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    Gesprengte Ketten
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Gesprengte Ketten
    Von Martin Soyka
    Der Name John Sturges ist vielleicht nicht jedermann ein Begriff. Der Regisseur ist unverdienter Maßen hinter dem Bekanntheitsgrad anderer Zeitgenossen zurückgeblieben. Wenn man sich die Liste der von ihm inszenierten Filme ansieht, ist man überrascht, wie viele goldene Klassiker sich darunter befinden: „Stadt in Angst", „Zwei rechnen ab", „Der alte Mann und das Meer", „Die glorreichen Sieben", „Vierzig Wagen westwärts", um nur ein paar zu nennen. Allesamt große Filme, die immer wieder im Fernsehen wiederholt werden. Sein größter Erfolg – von den „Glorreichen Sieben" einmal abgesehen - war „Gesprengte Ketten", ein Kriegsfilm über einen Gefangenenausbruch, der mit hochkarätigen Schauspielern glänzt und dem Zuschauer ein diebisches Vergnügen bereitet.

    Süddeutschland im Jahr 1944: Der Zweite Weltkrieg befindet sich in seiner Hochphase. Viele alliierte Offiziere sind in Kriegsgefangenschaft geraten. Das Problem: Deutsche, die Ausbrecher suchen, können nicht an der Front kämpfen; und Ausgebrochene, die nicht wieder eingefangen werden, könnten erneut ins Kriegsgeschehen eingreifen. Daher gilt, dass wer gefangen wird, nur eine Pflicht hat: ausbrechen - und zwar um jeden Preis. Die hartnäckigsten Flüchtlinge werden von der Deutschen Luftwaffe in einem speziellen Lager zusammengepfercht, um jeden weiteren Fluchtversuch zu unterbinden. Als Roger Bartlett (Richard Attenborough), genannt Big X, in das Lager verlegt wird, beginnt dieser sofort, Ausbruchspläne zu schmieden. Dieses Mal soll es aber nicht nur um ein paar Mann gehen, nein, diesmal ist ein Massenausbruch das Ziel. Uniformen und Zivilkleidung müssen angefertigt und Dokumente gefälscht werden. Das Wichtigste ist jedoch der Fluchtweg. Durch einen Tunnel soll es in die Freiheit gehen. Und um sicher zu stellen, dass der Plan auch wirklich funktioniert, werden gleich drei Tunnel gegraben...

    Man mag es kaum glauben, aber die Geschichte ist wahr. Das echte Lager Stalag Luft III lag in Oberschlesien. Am 24. März 1944 versuchten 220 Gefangene, durch den Tunnel „Harry" zu fliehen, 76 davon zunächst erfolgreich. Alle, bis auf drei konnten allerdings wieder eingefangen werden. Auf Befehl Hitlers wurden 50 von ihnen erschossen. Es hätte nahe gelegen, aus dem Stoff ein hartes Kriegsdrama zu machen, wie etwa der thematisch ähnlich gelagerte „Ausbruch der 28". Glücklicherweise geht der Film einen anderen Weg und macht aus der Geschichte ein richtiges Männerabenteuer mit Herz und Witz. Unglaublich ist insbesondere, mit welchem Erfindungsgeist die Gefangenen an ihrem Ausbruch arbeiten. Wohin mit dem Aushub? Woher kommt das Holz zum Abstützen der Tunnel? Woraus die Zivilkleidung machen? Wie die Umgebung erkunden? Für alles wird eine Lösung gefunden und am liebsten würde man als Zuschauer gleich mit buddeln.

    Erfreulich ist auch, dass nicht alle Deutschen im Film platt als die üblichen Knallchargen dargestellt werden. Es sind Menschen, keine dumpfen Schergen. Insbesondere die Figur des Lagerleiters von Luger (Hannes Messemer) offenbart ein unübliches Bild des nationalsozialistischen Offiziers. Er ist ein Mann, der es gerne ruhig hat. Er hat kein Interesse daran, die Gefangenen zu gängeln, sondern ist kultiviert. Als er dem ranghöchsten britischen Offizier beim ersten Zusammentreffen Genussmittel anbietet, wirkt das nicht von oben herab, sondern dem gegenseitigen Respekt geschuldet. Er macht seinen Job, und dass er mit dem völkischen Gedankengut nicht viel am Hut hat, merkt man auch. Man könnte ihn wohl auch als Amerikaner sympathisch finden, was durchaus nicht selbstverständlich ist. Gleiches gilt für den Wärter Werner (Robert Graf), der im Abspann sogar als „Mann mit Herz" betitelt wird. Auch die übrigen deutschen Figuren wurden mit Muttersprachlern besetzt, was dem Film zusätzliche Authentizität verleiht. Dass aus dramaturgischen Gründen das Lager von Schlesien nach Süddeutschland und der Ausbruch vom Winter in den Sommer verlegt wurden, fällt da nicht weiter ins Gewicht.

    Die alliierten Hauptcharaktere haben zwar alle richtige Namen, in Erinnerung bleiben aber ihre Spitznamen wie „Big X" oder „Der Bunkerkönig" (Steve McQueen), auch wenn die Figuren im Film nicht konsequent so angesprochen werden. Jeder hat eine spezielle Funktion und füllt diese mit voller Inbrunst aus. Alle Darsteller zeigen dem Publikum, was richtige Kerle sind: James Garner („Detektiv Rockford – Anruf genügt"), Donald Pleasence (Halloween), James Coburn („Hudson Hawk"), Gordon Jackson („Die Profis") sowie David McCallum (serie,Navy CIS) geben alles. Für Richard Attenborough (Jurassic Park, Gandhi) bedeutete der Film den Durchbruch als Schauspieler, Steve McQueen (Bullitt, Papillon) avancierte durch ihn sogar zum Superstar. Sein Charakter bekommt typgerecht eine packende Motorrad-Verfolgungsjagd spendiert. Auf der Flucht vor den Häschern absolviert er mit seinem Bike auch nach heutigen Verhältnissen noch irre Stunts. Und der motorsportbegeisterte Mime ließ es sich nicht nehmen, höchst selbst ordentlich Gummi zu geben.

    Den Gefangenen geht es im Film übrigens überraschend gut. Man hat den Eindruck, dass der Ausbruch nur sportliche Gründe hat, dem fiesen Lagerleben ist er nicht geschuldet. Dies wird auch durch die zündende Musik unterstrichen. Den Titelmarsch dürfte so ziemlich jeder schon einmal gehört haben. Und das ist das einzige, was dem Film vorzuwerfen ist: Er schildert den Krieg als eine Art Abenteuerspielplatz, auf dem große Jungs aufregende Dinge erleben. Verletzte Soldaten sieht man nicht, allen geht es prächtig. Umso überraschender ist es, wenn einige der Helden am Ende dann doch in den Lauf eines Sturmgewehres blicken, aber das ist inszenatorisch durchaus so gewollt. „Gesprengte Ketten" geriet damit zum Steigbügelhalter für die TV-Serie „Ein Käftig voller Helden", bei der das Lagerleben endgültig als Comedy-Bühne herhielt.

    Lieblos wird trotzdem nicht mit der historischen Wahrheit umgegangen, denn auch der Film verhehlt nicht, dass die meisten nicht durchkamen. Der Film ist, was er sein will: vorzügliches Unterhaltungskino ohne größeren Anspruch - und außerdem einer der wenigen Filme – von Lawrence von Arabien einmal abgesehen -, der ohne eine einzige weibliche Sprechrolle auskommt.
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