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Confusion - Sommer der Ausgeflippten
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Confusion - Sommer der Ausgeflippten
Von Andreas Staben
Die Schulzeit ist für uns alle eine prägende Erfahrung, ob wir nun gerne daran zurückdenken oder die Erinnerungen an sie lieber in den Untiefen des Unterbewusstseins belassen. Das amerikanische Kino hat mit dem Highschool-Film gar ein eigenes Genre zum Thema hervorgebracht, in dem Freud und Leid des Teenager-Lebens mit Vorliebe zum Gegenstand komödiantischer Zuspitzung gemacht werden. Dabei steckt in den besseren dieser Filme – von den Werken des kürzlich verstorbenen John Hughes (Breakfast Club, Ferris macht blau) über „Clueless“ bis hin zu American Pie – immer auch ein dramatischer Kern, eine Substanz, die das Lebensgefühl der porträtierten Generation zum Ausdruck bringt. Ein besonders herausragender und durchaus eigenwilliger Vertreter des Genres ist Richard Linklaters 1993 entstandener „Dazed And Confused“. Der texanische Filmemacher blickt zurück in die Siebziger, in denen er selbst die Highschool besuchte. Er verzichtet dabei nicht nur auf die nostalgische Verklärung, von der ein Werk wie George Lucas' in den 50er Jahren angesiedelter American Graffiti durchtränkt ist, sondern auch weitgehend auf eine Handlungsführung im klassischen Sinn. Dafür zeigt der Regisseur ein echtes Gespür für Atmosphäre und Zeitgeist im Großen wie im Kleinen und wartet mit vielversprechenden Jungdarstellern im Dutzend auf, von denen einige später eine große Karriere hinlegen sollten.

28. Mai 1976, der letzte Schultag vor den Sommerferien an der Lee High School irgendwo in Texas: Die finalen Unterrichtsstunden werden nur noch träge abgesessen, die Gedanken sind längst bei den Jahresabschlussritualen. Die Seniors des neuen Abschlussjahrgangs drangsalieren die Neulinge, die noch vor ihrem ersten tatsächlichen Schultag an der Highschool mit Schlägen und Demütigungen willkommen geheißen werden. Bevor am Abend eine Party in der vermeintlich sturmfreien Bude des Drogenbeschaffers stattfinden soll, wird herumgefahren und abgehangen, gekifft, geflippert und Pool gespielt. Als die Sause wegen schlechten Timings ausfällt, wird ausreichend Bier besorgt und die Festivität findet kurzerhand außerhalb der kleinen Stadt im Freien statt...

An die zwanzig mehr oder weniger ausdefinierte Charaktere bevölkern Linklaters Reigen. Während bei Ensemblefilmen sonst oft Klischees angehäuft werden, die in ihrer Summierung ein Gesellschafts-Panorama oder eine Milieustudie ergeben sollen, kommt es in „Dazed And Confused“ auf die Stimmigkeit von Momenten und Situationen an. Auch hier gibt es Nerds und Sportstars, Schüchterne und Angeber, Nachdenkliche und Zielstrebige – aber sie werden (fast) nie auf ihren Typus reduziert. Statt die Figuren einer erzählerischen Funktion und einer wohlstrukturierten Handlung unterzuordnen, macht sich Linklater die Ziellosigkeit der Schüler zu eigen. Dafür ist er ganz bei ihnen, wenn sie im Rhythmus handverlesener 70er-Jahre-Rockmusik von Aerosmith bis ZZ Top mit ihren Pontiacs und Chevrolets durch die Gegend düsen, cool an einer Wand lehnen oder sich verlegen durchs Haar streichen. „Dazed And Confused“ wirkt nie wie ein Historien- oder Ausstattungsfilm, auch wenn Frisuren und Kleidung ebenso wie (pop-)kulturelle und politische Anspielungen (von der als verlogen empfundenen amerikanischen 200-Jahr-Feier bis hin zu Despektierlichem über Präsident Ford) absolut überzeugend sind.

Das Ringen mit sozialen Anforderungen und persönlicher Verantwortung ist in Linklaters locker fließender Erzählung noch am ehesten als Leitmotiv auszumachen. Davon erzählt der Bildungsroman en miniature mit dem jungen Mitch Kramer (Wiley Wiggins) im Zentrum, der von Footballstar Randall „Pink“ Floyd (Jason London, To Wong Foo) in die Welt der älteren Schüler eingeführt wird. Und darum geht es natürlich auch bei dessen Zögern, die vom Coach verlangte Verzichtserklärung zu unterschreiben, mit der der hoffnungsvolle Sportler nicht nur den Drogen und dem Alkohol abschwören soll, sondern indirekt auch seinen Freunden, den Kiffern und Losern. Jason London verzichtet in seiner Darstellung des allseits beliebten Pink auf jede Überhöhung, seine Einfühlsamkeit und Loyalität wirken ohne große Gesten umso echter. Durch absolute Natürlichkeit zeichnet sich auch Wiley Wiggins aus, mit umwerfendem Staunen im Blick schwankt er zwischen Verlegenheit und erwachendem Selbstbewusstsein. Linklater sollte sich an das Gesicht erinnern, als er einen Protagonisten für die übermalten Welten seines philosophischen Kinotraums Waking Life suchte.

Nicht nur London und vor allem Wiggins zeigen großes Talent, auch Rory Cochrane („CSI: Miami“) als ständig bekiffter Slater und Anthony Rapp (Rent) als nerdiger Sonderling Tony ragen heraus. Sie verleihen ihren Figuren deutlich mehr Tiefe als genreüblich. Nur einer aus der hervorragenden Darstellerriege versucht sich weitgehend erfolglos an einer zugegebenermaßen undankbaren Rolle: Ben Affleck (Armageddon, Die Hollywood-Verschwörung) als brutaler Sitzenbleiber O'Bannion ist ein Bully in Reinkultur, ihm gönnt Linklater keine andere Seite als den sich in Gewalt entladenden Frust. Entsprechend wird er wenig feierlich auf halber Strecke aus dem Film entfernt. Die hier offen zu Tage tretende Aggression schwingt über die gesamte Dauer mit, dieses etwas diffuse Unbehagen (nicht umsonst will Pink von der Schulzeit als „den besten Jahren unseres Lebens“ nichts wissen) sollte in späteren Linklater-Filmen wie „SubUrbia“ und „Tape“ aufgegriffen und ausdifferenziert werden

In der Parade der kleinen und großen Stars - es begegnen uns die Indie-Ikonen Joey Lauren Adams (Chasing Amy) und Parker Posey („Party Girl“, „Flirt“), die spätere Action-Amazone Milla Jovovich (Das fünfte Element, Resident Evil) und weitere bekannte Gesichter wie Adam Goldberg (Der Soldat James Ryan, 2 Tage Paris) und Nicky Katt („Boston Public“) - gibt es dann sogar noch einen wahren Kultcharakter: Der von Matthew McConaughey (Sahara, Contact) mit unnachahmlicher Lässigkeit und breitestem texanischem Akzent versehene Wooderson kann auch neben einer Legende wie Sean Penns Jeff Spicoli aus „Ich glaub', ich steh' im Wald“ bestehen. Der Autofreak, der die Schule eigentlich schon längst hinter sich hat, mag sich nicht von ihr lösen - schließlich bleiben die Mädchen hier immer jung, während er immer älter wird. Er ist im Grunde eine traurige Gestalt, aber für Linklater zugleich spürbar ein besonderer Sympathieträger.

Kaum ein Filmemacher hat die Kunst des Müßiggangs, die Welt der Rumtreiber und Faulenzer seit seinem prototypischen „Slacker“ so treffend eingefangen wie Richard Linklater - wie dem stehengebliebenen Wooderson ist auch dem Regisseur ein zielstrebiges Fortkommen nicht so wichtig. „Dazed And Confused“ spielt nicht zufällig an einem einzigen Tag (wieder einmal lockt der deutsche DVD-Titel „Confusion – Sommer der Ausgeflippten“ in mehr als nur einer Hinsicht auf eine völlig falsche Fährte), ähnlich wie bei seinen Romanzen Before Sunrise und Before Sunset setzt Linklater die Zeit gleichsam aus. Quentin Tarantino, der „Dazed And Confused“ zu seinen Lieblingsfilmen zählt, bringt es auf den Punkt: „Das gelegentliche Wiedersehen mit Wooderson, Pink und Co. ist wie das Herumhängen mit alten Freunden.“
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