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    Rollerball
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Rollerball
    Von Ulrich Behrens

    Watergate und Vietnam, die „Ölkrise“ und die 68er-Bewegung – das alles war noch so nah, als Norman Jewison („In der Hitze der Nacht“, 1968; „Hurricane“, 2000) 1975 „Rollerball“ drehte. Die amerikanische Gesellschaft stand vor einem Scherbenhaufen, ohne dass das wirklich jemand zugeben wollte. Man wälzte sich in „Vergangenheitsbewältigung“ der speziellen Art: man blickte „einfach“ in die Zukunft. William Harrisons Geschichte einer nicht allzu fernen zukünftigen Gesellschaft zeichnet unsere Welt als eine von einer Handvoll mächtiger Konzerne beherrschte, repräsentiert durch Rollerball, einen „Sport“, in dem es mehr als hart zur Sache geht.

    Jonathan E. (James Caan) ist der Held dieses Sports, einer Mischung aus Motorradsport, Pinball und Skating, gespielt in einer Arena vor tosendem Publikum, weltweit übertragen durch die Medien. Nicht nur Jonathan, alle Menschen dieser Welt sind „versorgt“; der Konsum ist zum Lebensinhalt geworden. Alles erinnert an eine moderne Variante von Brot und Spiele. Frauen werden den Spielern „zugeteilt“, sind zur Ware verkommen. Mackie (Pamela Hensley) wurde Jonathan einst zugeteilt, dann ihm auf Befehl eines der Konzernchefs, Bartholomew (John Houseman), wieder weggenommen, ersetzt durch Daphne (Barbara Trentham) und Ella (Maud Adams).

    Jonathan spielt „sein“ Spiel. Als Skater neben den Motorradfahrern des Houston-Teams greift er nach der Kugel, die in eine Art Tor geworfen werden muss, das sich am Rand der Arena befindet. Fouls sind an der Tagesordnung, und nur schwere Fouls werden bestraft. Gegner werden vom Motorrad geholt, umgeworfen, verprügelt. Noch wachen Schiedsrichter darüber, dass die Spiele nicht völlig ausarten. Als Moonpie (John Beck) zum Houston-Team stößt, scheint die Mannschaft unschlagbar.

    Dann allerdings passiert etwas Merkwürdiges. Bartholomew fordert Jonathan auf, sich aus dem Sport zurückzuziehen. Gründe nennt er ihm nicht. Teamchef Rusty (Shane Rimmer) ist Jonathan keine Hilfe, um gegen diese Entscheidung zu protestieren. Protest gibt es in dieser Gesellschaft der Gleichgültigkeit, des ewig Gleichen, sowieso nicht. Man hat zu akzeptieren, was die Konzerne entscheiden. Man folgt. Die Frage irgendeines Widerspruchs taucht erst gar nicht auf. Nur Jonathan will nicht verstehen, warum er als Champion des Rollerballs aufgeben soll. Er forscht nach, begibt sich in eine von Computern gesteuerte Bibliothek des „Weltwissens“, will wissen, wie die Konzerne zu ihren Entscheidungen kommen. Aber er findet nichts.

    Jonathan E. spielt weiter – gegen die Anweisungen von Bartholomew, der inzwischen in Absprache mit den anderen mächtigen Konzernen entschieden hat, dass bei einem Spiel in Japan Regeln außer Kraft gesetzt werden: Fouls werden nicht mehr bestraft, die Spielzeit wird nicht begrenzt. Die Folgen dieser Anweisung sind offensichtlich: Es wird gespielt, bis nur noch einer übrig bleibt. Jonathan E. spielt mit – ein Spiel auf Leben und Tod.

    Die Welt, die Jewison uns zeigt, unterscheidet sich in ihrem Äußeren kaum von unserer Realität. Man ist nicht anders gekleidet, die Städte sind wie unsere Städte, alles scheint unsere Welt zu sein. Man spürt deutlich die Verzweiflung, Hilflosigkeit und Enttäuschung einer Zeit, die in der Inszenierung in eine Welt der Ignoranz, des kalten Machtdenkens und der Skrupellosigkeit mündet. Jonathan E. erscheint als jemand, der dies spürt, der die Selbstverständlichkeit eines gleichgültigen, beliebigen Lebens, das eher einem Dahinvegetieren gleicht, in Frage stellt. Jewison und Harrison setzen dieser korporierten, im wahrsten Sinn des Wortes „un-ethischen“ Welt das Individuum entgegen, das seine Individualität erkennt, sich aber nur wehren kann, indem es das Spiel weiterhin mitspielt. Jonathan bleibt nur der einsame Weg durch das Spiel, um es als einziger zu gewinnen.

    Das alles bedeutet nicht die Predigt eines obskuren und oberflächlichen, fast möchte man sagen egozentrischen Individualismus, wie sie in so vielen Filmen späterer Jahre gepflegt wurde. Jonathan E. ist eher jemand, der ein zunächst nur unbestimmbares Gefühl dafür hat, dass in dieser, auch seiner Welt etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Er entdeckt die ethischen Momente der Menschheitsgeschichte wieder, über die Rebellion – und kann dies trotz allem nur, indem er sich den Regeln der Konzerne für das regellose Spiel aussetzt: ein bedrückendes Finale steht am Ende des Films.

    Man vergleiche in dieser Hinsicht Jewisons Film mit dem „Remake" von John McTiernan aus dem Jahre 2002. Bei McTiernan dreht sich alles ins Gegenteil, er versetzte die Geschichte nach Russland und Kasachstan und predigte eine dummdreiste Welt der Gleichgültigkeit und Gewalt – wohl einer der schlechtesten Filme aller Zeiten (Kritik: hier).

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