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4 - Sehr gut
Coppola kündigte seine Dracula-Variante als "sehr werkgetreu" an, und damit hat er nicht übertrieben. Er übernahm sogar einige der logischen Schwächen von Stoker's Roman. Gut, Coppola erklärt uns, wieso der untote Graf so heiss auf Mina war. Aber warum er unbedingt nach London wollte, wird immer Draculas Geheimnis bleiben. Marx lebte auch im englischen Exil - wollte Dracula vielleicht die untote Internationale schaffen?
Aber zum Film selbst ...
Filmisch-optisch ein Genuss. Opulent, farbenbeladen. Der Stil des Jahres 1897 mit all seinem viktorianischen Prunk lebt in den tollen Kulissen auf. Die Story selbst ist nicht weltbewegend. Aber das soll kein Vorwurf an Coppola sein. Das literarische Original mag ein Klassiker sein - literaturwissenschaftlich gesehen ist es jedoch ein eher dürftiger Roman. Man muss offen sagen: ohne die späteren Verfilmungen wäre Stoker's Vampirgeschichte eine Randnotiz in der Literaturhistorie geworden.
Coppola arbeitet die erotische Variante sehr deutlich heraus. Er liefert uns einen Van Helsing, vor dem man mehr Angst haben muss, als vor seinem untoten Gegenspieler. Hopkins spielt den Vampirjäger zwar nicht so elegant wie damals Peter Cushing, aber dafür abgeklärt und kalt wie 007. Herausragend ist Oldman als Vampir. Selten wurde Graf Dracula so facettenreich dargestellt. Eine tragische Figur, irgendwo zwischen Monster und verlorener, einsamer Seele. Es wäre auch sinnlos, in die Fussstapfen von Lee, Lugosi oder Max Schreck treten zu wollen; Oldman's Dracula ist eine eigene Kategorie und in ihrer Art die vielleicht beste Dracula-Interpretation (wenn man die schauspielerische Leistung betrachtet).
Der Rest ist ein gutes Ensemble, aber weder Reeves noch Grant noch Elwes vermögen wirklich Akzente zu setzen. Die weibliche Riege überzeugt zum Teil sehr: Sadie Frost ist lasziv und unbekümmert, aber Miss Ryder will mehr Reife und Tiefgang zeigen als ihr Wesen zulässt.
Coppolas Vampir-Oper funktioniert im grossen Kinosaal, wo die Ballhaus'schen Bilder wirklich mitreissen. Auf normalen Fernsehschimmern vermag am Ende nur noch Gary Oldman einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.
Sehenswert ist der Film in jedem Fall, zumal der Grusel absolut publikumstauglich ausfällt.
Hinzugefügt am 13.03.2008 um 16:51 Uhr
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