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    Cypher
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Cypher
    Von Björn Helbig

    Seit seinem Meisterwerk „Cube“ ist der Name Vincenzo Natalie den Fans ein Begriff. So wurde sein Anschlussfilm zumindest im Kreise dieser treuen Gemeinde warmherzig aufgenommen. Obwohl Natalie mit „Cypher“ auf Festivals mehrere Preise gewann, darunter z.B. den ‚Goldenen Raben’ beim Internationalen Festival des Fantastischen Films in Brüssel, ist der Regisseur aber auch heute noch nicht viel mehr als ein Geheimtipp. Dabei kann sich die kalte Zukunftsvision „Cypher“, in der eine warm glühende Liebesgeschichte versteckt ist, durchaus sehen lassen.

    Der Jedermann Morgan Sullivan (Jeremy Northam) bewirbt sich bei dem Technologie-Unternehmen Digicorp als Industriespion. Nach zahlreichen Tests, die seine Glaubwürdigkeit bestätigen, wird er angenommen. Mit neuer Identität – von nun an ist er Jack Thursby – wird er auf Kongresse des konkurrierenden Industriegiganten Sunway Systems geschickt, um die dort gehaltenen Vorträge aufzuzeichnen. Sullivan tut wie ihm geheißen. Er bereist Amerika, besucht nichtssagende Veranstaltungen, deren sinnlose Inhalte er brav an Digicorp weiterleitet und füllt dabei seinen Thursby-Charakter mit Leben: Im Gegensatz zu Sullivan ist dieser Raucher und weiß einen guten Tropfen Single Malt durchaus zu schätzen. Es ist beinahe so, als wäre das Thursby-Kostüm viel bequemer... Dann lernt er während eines Kongresses die geheimnisvolle Rita Foster (Lucy Liu) kennen, die ihm ein Stück weit die Augen öffnet über ihn und seine Tätigkeit. Sullivans gesamte Welt gerät ins Wanken. Sogar seiner selbst kann er sich nicht mehr sicher sein.

    Vordergründig ist „Cypher“ ein Agententhriller. In einem alternativen Amerika irgendwann zwischen Jetzt und Später wird der Protagonist auf eine undurchsichtige Odyssee geschickt. Ehe am Schluss alle Fäden zusammenlaufen, lässt Natalie ihn lange Zeit im Dunkeln tappen. Anders als bei „Cube“, wo immerhin die Grundpfeiler in der ersten halben Stunde abgesteckt sind, fühlt man sich in „Cypher“ über einen längeren Zeitraum verlassen. Das Gefühl der Desorientierung teilt der Zuschauer hierbei mit dem Helden des Films, der so gar nicht wie ein Held wirkt. Dessen „Ich“ scheint im Irrgarten der Identitäten verloren gegangen zu sein. Hierbei offenbart sich gleich die erste große Stärke des Films durch die Besetzung von Jeremy Northam (Gosford Park, Enigma - Das Geheimnis) als Sullivan als Thursby als … Dieser schafft es, die Instabilität seiner Figur und deren Persönlichkeiten hervorragend darzustellen: Einerseits hilflos und Marionette übermächtiger Puppenspieler, anderseits seltsam unbeirrbar und wie auf Schienen Station um Station ansteuernd. Dass „Cypher“ von den Zuschauern dann doch nicht so geliebt wurde wie der intensiv-harte „Cube“ liegt vermutlich auch daran, dass sich seine Kritik an einer Gesellschaft in der Tristesse der Bilder widerspiegelt, die zeigen, dass der Mensch weniger wert ist als die ungenannten Produkte von Sunway Systems und Digicorp und auch der menschliche Geist lediglich als manipulierbare Funktion betrachtet wird. Graue Szenarien und mit Ausnahme von Lucy Lius Rita-Charakter gesichtslose Figuren – all das sowie die Tatsache, dass sich der Zuschauer genau wie Sullivan über lange Distanzen orientierungslos fühlt, machen den Film reizvoll aber auch schwieriger konsumierbar.

    Gerade in der anspruchsvollen Story und der Symbiose von Form und Funktion der Bilder liegt der Reiz des Films. Natalie, sein Kameramann Derek Rogers und der für die Musik verantwortliche Michael Andrews liefern ein stimmiges Ganzes ab. Nach dem filmischen Verwirrspiel, den Finten und falschen Fährten, wirkt das Ende dann beinahe trivial. Doch gerade die von Kitsch nicht ganz freie Schlusspointe bereichert „Cypher“ um eine Perspektive, die ihn mehr sein lässt als ein einfacher Psychothriller im dystopischen Gewand. „Cypher“ ist weder so nervenaufreibend wie sein Vorgänder „Cube“, noch verfügt er über dessen allegorische Kraft. Aber wo „Cube“ dem Zuschauer am Ende nur den Ausweg in ein unbestimmtes Weiß anzubieten hat, traut „Cypher“ sich, eine bestimmtere Antwort zu geben: Liebe. Dass gerade Zigaretten und Whisky als Realsymbole für den Widerstand gegen eine unmenschliche Gesellschaft stehen, mag man dem Film verzeihen.

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