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Der Herr der Ringe - Die zwei Türme
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
5,0
Meisterwerk
Der Herr der Ringe - Die zwei Türme
Von Carsten Baumgardt
Die schwerste Last beim ohne Zweifel größten Filmprojekt aller Zeiten war Regisseur Peter Jackson schon nach dem ersten Teil, "Der Herr der Ringe - Die Gefährten", von den Schultern gefallen. Das monumentale Fantasy-Epos spielte weltweit 870 Millionen Dollar ein, avancierte zum fünfterfolgreichsten Film der Geschichte, wurde von Fans wie Kritikern hymnisch gefeiert und erlangte bereits Kultstatus. Mit „Der Herr der Ringe - Die zwei Türme“, Teil zwei der Trilogie nach J.R.R. Tolkien, hat das Warten endlich ein Ende. Noch mehr Action, noch mehr, noch grandiosere Spezial-Effekte, noch mehr Tempo, noch düsterer - von allem ein bisschen mehr. Schließlich sollten "Die Gefährten" getoppt werden. Mit „Die zwei Türme“ knüpft der kauzige Neuseeländer Jackson konsequent an den phänomenalen, perfekt inszenierten Gigantismus von Teil eins an. Allerdings haben sich bei aller Weiterentwicklung kleine Schwächen eingeschlichen, die zwar nicht verhindern, dass „Die zwei Türme“ als Meisterwerk anerkannt werden kann, aber dennoch bleibt der Mittelteil der Trilogie etwas hinter dem Auftakt zurück.

Ein Ring, sie zu knechten – sie alle zu finden. Ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden. Diese Bedrohung vom Wiedererstarken der dunklen Macht des finsteren Herrschers Sauron hängt mehr denn je über den Völkern Mittelerdes. Nach Boromirs Tod und Gandalfs Sturz in den Schlund von Khadad-Dûm trennten sich die Wege der Gefährten. Ringträger Frodo (Elijah Wood) und sein treuer Begleiter Sam (Sean Astin) treffen in den Bergen von Emyn Muil auf das sonderbare Geschöpf Gollum (Andy Serkis), dem einst Bilbo Beutlin (Ian Holm) den Einen Ring abjagte und ihn in den Besitz der Hobbits brachte. Gollums Versuch, den mächtigen Ring von Frodo zu stehlen, misslingt, doch die Hobbits bringen es nicht übers Herz, die Kreatur zu töten. Statt dessen soll Gollum - in dessen gespaltener Persönlichkeit zwei Seelen um die Kontrolle über das Geschöpf kämpfen - die beiden nach Mordor an die Pforten von Barad-Dûr, Saurons Festung, führen, wo Frodo den Ring vernichten will.

Parallel dazu machen sich Aragorn (Viggo Mortensen), Elben-Bogenschütze Legolas (Orlando Bloom) und Zwerg Gimli (John Rhys-Davies) auf die Spur der von Orks verschleppten Hobbits Merry (Dominic Monaghan) und Pippin (Billy Boyd). Im Menschenkönigreich Rohan ersuchen sie Unterstützung. Doch König Theoden (Bernhard Hill) steht unter einem tödlichen Bann Saurons, der Rohan mit Hilfe seines Spitzels Grima Schlangenzunge (Brad Dourif) kontrolliert. Erst als Gandalf als wiedergeborener weißer Zauberer zurückkehrt, wendet sich das Blatt. Er befreit Theoden von dem Fluch und bringt die Menschen von Rohan hinter sich. Während dessen stellt Saurons Verbündeter Saruman (Christopher Lee) in den Katakomben von Isengard eine 10.000 Mann starke, unbesiegbare Armee von Uruk-hais auf. Alles deutet auf eine große finale Schlacht um das Schicksal der Menschheit hin.

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Der Mittelteil der „Herr der Ringe“-Trilogie sei in der Umsetzung der schwierigste, bekannte Regisseur und Mit-Autor Peter Jackson, der alle drei Folgen innerhalb von 16 Monaten in einem Stück abdrehte. Recht hat er. Hatte "Die Gefährten" zwar kein richtiges Ende, so gab es doch eine konventionelle Einführung in die Charaktere. Die fällt bei „Die zwei Türme“ vollkommen weg. Nach einer Vertiefung der Kampfszenen zwischen Gandalf und dem Balrog schreitet die Handlung sofort voran - ohne weitere Erklärungen. Wer Teil eins nicht gesehen oder die Bücher nicht gelesen hat, ist aufgeschmissen und wird nichts verstehen. Ein dramaturgisch aufgebauter Schluss fehlt ebenfalls, was natürlich in Tolkiens Vorlage begründet ist. Aber da alle drei Filme später als Ganzes betrachtet werden sollten, stört diese Tatsache eigentlich nicht. Formal hatte Jackson wieder rund 100 Millionen Dollar zur Verfügung. Davon ist jeder Cent auf der Leinwand zu sehen. Die Spezial-Effekte sind noch zahlreicher und ausgereifter als im Maßstäbe setzenden ersten Teil, der immerhin mit vier Oscars ausgezeichnet wurde. Phantastische Massenkampfszenen, monumentale Bauten, die allesamt in Originalgröße entstanden, da Jackson auf Miniaturmodelle verzichtet hat, bietet der zweite Teil - überwältigend schön, die Siedlung Rohans, die auf einer Hochebene gelegen ist. Noch beeindruckender ist Rohans Burgzuflucht Helms Klamm, in der das finale Gefecht ausgetragen wird. Allerdings hat „Die zwei Türme“ im direkten Vergleich zu "Die Gefährten" etwas weniger Opulenz - etwas weniger Staunen - zu bieten. In den ersten 90 Minuten hetzen die Protagonisten oft über gigantische Landschaftsplateaus, ohne dabei die atmosphärische Dichte des Vorgängers zu erreichen. Die Bauten von Hobbingen, der erste Blick auf das Elben-Domizil Bruchtal oder die Minen von Moria: Das alles ließ das Publikum vergangenes Jahr mit offenen Mündern im Kinosaal ausharren. Dieser Effekt stellt sich bei „Die zwei Türme“ nicht in dem Maße ein. Die Mystik, die Teil eins beherrschte, fehlt zunächst etwas, und ist erst in der zweiten Hälfte wieder spürbar.

Wie in Teil eins bleibt Jackson der Vorlage treu, ohne sie sklavisch abzufilmen wie Chris Columbus dies bei "Harry Potter und der Stein der Weisen" sowie "Harry Potter und die Kammer des Schreckens" getan hat. Jackson ist ein Visionär und kein Handwerker. Aus dramaturgischen Gründen montiert er die drei verschiedenen Handlungsstränge - anders als im Buch - nebeneinander anstatt hintereinander. Das führt dazu, dass die Geschichte zwischen drei Orten hin- und herspringt. Der Überblick wird zwar erschwert, ist aber noch vorhanden. Was etwas schwerer wiegt, ist die Tatsache, dass sich durch die vorlagenbedingte Splittung der Story diesmal niemand so recht in den Vordergrund spielen kann. Glänzten in Teil eins vor allem Ian McKellen (oscarnominiert), Ian Holm und Sean Bean mit außergewöhnlichen Leistungen, überzeugt „Die zwei Türme“ mehr durch straffe Action als filigrane Schauspielkunst. Zudem werden die charismatischen Elben-Frauen Galadriel (Cate Blanchett) und Arwen (Liv Tyler) in der Haupthandlung schmerzlich vermisst. Sie treten nur sporadisch in Rückblenden auf.

Von den neuen Figuren kann lediglich Brad Dourif als Saurons zutiefst verschlagener Spitzel Schlangenzunge einen starken Eindruck hinterlassen. An der Performance von Bernhard Hill als Rohans König Theoden ist ebenfalls nichts auszusetzen, David Wenham als Boromirs Bruder Faramir bleibt dagegen ebenso blass wie Mirando Otto als Königsnichte, die offenbar nur die Aufgabe hat, Aragorn anzuhimmeln. Viggo Mortensen, der in "Die Gefährten" noch unter der Präsenz Sean Beans litt, entwickelt sich zum unangefochtenen Führer und überzeugt diesmal auf ganzer Linie. Orlando Bloom steht ihm in nichts nach und feuert mit seinem Bogen, bis der (wie durch Zauberhand wiederaufladbare) Köcher kocht. Noch mehr als in Teil eins ist John Rhys-Davies als Gimli für die launigen Oneliner zuständig. Ian McKellen überragt mit seiner Präsenz sicherlich alles, muss allerdings mit gebremsten Schaum fahren, da seine Rolle kleiner ausfällt als in "Die Gefährten". Schwer hat es auch Elijah Wood, der zwar den zunehmenden Verfall Frodos hin zu den dunklen Mächten des Rings transportieren, aber nicht wirklich mitreißen kann.

Der heimlich Star ist ohnehin ein anderer. Das komplett computeranimierte Geschöpf Gollum, dem Andy Serkis Stimme und Bewegungen lieh, hinterlässt emotional den stärksten Eindruck. Die Spezialisten der neuseeländischen Softwareschmiede WETA zauberten dem hässlichen Wesen 250 verschiedene Ausdrücke ins Gesicht. Seine Zerrissenheit zwischen Gut und Böse ist ergreifend, die technische Umsetzung so perfekt es heutzutage geht. Das Star-Wars-Pendant Jar Jar Binks aus "Episode 1" und "Episode 2" ist dagegen nicht nur inhaltlich um Klassen schlechter.

Das alles mag sich im Endeffekt negativer anhören als es ist. Die drei Stunden von „Die zwei Türme“ vergehen wie im Flug, die Schauwerte sind grandios, die archaische Wucht, die sich auf der Leinwand entfaltet, ist atemberaubend und die Spezial-Effekte perfekt. Vielleicht wirken die Ents, jene gutmütigen Baumhirten, die, wenn es darauf ankommt, richtig wütend werden können, ein bisschen zu putzig (Wolfgang Petersens „Die unendliche Geschichte“ lässt grüßen), dennoch sind sie beeindruckend. Genauso wie die Ringgeister, die diesmal per Flugdrachen auf die Suche gehen oder der Balrog, der besser gelungen ist als in "Die Gefährten". Und fulminantere Action als die Schlacht um Helms Klamm gab es wahrscheinlich auf einer Kinoleinwand noch nicht zu sehen. Wenn das Reiterheer von Rohirrim mit Gandalf dem Weißen an der Spitze in die Flucht von Helms Klamm rast, jagt einem dies pure Gänsehaut über den Rücken. Die Effekte machten einen weiteren Schritt nach vorn, der den Rückschritt bei Schauspielleistung und Handlung wieder wett macht. Ein Vorwurf ist Peter Jackson sowieso nicht zu machen, da er sich an der Vorlage von J.R.R. Tolkien orientieren muss. Zudem ist es mehr als erfrischend, dass sich Jackson nicht den Konventionen Hollywoods unterworfen hat und seinem Stil treu blieb. Alles in allem ist „Die zwei Türme“ das erwartete Meisterwerk - allerdings mit minimalen Schönheitsfehlern. Das ändert aber nichts daran, dass die Spannung bis zum finalen "Die Rückkehr des Königs" Weihnachten 2003 bis ins Unermessliche steigen wird.
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