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25 Stunden
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
25 Stunden
Von Carsten Baumgardt
Ein Mann fauler Kompromisse war der radikale Filmemacher Spike Lee („Do The Right Thing“) noch nie. Auch wenn der große Star des Black Cinemas etwas milder geworden ist, so lässt sein neuestes Großstadt-Drama „25 Stunden“ nichts an Härte vermissen. Sein Charakterporträt überzeugt durch glänzende Darstellerleistungen und eine sensationell stimmige Atmosphäre.

Noch 24 Stunden hat Monty Brogan (Edward Norton) Zeit. Dann endet für den 31-Jährigen die Freiheit – zumindest für die nächsten sieben Jahre. In 24 Stunden muss der ehemalige Drogendealer seine Haftstrafe antreten. Er lässt noch einmal sein verkorkstes Leben Revue passieren, trifft sich mit seinen beiden besten Freunden, dem arroganten Wall-Street-Broker Francis (Barry Pepper) und dem schüchternen Highschool-Lehrer Jakob (Philip Seymour Hoffman). In dieser Nacht will Monty außerdem herausfinden, wer ihn bei der Polizei verpfiffen hat. Eine Person aus seinem nahen Umfeld. War es seine Freundin Naturelle (Rosario Dawson) oder sein krimineller Kumpel Kostya (Tony Siragusa)? Die Zeit tickt und die 25. Stunde, in der er im Gefängnis antreten muss, naht...

Ursprünglich ließ sich Jung-Star Tobey Maguire die Adaption von David Benioffs Roman vom Autor persönlich auf den Leib schreiben. Da Maguire aber „Spider-Man" dazwischen kam, ging die Rolle an den nicht weniger talentierten Edward Norton („Roter Drache", „Fight Club"), der den exzellenten Cast anführt. Maguire beschränkte sich auf die Rolle des Produzenten. Regie-Extremist Spike Lee geht es diesmal zwar etwas ruhiger an und lässt den erhobenen Zeigefinger dankenswerterweise in der Hosentasche, an moralischer Explosivität hat „25 Stunden“ dennoch einiges zu bieten. Nortons Hauptfigur ist ein Drogendealer, geläutert zwar, aber im Kern ist er immer noch ein Schwerkrimineller. Auf der Suche nach dem verlorenen Leben und dem verschenkten Glück lässt er die verpassten Chancen und falschen Entscheidungen noch einmal an sich vorbeiziehen und versucht, mit sich ins Reine zu kommen, sich auf das neue, unsagbar harte Leben im Knast so gut es geht vorzubereiten und mit dem alten Leben sauber abzuschließen.

Edward Norton, einer der besten Schauspieler seiner Generation, hält sich erstaunlich diszipliniert zurück. Keine großen Gesten, kein aufbrausendes Spiel, nein, die kleinen Gesten zählen hier. Stück für Stück setzt er das Porträt seines Charakters zusammen. Dass Philip Seymour Hoffman („Punch-Drunk Love", „Magnolia"), der wohl beste Loser-Darsteller Hollywoods, nicht hinter Norton zurücksteht, war klar. Für seine Darstellung des schüchternen, verstörten Lehrers Jakob brauchte es keiner sonderlichen Anstrengung. Seine Leistung ist dennoch überzeugend wie immer. Überraschend ist hingegen der superbe Auftritt von Barry Pepper („Der Soldat James Ryan"). Bisher war er noch nicht großartig in Erscheinung getreten, doch sein Wall Street-Arschloch ist wesentlich vielschichtiger als es zunächst scheint. Nach und nach, je mehr Monty/Norton von seinem Freund fordert, bröckelt die coole Fassade langsam ab. Souverän agieren die weiteren zentralen Figuren. Brian Cox als Nortons tapferer Ex-Alkoholiker-Vater und Rosario Dawson als Freundin Naturelle. Der ehemalige Kinderstar Anna Paquin („X-Men 2", „Almost Famous") ist wunderbar wie eh und je, verschwindet aber nach ihrer größten Szene von der Bildfläche.

Stilistisch hat sich Spike Lee einiges einfallen lassen. Von einer konventionellen Erzählweise will er nichts wissen. Die Geschichte führt zwar linear voran, wird jedoch immer wieder von Rückblenden, die die Charaktere vertiefen und zuvor angedeutete Details verdeutlichen, unterbrochen. Dabei arbeitet Lee mit technischen Mätzchen wie Farbverfremdungen und Bildverdopplungen, um Momente zu verstärken. Das alles ist nichts für Zartbesaitete. Eine richtig positive Identifikationsfigur gibt es nicht. Monty ist zwar dabei vom Bösen abzukehren, aber seine weiße Weste hat zu viele dunkle Flecken. Lee macht diesmal aber nicht wieder den Fehler, Montys Handeln zu verurteilen. Er beobachtet, kommentiert aber nicht. Das Ganze ist alles andere als ein Kindergeburtstag. Besonders die radikale Entscheidung Nortons zum Ende hin, zerrt an den Nerven. „25 Stunden“ ist über gut zwei Stunden ohne Zweifel deprimierend. Hoffnung gibt es wenig, nur manchmal blitzt sie auf. Besonders beim experimentellen Schluss, in dem Brian Cox seinem Sohn eine alternative, positivere Zukunft in Aussicht stellt.

Ohne einen Kommentar zu den Ereignissen des 11. Septembers 2001 kommt der New Yorker Filmemacher Spike Lee natürlich nicht aus. Bilder der Bauruine am Ground Zero, Feuerwehrleute, Graffitis, Bruce Springsteens 09’11’’-Hymne „The Fuse“ im Abspann und immer wieder amerikanische Flaggen, die über die Leinwand wehen: Lee ist wütend und deprimiert über den Zustand seines New Yorks, aber die Hoffnung hat er nicht aufgegeben. Ob dieser Kommentar nun zum Film passt, ist eher fragwürdig, aber Lee konnte offenbar nicht anders. Ebenso fragwürdig ist die kurze an „Taxi Driver" erinnernde Sequenz, in der Norton über so ziemlich alle Minderheiten schimpft, was das Charakterbild der Hauptfigur vertieft und dessen Ambivalenz dokumentiert. Das gelegentlich behäbige Tempo muss im Kontext zur bestechenden atmosphärischen Dichte in Kauf genommen werden. So ist „25 Stunden“ nah am Meisterwerk... ein überragendes, ambitioniertes, mutiges Stück Kino abseits des Mainstreams. Der deutsche Titel „25 Stunden“ ist übrigens mal wieder haarscharf daneben. Eigentlich müsste der Film „Die 25. Stunde“ heißen. Denn eben um diese Stunde geht es, in der Monty seine Haftstrafe antreten muss.
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