: Wenn Claudia Puig in der USA TODAY schreibt, „The Constant Gardener is a masterwork of suspense, romance and political intrigue“, ist das allerdings etwas irreführend. Denn der an der Genreerwartung gemessene thrill dieses teilweise vorhersehbaren Thrillers, hält sich in Grenzen. Der Film ist nicht reißerisch, aber er reißt trotzdem mit durch seine bewegende Geschichte – das meint sowohl die tragisch endende Liebe zwischen Tessa und Justin als auch die Aufdeckung der unsäglichen Machenschaften von global agierenden Großkonzernen – und durch die brillante, organisch wirkende Optik, in der dem Zuschauer das sehr gut geschnittene Geschehen präsentiert wird. (An den Messern übrigens Claire Simpson, die für ihren Schnitt an Platoon den Oscar erhielt.) Da Meirelles wieder mit seinem Kameramann César Charlone zusammenarbeitet, kann man das visuelle Erscheinungsbild von seines neuen Films durchaus mit City Of God vergleichen. So wird der authentische und trotzdem originelle Look von „Der ewige Gärtner“ unterstützt vom gelegentlichen Ruckeln einer Handkamera, dem Mut zur Unschärfe und viele perspektivischen Finessen. Ähnlich wie bei Steven Soderberghs meisterhaftem Drogen-Thriller Traffic geben auch hier Filter den Locations durch verschiedene Farbtöne ihren eigenen Charakter. So ist Justins Heimat England in kühlen Grüntönen gehalten, während in Kenia warmes Rot dominiert. Positiv muss man anmerken, dass hier Effekte fast nie bloße Spielerei sind, sondern stets dazu verwendet werden, die Dramaturgie oder Atmosphäre einer Szene zu unterstreichen.

    Vereinnahmend ist die Handlung des Films aber auch dadurch, dass deren Charaktere erfrischend mehrdimensional sind. Was will Justin? Den Namen seiner Frau reinwaschen? Zu Ende führen, was sie begann? Rache nehmen? Ralph Fiennes (großartig u. a. auch in Schindlers Liste, Der englische Patient und Spider) schafft es, seiner Rolle durch unscheinbares, reserviertes aber äußerst effektives Spiel ein Höchstmaß an Komplexität und Glaubwürdigkeit zu verleihen. Einfach toll! (Da ist es beinahe schade, dass sich die Kamera in der zweiten Hälfte des Films ein wenig von Fiennes entfernt.) Aber auch Rachel Weisz (Constantine, About A Boy) als Tessa Quayle (die übrigens in der Aktivistin und Wohltätigkeitsarbeiterin Yvette Pierpaoli ein Vorbild im wahren Leben hatte) schafft es, Fiennes in Meirelles Symphonie guter Kontrapunkt zu sein. Indes steuern auch Schauspieler wie Danny Huston (Aviator, 21 Gramm, Birth) oder Bill Nighy (z.B. bekannt aus Underworld, Shaun Of The Dead oder Tatsächlich Liebe) sowie viele kenianische Nebendarsteller ihren Teil bei, um Fiennes’ Performance zu untermalen und auch den Nebenrollen Tiefe zu geben.

    Lange Rede, … – der Zuschauer bekommt mit „Der ewige Gärtner“ eine intelligent erzählte Story, deren große Themen, die Liebesgeschichte und der Polit- bzw. Pharmakrimi, derart clever ineinander verzahnt sind, dass es eine Freude ist. Die außergewöhnlich gute Umsetzung ist allerdings nicht der einzige Grund, den Film über den grünen Klee zu loben. Die Umsetzung, aber ebenso der Mut des Regisseurs, sich einem so heiklen Thema anzunehmen sowie die bravouröse Leistung der Darsteller, allen voran die von Fiennes, ergeben ein großes, nahezu perfektes Ganzes. Man muss sich jedenfalls nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen, um zu behaupten, dass „Der ewige Gärtner“ einer der stärksten Filme des deutschen Kinojahres 2006 werden wird.

    Auch wenn die Geschichte der illegalen Medikamententests, die unter dem Deckmantel der AIDS-Bekämpfung in Afrika durchgeführt werden, fiktiv ist, kann man sich als Zuschauer durchaus vorstellen, dass solche und ähnliche Vorkommnisse wie die im Film dargestellten in der globalisierten Welt keine Seltenheit sind. Le Carré selbst geht sogar noch einen Schritt weiter, wenn er behauptet, gemessen an der Wirklichkeit, sei sein Roman ungefähr so harmlos wie eine Urlaubspostkarte. Auch wenn „Der ewige Gärtner“ vielleicht in erster Line unterhalten will, ist seine Thematik dennoch virulent. Somit gehört der Film wohl nicht nur ins Kino, sondern auch in den Schulunterricht.

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