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    Across the Universe
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Across the Universe
    Von Andreas Staben
    Ein einsamer junger Mann blickt aufs Meer hinaus und singt unbegleitet das sehnsuchtsvolle „Girl“. In den Brandungswellen zeichnet sich alsbald das Antlitz des besungenen Mädchens ab. Die Intimität des Augenblicks wird abgelöst als sichtbar wird, dass sie sich inmitten des Aufruhrs einer großen Demonstration befindet. Dazu überlagern die Klänge des rockigen „Helter Skelter“ allmählich das Liebeslied. Mit dieser beeindruckenden Sequenz beginnt Julie Taymor (Frida, „Titus“) ihre Musical-Fantasie „Across The Universe“ und legt gleich ihre Karten auf den Tisch. Maßgeschneidert im Takt von über 30 Beatles-Songs entfaltet sie ein politisch-kulturelles Panorama der 60er Jahre. Mit nie nachlassendem inszenatorischen Einfallsreichtum wird von Anfang an die Schwierigkeit thematisiert, die Erfüllung persönlicher Sehnsüchte mit dem Drang nach gesellschaftlicher Veränderung zu verbinden. Dabei geht es Taylor weniger um eine präzise historische Analyse der Auseinandersetzungen um die Bürgerrechte und um den Vietnamkrieg, sondern eher darum, eine spezifische Stimmung zu beschwören und zugleich die Parallelen zur krisengeplagten Gegenwart mitklingen zu lassen. „Across The Universe“ nutzt die Musik der „Fab Four“ als Sprungbrett für eine ästhetische und erzählerische Möglichkeiten auslotende allegorische Reise an deren Ende die Utopie steht: All You Need Is Love.

    Jude (Jim Sturgess, Crossing Over) verlässt Liverpool, um in den USA seinen Vater zu suchen, den er nie kennen gelernt hat. In Princeton wird er fündig und schließt dort auch Freundschaft mit Max (Joe Anderson, Control, Geliebte Jane), einen Luftikus aus reichem Hause, der sich nicht fürs Studium geschaffen fühlt und es bald abbricht. Die beiden Kumpel ziehen nach New York, wo sie bei der Sängerin Sadie (Dana Fuchs) unterkommen. Auch der Weg des schwarzen Gitarristen Jo-Jo (Martin Luther McCoy) führt nach einem persönlichen Verlust aus Detroit nach Greenwich Village - hinein in eine wechselhafte musikalische Beziehung zu Sadie. Die multikulturelle Gemeinschaft wird komplettiert von Prudence (T.V. Carpio), einem Mädchen aus Ohio mit asiatischen Wurzeln, und schließlich von Lucy (Evan Rachel Wood), Max' Schwester. Schnell keimt eine Romanze zwischen Jude und Lucy auf, die auf die Probe gestellt wird, als Max nach Vietnam einberufen wird. Seine Schwester schließt sich der radikalen Protestbewegung an, während Jude versucht, sich als Maler selbst zu verwirklichen.

    Wie bei den meisten Musicals ist die reine Inhaltsangabe eher nichtssagend. Bei „Across The Universe“ bleibt stets spürbar, dass die Ausgangsidee war, anhand und mit Hilfe von neu interpretierten Beatles-Songs von ihrer Zeit zu erzählen. Die Musik brachte die Story hervor. Von den Namen der Hauptfiguren, die von den Pilzköpfen allesamt besungen wurden, über direkte und indirekte Zitate (man beachte etwa, dass Prudence durch das Badezimmerfenster in Sadies Wohnung kommt) zu Anspielungen auf die Bandgeschichte ist der Film daher auch eine Fundgrube für Fans. „Across The Universe“ wäre als Beatles-Musical aber unzureichend beschrieben, auch wenn die unter der Mitwirkung von Julie Taymors langjährigem Partner Elliot Goldenthal (Interview mit einem Vampir, Heat, Frida) bearbeitete Musik der vier Liverpooler im Mittelpunkt steht und in ihrem universellen Appeal gleich zu Beginn gewürdigt wird, wenn sich über Kontinente und soziale Grenzen hinweg eine ganze Generation in einem Lied wie „All My Loving“ wiederfindet. Das Netz der Verweise geht weit darüber hinaus: Sadie und Jo-Jo sind deutlich Janis Joplin und Jimi Hendrix nachempfunden, Bono erinnert in seinem Gastauftritt an die Beat-Ikone Neal Cassidy und seinen Bus Furthur. Auch die psychedelischen Welten der bewusstseinserweiternden Drogen und der Gurus der Selbstfindung werden beschworen. Ganz zu schweigen von den medialen und politischen Umwälzungen, die in aufwändigen, mit Gewalt aufgeladenen Massenszenen von Demonstrationen in den Vordergrund treten

    Das mit der patchworkartigen Anlage einhergehende Gefühl der Unausgewogenheit bleibt den Film hindurch bestehen, aber Julie Taymor verwandelt die vermeintliche Schwäche in eine große Stärke. Die Regisseurin, die mit ihrer Der König der Löwen-Inszenierung am Broadway gefeiert wurde, hat in ihrer Laufbahn bereits erfolgreich sehr unterschiedliche Stoffe in Theater-, Opern- und Filminszenierungen bearbeitet und in „Across The Universe“ demonstriert sie die ganze Bandbreite ihrer Möglichkeiten. Gemeinsam mit Kameramann Bruno Delbonnel (Die fabelhafte Welt der Amelie, Mathilde – Eine große Liebe), Production Designer Mark Friedberg (Dem Himmel so fern, Die Tiefseetaucher) und Choreograph Daniel Ezralow schafft sie für jeden Song eine eigene Atmosphäre. Die Aneignung der Songs ist dabei sehr subjektiv, und manchmal werden die Lieder vielleicht überintepretiert. Dieses Problem wird vor allem spürbar, wenn es um politische Bezüge geht wie in der Montagesequenz zu „Let It Be“, in der die Beerdigung eines schwarzen Jungen, der bei Rassenunruhen ums Leben kam, parallel zur Bestattung eines weißen, in Vietnam getöteten Soldaten geschnitten wird.

    Eine der visuell ausgefeiltesten und sinnfälligsten Szenen ist das labyrinthisch-mechanisch umgesetzte „I Want You“, das den fordernden Slogan der Militärs in einen bürokratischen Musterungsalbtraum verwandelt. Und wenn sich die GIs im Anschluss mit dem Text „She's So Heavy“ an asiatischen Gestaden unter der Last einer überdimensionalen Freiheitsstatue krümmen, dann gelingt der Gedankensprung in die Gegenwart weltweiter Militäreinsätze im Namen der Freiheit mühelos. Taymors Methode kulminiert in „Strawberry Fields Forever“ in einer atemberaubenden Kombination von Judes verzweifeltem Kunstwerk aus aufgespießten Erdbeeren mit surrealen, mehrfach durch Fernsehbildschirme vermittelten Kriegsbildern.

    Die Rückführung der großen Themen auf individuelles Erleben und ganz subjektive Sehnsüchte beschert „Across The Universe“ viele seiner stärksten Momente. Das ist neben Taymors Feingefühl vor allem den Schauspielern zu verdanken, die auch mit ihren sängerischen Fähigkeiten beeindrucken. Der Gesang ist im Fluss der Szenen direkt aufgenommen worden, fügt sich anders als bei anderen Musikfilmen natürlich ein und treibt die Handlung voran. Dazu wird der Tonfall der Originale teilweise erheblich verändert. Aus dem fröhlichen „I Want To Hold Your Hand“ spricht in der Darbietung T.V. Carpios das gebrochene Herz einer Cheerleaderin, die sich unglücklich in die beliebteste Kameradin verliebt hat. Auch Evan Rachel Woods (Dreizehn, An deiner Schulter, King Of California) tief bewegtes „If I Fell“ hat nichts Poppiges mehr an sich. Mit ihrer Interpretation macht sie sich den Song auch darstellerisch zu eigen und beweist erneut, dass sie eine der besten Schauspielerinnen ihrer Generation ist. Ihr Charisma trägt wesentlich dazu bei, dass ein in seiner Wirkung durchaus wechselhafter Film am Ende eine ungeahnte emotionale Intensität erreicht. Allzu gern möchte man glauben, dass Liebe alles ist, was man braucht.
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