5 - Spitzenklasse
Wer den Film noch nicht gesehen hat, sollte nicht weiterlesen, da dieser Kommentar spoilern wird!
Der große Coup ist, die Casino-Mafia aus zu nehmen, ohne dafür selber grade stehen zu müssen!
Der Coup wird nicht etwa von Jake durchgezogen, sondern von Avi und *****, deren Plan nicht etwa im Gefängnis entwickelt und danach verwirklicht wird, sondern vielmehr auch dort schon ansetzt. Zu welchem Zeitpunkt der Plan für den großen Coup entwickelt wird, wird im Film nicht deutlich gemacht, dennoch startet er mit der Ankunft von Jake im Gefängnis. Jake entdeckt in den verschiedenen Büchern Nachrichten und glaubt, zwei ganz gerissenen Genies auf die Spur zu kommen. Das Jake dem Duo („… das in einer ganz anderen Liga spielt!“) auf die Spur kommt, ist jedoch von beiden so beabsichtigt. Sie tauschen sich über Formeln und Betrügereien aus, mit der man an die ganz große Kohle kommt. Jake glaubt, dass die beiden draußen diesen Plan in die Tat umsetzen wollen. Ob Jake mit den beiden kommuniziert, oder der „Unterhaltung“ nur folgt, wird nicht deutlich. Frisch aus dem Gefängnis entlassen, sollte Jake eigentlich dämmern, dass da noch mehr kommen muss, als er feststellt, dass die beiden ihm sein ganzes Geld abgeluchst haben.
„Doch was soll’s?“, denkt sich Jake, „Ich kenne ja die Formel, ich komme schon wieder zu Geld!“
Ich meine, Jake war vor dem Gefängnis ein kleines Licht, der Geber in einem Kartenspiel, bei dem er von einem von Machas Laufburschen aufs übelste beleidigt wurde. (Der Laufbursche fährt auch mit Jake im Fahrstuhl am Anfang des Filmes nach oben zu Macha!) Man denkt als Zuschauer doch nicht im Ernst daran, dass es Avi und seinem Partner um ein paar Tausender gegangen ist, wo Jake doch mit der Formel an so viel mehr Geld gelangt, aber eben dadurch auch eine Menge Aufmerksamkeit auf sich zieht.
Jake zieht es durch. Er wird reich. Höllenreich. Ist aber dermaßen bekannt, dass er nicht mal mehr in Machas Casino spielen darf. („Alle Tische sind heute geschlossen!“) Er scheint das Maximum aus den Formeln und Betrügereien heraus geholt zu haben. Er hat einen Haufen Geld, ist bekannt wie ein bunter Hund und dermaßen verhasst bei der Mafia, dass Macha ihn töten lassen will.
Der Anschlag auf Jake geht schief. Er kann mit der Hilfe von Avis Partner(habe den Namen nicht, nenne ihn Joe) flüchten und taucht unter. Mit dem Duo als Einheit betrachtet, beginnt das Pas-de-deux! Avi lässt Jake im Schach gewinnen und sich hin und wieder erklären, wie er dies geschafft hat. Die Regeln als eine Art Kodex betrachtend, überprüft Avi also immer, ob sich Jake noch daran hält. Wann immer Jake sinniert und über sich selber nachdenkt, zieht ihn Joe zurück in das antrainierte Verhaltensmuster. („Wachen Sie auf, Mr. Greene!)
Antrainiert ist dieses Verhaltensmuster, da Jake in der Einzelhaft von den beiden immer nur mit den Informationen versorgt worden ist, die nötig waren, um in Ihm diesen und jenen Charakterzug zum Leben zu erwecken. Parallelen dazu finden sich in Stefan Zweigs „Schachnovelle“. Der inhaftierte gelangt in seiner Zeit in Einzelhaft an ein Heftchen über Schachzüge. Aus Mangel an anderen Einflüssen lernt er nicht nur das Heftchen auswendig, sondern verinnerlicht sie dieses neurotisch. (SPOILER ZUM BUCH: Der ehemals Inhaftierte schafft den Bruch mit dem „Ich“ nicht.)
Jake darf den Geldverteiler spielen, und auch wenn die Vermutung nur wage ist, scheint sich dort Jakes altes „Ich“ mehr und mehr zu manifestieren. Er reagiert nicht wie der antrainierte Über-Abzocker, obwohl weder die alte Frau, noch Horowitz noch der Japaner das Geld zurückzahlen können. Dabei ist es ja eigentlich sein Geld. Zurück zum Plot.
Macha, von den meisten allerdings immer mit Mr. D angesprochen, hört auch immer öfter die Stimme in seinem Kopf. Die Namensdifferenzen unterstreichen, dass auch in ihm ein „Ego“ wohnt, das seinen Verstand übernommen hat, ausgelöst durch den nackten Überlebenstrieb durch die Konfliktsituation mit Mr. Gold(Black Magic, Mystery) bzw. stellvertretend durch Ms. Walker.
Eine wunderbare Szene in Machas Büro, in der sein „Ego“ Ms. Walker droht, sein Verstand ihn dann aber dennoch überredet, „um Gnade zu betteln.“ Zu spät. Schön ist auch der Fahrstuhlszene folgende Part; Jakes Verstand kämpft gegen sein Ego, Macha zuvor in Todesangst versetzt bleibt weinend an der Fahrstuhltür zurück(„Fürchte mich“, die letzten Male mehr „zu sich selbst“ sagend). Am nächsten Morgen scheint Machas Verstand zunächst reingewaschen, er rezitiert quasi wörtlich seinen Leibwächter Paul, der relativ am Anfang des Filmes meinte, dass Jake genug habe und man ihn in Ruhe lassen sollte. (Der Stein des Anstoßes) Gestört wird dieser „Seelenfrieden“ durch Pauls Kommentar bezüglich der Gerüchte des Informationsstandes von Mr. Gold.
Es kommt zur Büroszene, der philosophische Part nimmt ab, während sich die Nebenhandlungen überschlagen und die Geschichte wieder etwas vorwärts kommt. Machas Suizid kann man als Teil des Coups verstehen, wenn man Avi und Joe einen rechtschaffenden Charakter zurechnen möchte. Für den Preis von unzähligen Dollars (und ein paar Leben) haben sie Jake zu dem verholfen, was er alleine niemals erreicht hätte: wirkliche Rache an Macha für seine Vergehen gegen Jakes Familie.
Man kann den Suizid aber auch als krönenden, vorgreifenden Abschluss der im Abspann gezeigten Teil-Dissertationen der verschiedenen Professoren sehen. Mr. Gold, für Macha nun durch Jake personifiziert oder weiterhin als reiner Imaginär-Oberbösewicht treibt entweder Machas Verstand (den um Gnade bettelnden Teil) aus Angst in den Tod, oder sein „Ego“ beugt sich der offenkundigen Überlegenheit von Mr. Gold (Macha fürchtet sich vor Gold, während Greene bei Machas Aufforderung dazu, keinerlei Regung zeigte.) und richtet sich selbst, da er die vielmals angesprochene Anfragestellung des Intellekts nicht akzeptieren kann.
Fazit:
Der Film löst „Snatch“ als das beste Projekt von Ritchie ab. „Revolver“ ist in meinen Augen was die Tiefe angeht, ein „Snatch 2.0“. Die damals noch in der reinen Realität ausgetragenen Hierarchiestreitigkeiten, denen sich ein nuschelnder, familiensüchtiger Zigeuner (kein fester Platz, d.h. keine feste Identität) nicht beugen will, enden mit dem Tod des Gangsterbosses. Der Hauptdarsteller, mal mehr auf der Seite der Zigeuner, mal mehr auf der Seite der Gangster, überlebt, steht am Ende aber eigentlich mit nichts von dem was er mal hatte da.
Zu den Nebenplots lässt sich auch noch einiges schreiben; falls also einige von euch Interesse an weiteren Diskussionen zu diesem Meisterwerk haben, wäre es mir mehr als ein Vergnügen, daran teilzunehmen.
Vielen Dank für die ins Lesen investierte Zeit.
Smuf
Hinzugefügt am 27.01.2010 um 21:55 Uhr
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