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Vergiss mein nicht
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
5,0
Meisterwerk
Vergiss mein nicht
Von Jürgen Armbruster
Die meisten von uns kennen wohl diesen unsäglichen Schmerz und die damit verbundene Leere in einem, wenn man von der großen Liebe verlassen wird. Viele haben sich in einer solchen Situation wahrscheinlich schon gewünscht, alle Erinnerungen an die verflossene Flamme auslöschen zu können, um die Trennung leichter zu verkraften. Eben jenes Gedankenkonstrukt steht im Mittelpunkt von „Vergiss mein nicht“. Wer hinter Michel Gondrys Werk eine austauschbare Romantik-Schnulze vermutet, hat die Rechnung ohne Drehbuchgott Charlie Kaufman gemacht, der wieder einmal eine einzigartige, unverwechselbare Geschichte erschuf.

Joel Barish (Jim Carrey) und Clementine Kruczynski (Kate Winslet) sind ein Paar, wie es gegensätzlicher kaum sein könnte. Er ist der zurückhaltende, geordnete Typ, der sein Leben gerne fest im Griff hat und sich nicht gerne auf ungeplante, unvorhersehbare Dinge einlässt. Sie ist das krasse Gegenteil. Impulsiv, stürmisch, in den Tag hinein lebend. Doch trotzdem (oder gerade deshalb?) funktionierte diese Liaison über zwei Jahre lang mit kleineren Hochs und Tiefs wunderbar. Doch dann, eines Tages, trennt sich Clementine nach einem Streit plötzlich von Joel. Er verkraftet die Trennung nicht und beschließt kurzerhand, Clementine bei der Arbeit aufzusuchen, um sie um eine letzte Chance für die gemeinsame Zukunft zu bitten. Doch Clementine verhält sich bei Joels Besuch äußerst merkwürdig. Zunächst benimmt sie sich so, als würde sie ihn überhaupt nicht kennen und dann muss er noch beobachten, wie sie mit dem einige Jahre jüngeren Patrick (Elijah Wood) innige Küsse austauscht.

Joel ist verwirrt. Hat Clementine ihn wirklich wegen eines anderen verlassen? Von seinem Freund Rob (David Cross) erfährt er, dass Clementine wenige Tage zuvor einen gewissen Dr. Howard Mierzwiak (Tom Wilkinson) aufgesucht hat. Auf der Suche nach Antworten macht sich Joel auf den Weg zu Mierzwiak, doch was er dort erfährt, ist für ihn im ersten Moment gleichermaßen unglaublich wie verrückt. Mierzwiak hat sich darauf spezialisiert, die Erinnerungen an einzelne Personen aus dem Gedächtnis seiner Patienten zu löschen. Was zunächst vollkommen absurd klingt, entpuppt sich letzten Endes doch als Wahrheit, denn Mierzwiak kann Joel glaubwürdig versichern, dass sich Clementine bei ihm ihre Erinnerungen an ihn hat löschen lassen. Für ihn bricht damit eine Welt zusammen. Egal was er tut, Clementine wird sich nicht an ihn erinnern. Um über diesen Verlust hinweg zu kommen, beschließt auch Joel sich von Dr. Mierzwiak behandeln zu lassen. Wenn er Clementine schon nicht für sich haben kann, dann möchte er sie ebenso aus seinem Gedächtnis verbannen, wie sie ihn.

Wer jetzt meint, dass „Vergiss mein nicht!“ damit seinen kuriosen, skurrilen Höhepunkt erreicht hat, irrt sich gewaltig, denn dies ist lediglich der Prolog zu einer fesselnden Irrfahrt durch Joels Erinnerungen. Während Mierzwiaks Assistent Stan (Mark Ruffalo) an dem im Tiefschlaf befindlichen Joel die Gedächtnislöschung vornimmt, wird diesem im Unterbewusstsein klar, dass er Clementine überhaupt nicht vergessen möchte. Schließlich hat er mit ihr die glücklichste Zeit seines Lebens verbracht und jede einzelne Erinnerung an sie ist kostbar. Er würde die begonnene Prozedur gerne beenden, doch er findet keinen Weg, dies seiner Umwelt mitzuteilen. Ihm läuft die Zeit davon, denn Stan löscht eine Erinnerung an Clementine nach der anderen. Doch dann scheint Joel die Lösung gefunden zu haben. Er beginnt… Nein, dies soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

Charlie Kaufman ist nicht gerade bekannt dafür, Geschichten zu schreiben, die die breite Masse der Kinogänger begeistern. Dafür sind die von ihm verarbeiteten Ideen einfach zu verrückt. Filmkritiker lieben ihn jedoch aus genau demselben Grund und himmeln ihn aufgrund seiner grandiosen Drehbücher zu Filmen wie „Being John Malkovich“ oder „Adaption“ förmlich an. An diesem Umstand wird auch „Vergiss mein nicht“ nichts ändern. Spätestens als sich die Geschichte nach und nach in Joels Gedankenwelt verlagert ist klar, dass es sich hier um einen typischen Kaufman in jedweder Hinsicht handelt. Hate it or love it! Ein Mittelweg? Ausgeschlossen! Kaufman ist sich dessen wohl bewusst. Und es ist ihm vollkommen gleichgültig. Geschichten für den Mainstream überlässt er bereitwillig anderen. Er widmet sich höheren Aufgaben.

Lässt man sich auf „Vergiss mein nicht“ ein, wird man bereits nach wenigen Minuten unweigerlich in dessen Bann gezogen. Nicht nur inhaltlich, auch visuell gehört der Film zu den faszinierendsten Werken der letzten Zeit. Für die Umsetzung des Kaufman-Scripts zeichnet sich der überaus talentierte Franzose Michel Gondry verantwortlich. Gondry machte bisher vor allem mit seinen Musikvideos für die isländische Sängerin Björk und diverse Werbeclips für Coca Cola, Nike und Levis auf sich aufmerksam. Rein optisch gelingt Gondry ein überaus beeindruckender Spagat: Einerseits präsentiert sich „Vergiss mein nicht“ mit seiner grobkörnigen, verwackelten Kameraarbeit wie ein Independent-Film, andererseits wirkt der Film nie billig. Im Gegenteil. Das 35 Millionen Dollar schwere Budget lässt sich dem Film durchaus anmerken. Ein weiterer Nebeneffekt dieser faszinierenden Optik ist, dass sie den bodenständigen, real wirkenden Kontrast zur phantastischen, surrealen Story bildet.

Im Mittelpunkt von „Vergiss mein nicht“ steht jedoch ein Mann, der alles andere überragt und dem allein zu verdanken ist, dass der Film funktioniert. Star-Komiker Jim Carrey beweist einmal mehr, dass in ihm einer der wohl besten Schauspieler der Gegenwart steckt. Was Carrey in der enorm vielschichtigen Rolle des Joel Barish leistet, übertrifft alles, was man bisher von ihm gesehen hat. Selbst seine an sich bereits grandiose Darbietung in Peter Weirs „The Truman Show“. In Anbetracht Carreys schauspielerischen Offenbarung sei ihm verziehen, dass er sich hin und wieder in die Niederungen der Durchschnittsklamotten herab begibt, um sich einen weiteren dicken 20-Millionen-Scheck abzuholen. Solange hin und wieder Glanzleistungen wie in „The Truman Show“ oder „Der Mondmann“ herausspringen, sei ihm dies gegönnt. Die weibliche Hauptrolle wurde mit Kate Winslet ebenfalls exzellent besetzt. Die flippige, lebenslustige Clementine Kruczynski passt einfach zu ihr. Langsam aber sicher mausert sich das ehemalige „Titanic"-Sternchen zu einer mehr als nur ernstzunehmenden Charakter-Darstellerin. Erst behauptet sie sich neben Kevin Spacey in „Das Leben des David Gale“ und nun zeigt sie Jim Carrey die Stirn, ohne dabei unterzugehen. Alle Achtung Frau Winslet. Weiter so.

Wo ist „Vergiss mein nicht“ im großen Gesamtwerk des Herrn Kaufman einzuordnen? Ist der Film besser als „Being John Malkovich“? Ja, ohne Frage. Ist er gar besser als „Adaption“? Nein, nicht besser, aber auch definitiv nicht schlechter. „Vergiss mein nicht“ ist anders. Weniger selbstironisch und satirisch als „Adaption“, dafür aber surrealer und handwerklich beeindruckender. Die Frage welcher dieser beiden Kaufman-Meilensteine der bessere ist, ist keine Frage der Qualität, sondern eine des persönlichen Geschmacks. Das Prädikat besonders sehenswert haben sich beide redlich verdient!
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