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    Der Schwarze Falke
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    5,0
    Meisterwerk
    Der Schwarze Falke
    Von René Malgo

    In diversen amerikanischen Bestenlisten ist er zu finden: „Der Schwarze Falke“. Kritiker in den USA sind sich darüber einig: John Fords Westernepos mit John Wayne in der Hauptrolle ist ein Meisterwerk. In Europa allerdings wird das ein wenig anders gesehen. Nie stieß und stößt „Der schwarze Falke“ auf unserem Kontinent auf diese positive Resonanz. Verdient hätte es das Genreglanzstück aber allemal…

    Nach dem amerikanischen Bürgerkrieg kehrt der Einzelgänger Ethan Edwards (John Wayne) zu seiner Familie in Texas zurück. Noch in der Nacht seiner Heimkehr werden sein Bruder (Walter Coy) und dessen heimlich von ihm geliebte Frau Martha (Dorothy Jordan) mit ihren Kindern von Indianern auf dem Kriegspfad ermordet und die jüngste Tochter Debbie entführt. Zusammen mit dem Halbblut Martin Pawley (Jeffrey Hunter) macht er sich auf die Suche nach den Indianern und dem Mädchen. Während Pawley hofft, noch Überlebende zu finden, treibt Ethan der Durst nach Rache. Ihre fanatische Suche entwickelt sich zu einer jahrelangen Odyssee durch Amerikas Wilden Westen…

    Während amerikanische Fachleute dem Western eine selbstkritische Sicht auf die eigene Vergangenheit attestieren, können diverse Europäer damit nicht allzu viel anfangen, manche gehen sogar so weit zu behaupten, „Der schwarze Falke“ sei rassistisch. Tatsächlich stößt die Selbstkritik von „Der Schwarze Falke“ für vermeintlich objektive Betrachter schnell an seine Grenzen; der glorifizierte Mythos vom tapferen und einsamen Siedler im von wilden Naturvölkern „besetzten“ Feindesland lässt sich auch in „Der Schwarze Falke“ finden. Warum auch nicht? „Der Schwarze Falke“ ist nun mal ein amerikanischer Film über die eigene Geschichte, über den eigenen Mythos. Da sollte die Pflege eigener Legenden nicht weiter verwundern, zumal Mythos und Glorifizierung auch in Europa keine Fremdwörter sind. Im Rahmen seiner sich selbst gesetzten (Genre-)Grenzen kann „Der schwarze Falke“ aber durchaus eine differenzierte Sicht der Dinge aufweisen.

    Neben nachdenklich stimmenden Qualitäten, auf die noch weiter eingegangen wird, gefällt „Der Schwarze Falke“ insbesondere als großartig gefilmter Abenteuer-Western. Die flott erzählte Handlung erstreckt sich über Jahre hinweg. Da ist - auch schon wegen der weitläufigen Landschaftsaufnahmen - epische Breite garantiert. Obgleich einigen Szenen ihre Studioherkunft anzusehen ist, wurde das meiste doch an Originalschauplätzen gedreht. Das Resultat ist eine authentische Atmosphäre, aufgebaut durch bildgewaltige Panoramaaufnahmen. Indianer, Pferde, einsame Farmen und Gewehre machen das staubig-abenteuerliche Setting perfekt. Wenn dann auch noch John Ford der Regisseur eines solchen Westerns ist, kann sich der Genreliebhaber erst recht beruhigt zurücklehnen und genießen. Er ist der amerikanische Western-Regisseur schlechthin und seine Arbeit mit „Der Schwarze Falke“ gehört inszenatorisch zum Besten, was er und das Genre insgesamt hervorgebracht haben.

    In „Der Schwarze Falke“ gehen Tragik und Komik Hand in Hand. Zahlreiche komische Elemente, die vor allem die Kauzigkeit verschworener Ansiedler - den „Frontiers“ - aufgreift, lockern die an sich düstere und erbarmungslose Geschichte auf. Die meisten Lacher vereint Ward Bond als Pastor, Sheriff und Kapitän einer nicht ganz so freiwillig zusammengestellten Freiwilligenarmee in Personalunion auf sich. Wie die meisten Charaktere ist aber auch seine joviale Figur ambivalent, ein fehlerfreier Strahlemann ist er nicht. Hank Worden als der alte, etwas verrückte Mose Harper sorgt für einige Schmunzler, was von seiner tragischen Vergangenheit nicht behauptet werden kann. Während Pawley (Jeffrey Hunter) durch die Staaten einem Phantom hinterher jagt, will die hübsche Laurie Jorgensen (Vera Miles), die sich in ihm verliebt hat, nicht ewig auf ihn warten. Ihre Beziehung hält einige Lacher parat, dient aber auch als schönes Beispiel, wie Pawley sein richtiges Leben für seinen und vor allem Ethans (John Wayne) Fanatismus an sich vorbei ziehen lässt. Auf Ethans ergo John Waynes Schultern lastet indes die gesamte Geschichte und der gesamte Film. Er ist Identifikationsfigur und Bad Guy in einem. Als tragische, von Hass zerfressene Gestalt, enttäuscht und verbittert, beweist John Wayne sein Können und seinen Ausnahmestatus im Genre. Die Reise durch Amerikas Wilden Westen ist auch eine Reise in Ethans Ich und eine Möglichkeit zur Läuterung.

    Es kommt nicht von ungefähr, dass Pawley ein Habblut ist. Lange hat Ethan deutlich Mühe, ihn als gleichwertig zu akzeptieren. „Der Schwarze Falke“ strotzt vor kleinen Details und Andeutungen, die es auszulegen und erfassen gilt. Der aufmerksame Zuschauer wird auf für das Genre erstaunlich viele davon treffen (z.B. die lediglich durch Blicke und kleine Gesten gezeigte Liebe des Ethan seiner Schwägerin gegenüber). Diese und die erzählerischen sowie inszenatorischen Qualitäten erhöhen nicht nur den Anspruch des Films, sondern begründen auch seinen Klassikerstatus in Amerikas Cineastenlandschaft.

    Die allgemein bekannten, rassistischen Vorurteile gegenüber den Indianern manifestieren sich in der zwiespältigen Figur des Ethan Edwards, eben kongenial dargestellt von John Wayne. In „Der Schwarze Falke“ stellt Wayne einmal mehr unter Beweis, dass er auf Grund seines Erscheinungsbildes und einer zugegebenermaßen hölzernen Art definitiv zur unterschätzten Abteilung der Schauspielerzunft gehört. Lieber sehe Ethan das entführte Mädchen Debbie tot, als in den Händen der Comanchen, jener Wilden, bei denen sie kein menschenwürdiges Leben führen kann. So seine Meinung. Bestätigt wird er während seiner Odyssee durch Amerika von zwei geisteskrank gewordenen Siedlermädchen, die einst von Indianern entführt und von US-Soldaten wieder befreit wurden. Begründen kann solch ein Umstand aber auch der Unterschied zwischen beide Kulturen und nahe legen, wie sich die Indianer unter Weiße wohl fühlen mögen. Aber so weit denkt Ethan nicht. Als einsamer Wolf hat er seine eigene verbohrte Sicht auf die Dinge und wird vor allem von blindem Hass getrieben. An dieser Stelle könnte das Publikum anfangen, sich über das Subjekt des Hasses lustig zu machen, dem Schwarzen Falken, der ziemlich offensichtlich von einem nicht-indianisch ausschauenden Darsteller gemimt wird. Auf der anderen Seite bekommt der vermeintlich Böse und zu Jagende im Film aber ein nicht so fremdartiges und dadurch für viele Betrachter gleich freundlicheres Antlitz. Ein gar nicht mal so dummer Schachzug.

    Am Ende bricht die von blindem Eifer getriebene „Rettungsmannschaft“ in einem Indianerlager ein Blutbad vom Zaun. Der Betrachter muss schon sehr unaufgeklärt sein, um darin und in einigen Facetten des Ethan Edwards „Rassismus- und Völkermordverherrlichung“ zu sehen. Auch wenn uns der Gedanke in Europa behagt, so unaufgeklärt sind die Amerikaner nicht. Was wir als Rassismus zu entlarven glauben, sieht das mit der eigenen Geschichte vertraute amerikanische Publikum schon lange (selbst)kritisch und ist sich ein erfahrener Genreregisseur wie John Ford sehr wohl bewusst. Summa a summarum ist „Der Schwarze Falke“ nicht nur ein qualitativ hochwertiger, ausgezeichnet gespielter, erzählter und inszenierter Western, sondern eben auch ein kritischer, einer der nachdenklich stimmen kann und über den bloßen romantisierten Unterhaltungswert hinaus den Betrachter lange nach Genuss noch nicht loslässt. Wahrlich ein Meisterwerk.

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