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Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
1,5
enttäuschend
Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen
Von Jürgen Armbruster
Hinter dem wohl dämlichsten Titel des bisherigen Kinojahres – dicht gefolgt von Fäkal-Trip „Dumm und Dümmerer" – verbirgt sich die Verfilmung von Alan Moores Comic „LXG – The League Of Extraordinary Gentlemen“, das im deutschsprachigen Raum zur unbekannteren Sorte gehört und allenfalls ein Mauerblümchendasein fristet. In den USA, dem Mutterland des Comics, erfreut sich Moores Kreation hingegen großer Beliebtheit. Was Special-Effect-Veteran und „Blade"-Regisseur Stephen Norrington aus dem ihm vorliegenden Stoff machte, ist allerdings mehr schlecht als recht und definitiv der bisher schwächste Beitrag zum nicht enden wollenden Comic-Boom.

Eigentlich ist es fast schon eine Frechheit, was Alan Moore, von dem im Übrigen auch die Vorlage zu „From Hell" stammte, mit seiner „Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ in die Welt setzte. Die Zeit, die andere Autoren in die Konzeption eigener Charaktere investieren, verbrachte Moore offenbar in einer Bibliothek. Seine Devise war offensichtlich, möglichst viele Romanfiguren in einer fiktiven Welt zu vereinen. Dass sich die Schöpfer dieser Figuren dabei im Grab wälzen würden, störte ihn dabei nicht. Aus Mark Twains „Tom Sawyer“ wurde ein wild um sich ballernder, amerikanischer Geheimagent. Jules Vernes Kapitän Nemo ist nach dem Willen Moores ein Freibeuter der Meere und obendrein Meister der asiatischen Kampfkünste. Bei Robert Louis Stevensons „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ mussten ebenso wie bei der von Bram Stoker entliehenen Vampirbraut Mina Harker kaum Änderungen vorgenommen werden. Ganz im Gegensatz dazu steht Dorian Gray, der mit der Figur aus Oscar Wildes Erzählung nur noch den Namen, die Unsterblichkeit und sein arrogantes Auftreten gemeinsam hat. Der von H.G. Welles erdachte Unsichtbare mit dem Namen Rodney Skinner darf natürlich auch nicht fehlen. Abgerundet und angeführt wird die Liga von Allan Quatermain, dem Archetypus des draufgängerischen Einzelgängers. So verrückt wie sich diese wilde Zusammenstellung auch anhören mag, im Comic funktionierte sie kurioser Weise prächtig.

Vereint wird diese Ansammlung von Superhelden in einer alternativen Version des Jahres 1899, in dem fortschrittliche Technologien wie U-Boote und Panzerfahrzeuge mit Fantasy-Elementen und reale Gegebenheiten wild durcheinander gemischt werden. Der Oberschurke, den es Dingfest zu machen gilt, nennt sich im vorliegenden Fall origineller Weise „Das Phantom“. So lächerlich der Name auch ist, so ist die von ihm ausgehende Bedrohung doch immens. Sein Plan ist es, neu entworfene und hoch überlegene Waffensysteme an die meistbietende Nation zu verhökern, was das Gleichgewicht der Mächte vollkommen aus den gewohnten Bahnen werfen und zu einem neuen Weltkrieg führen würde. Um dies zu verhindern, gründet der mysteriöse M (Richard Roxburgh) – hinter dessen Kürzel sich eine weitere bekannte Romanfigur verbirgt – „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“. M ist der Meinung, dass nur sie in der Lage ist, der Bedrohung Herr zu werden. Ihr erstes Ziel ist Venedig, wo sich die Staatsoberhäupter aller führenden Nationen zu einer geheimen Konferenz treffen, um über eine gemeinsame Vorgehensweise gegen die aufkommende Bedrohung zu beraten. Dass dies auf das Phantom eine ähnlich anziehende Wirkung hat, wie das Licht auf eine Motte, liegt auf der Hand.

Die Geschichte, die in gedruckter Form noch für durchaus gepflegte und kurzweilige Unterhaltung sorgen kann, ist das erste große Manko des Films. Die vermeintlich überraschenden Handlungswendungen sind viel zu offensichtlich, als dass das Publikum zu irgendeinem Zeitpunkt vom Gesehenen überrascht oder gar gefesselt wird. Darüber hinaus sind die Charaktere einfach zu platt. „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ krankt an demselben Umstand wie Bryan Singers „X-Men". Es sind einfach zu viele Charaktere vorhanden, wodurch zwangläufig einige davon in den Hintergrund gedrängt werden. Zwar wurde hier eindeutig der Fokus auf Allan Quatermain gelegt, doch es wäre durchaus wünschenswert gewesen, mehr über die eine oder andere Person zu erfahren. Warum schließen sich Mina Harker und Kapitän Nemo der Liga an? Warum wird aus dem anfangs unkontrollierbaren Mr. Hyde schlagartig ein zahmes Schoßhündchen? Ein wenig mehr Informationen hätten es schon sein dürfen. So müssen sich die Drehbuchautoren vorwerfen lassen, dass sie ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben.

Einen äußerst zwiespältigen Eindruck hinterlässt die technische Umsetzung. Beginnen wir zunächst mit den positiven Aspekten. Als gelungen kann beispielsweise das Design von Nemos Nautilus und deren sechsrädrigen Landablegers bezeichnet werden. Nett anzuschauen sind zumindest phasenweise auch das im viktorianischen Stil gehaltene Venedig oder die gigantischen Produktionsanlagen, in denen das große Finale stattfindet. Das war’s dann aber auch schon. Leider sind die Miniatur-Modelle all zu oft als eben solche zu entlarven. Überhaut wirkt „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ aus technischer Sicht wie ein Film aus längst vergangenen Zeiten. Der komplett am Computer erschaffene Charakter Mr. Hyde wirkt keinesfalls wie eine bedrohliche Monstrosität. Im Gegenteil, der wirkt irgendwie niedlich und schaut am ehesten aus, wie ein in der Mikrowelle erhitztes Kinderspielzeug. Negatives Highlight ist jedoch die Umsetzung der Explosionen. Es ist fast schon eine Frechheit, dass man im 21. Jahrhundert noch so etwas vorgesetzt bekommt. Die verschiedenen Layer (=die verschiedenen Ebenen eines Bilds) sind selbst für das ungeübte Auge mehr als deutlich zu erkennen. Explosionen und Bildhintergrund passen oftmals ganz und gar nicht zueinander. Obendrein wird noch oftmals der alte Trick angewandt, dass der entstehende Feuerball derartig überdimensioniert wird, dass der Bildhintergrund nicht mehr weiter manipuliert werden musste. Dieses Verfahren war man in den 70er und 80er Jahren, als die tricktechnische Entwicklung noch in den Kinderschuhen steckte, gewohnt, doch heute wird selbst in TV-Serien qualitativ hochwertigere Arbeit vorgelegt. Von einer Kinoproduktion mit einem 78 Millionen Dollar großen Budget darf man – nein, man MUSS – mehr erwarten dürfen.

Als ob dies nicht schon genug wäre, weiß obendrein auch noch die Darstellerriege nicht wirklich zu überzeugen. Allen voran sei hier Sean Connery genannt. Connery zählt zweifelsohne zu einem der begnadetsten Charaktermimen seiner Altersklasse, den Allan Quatermain nimmt man ihm mit seinen nunmehr 73 Lenzen allerdings nicht mehr ab. Schon „Verlockende Falle“ war hart an der Grenze zur Peinlichkeit, doch nun hat er diese eindeutig überschritten. Connery sollte so langsam aber sicher die Zeichen der Zeit erkennen und sich durch derartige Missgriffe nicht seinen guten Ruf ruinieren. Einziger, wenn auch kleiner Lichtblick, ist Stuart Townsend, dem die Rolle des undurchsichtigen und arroganten unsterblichen Dorian Gray auf den Leib geschrieben zu sein schein. Über den Rest des Cast kann man ruhigen Gewissens den Mantel des Schweigens legen.

Wer von „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ eine weitere durchaus unterhaltende Comic-Adaption der Marke „X-Men" oder „Hulk" erwartete, wird bitter enttäuscht sein. An der Comic-Vorlage lag dies sicherlich nicht. Hier waren einfach nur die falschen Männer am falschen Ort versammelt: Der falsche Regisseur, die falschen Drehbuchautoren, die falschen Darsteller, die falschen Special-Effects-Spezialisten…
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