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Identität - Identity
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Identität - Identity
Von Carsten Baumgardt
Mit dem Suizid-Drama „Durchgeknallt – Girl Interrupted“ verhalf James Mangold der jungen Angelina Jolie zu einem Oscar, zuvor bescherte der Regisseur Auslaufmodell Sylvester Stallone in „Cop Land“ noch ein wenig schauspielerische Anerkennung – die letzte, die ihm wahrscheinlich zuteil wird. Der Amerikaner zählt zu den Guten seiner Zunft. Daran lässt auch sein neuestes Werk, der Psycho-Horrorthriller „Identität“, keinen Zweifel aufkommen. Der düstere Schocker gefällt durch eine atmosphärisch dichte Inszenierung, ein brillantes, innovatives Skript und gute Darstellerleistungen.

Das Schicksal - oder besser ein apokalyptischer, sintflutartiger Gewittersturm – führt eine Gruppe von zehn Charakteren in einem kleinen Motel in der Wüste von Nevada zusammen. Alle Zufahrtswege sind durch Überflutungen abgeschnitten, die Telefonleitungen durch das Unwetter gekappt und das Handynetz ist durch den Regen praktisch außer Betrieb. Eine Aneinanderkettung von Zufällen löst zunächst ein Unglück aus. Die Prostituierte Paris (Amanda Peet) verliert ihren Koffer, der aus ihrem Cabrio purzelt. Ihre hochhackigen Pumps bleiben auf der Straße liegen. Zum Pech von George (John C. McGinley) und seiner Familie. Ihr Auto überrollt einen Schuh, dessen Spitze den Reifen des Wagens aufschlitzt. Während George versucht, das Rad zu wechseln, rast Chauffeur Ed (John Cusack) mit seinem Fahrgast, der Hollywood-Diva Caroline Suzanne (Rebecca DeMornay), heran und überfährt aus Versehen Georges Frau Alice (Leila Kenzle), weil die Zicke Caroline Ed in einen Streit verwickelt. Alice ist schwer verletzt, Sohn Timmy (Bret Loehr) dagegen nichts passiert. Ex-Cop Ed bringt die Frau zu dem abgelegenen Motel.

Dort stranden in der gleichen Nacht noch der Polizist Rhodes (Ray Liotta) mit seinem Gefangenen, dem Schwerverbrecher Maine (Jake Busey), sowie das frisch verheiratete Pärchen Lou (William Lee Scott) und Ginny (Clea DuVall). Der zwielichtige Motelmanager Larry (John Hawkes) hat für alle Beteiligten gerade noch ein Zimmer frei... Nach kurzer Zeit beginnt das Grauen und die Nacht findet ihr erstes Opfer. Ein abgetrennter Kopf schleudert in der Waschmaschine neben der Kleidung der Getöteten. Sie soll nicht die einzige Leiche bleiben... Was die Geschichte mit der Rahmenhandlung des zum Tode verurteilten Massenmörders Malcolm Rivers (Pruitt Taylor Vince) - der von seinem Psychiater (Alfred Molina) in der Nacht vor der Vollstreckung zur letzten Anhörung geleitet wird - zu tun hat, ergibt sich erst im späteren Verlauf.

Auf den ersten Blick beginnt „Identity“ wie ein gewöhnlicher, wenn auch gut gemachter Genre-Reißer. Aber schon die grandios geschnittene Einführungssequenz weist darauf hin, dass Regisseur James Mangold („Kate & Leopold") mehr ist als ein solider Regie-Handwerker. Brillant montiert er seine Exposition, lässt Szenen in Frozen Frames enden, arbeitet mit kleinen, aber feinen Zeitsprüngen und versetzt den Zuschauer in die richtige Stimmung für das doppelbödige Verwirrspiel, das folgen wird. Je mehr die Haupthandlung mit der Nebenhandlung um den Serienkiller Rivers verschmilzt, desto besser wird der Psychotrip, den Drehbuchautor Michael Cooney vertrackt, aber messerscharf genau angelegt hat.

Stark gespielt - allen voran John Cusack („High Fidelity", „Weil es Dich gibt"), Ray Liotta („Blow", „Cop Land“) und die bildhübsche Amanda Peet („Igby", „Spurwechsel") – beginnt das Zuschauerhirn mit zunehmender Dauer auf Hochtouren zu rotieren. Am Ende des zweiten Filmdrittels lässt Mangold dann die Katze aus dem Sack und rückt die Story in ein komplett neues Licht. Doch nach dieser überraschenden Wendung weiß der Besucher immer noch nicht hundertprozentig, was gespielt wird. Die Fassade der Figuren bröckelt, aber sie stürzt nicht ein. Erst nach und nach fügen sich die Puzzlestücke des Skripts zusammen, das sein wahres Geheimnis erst in den letzten Szenen preisgibt. Weitere Details darüber zu verraten, käme einem Verbrechen am potenziellen Kinogänger gleich. Nur soviel: Mangold und Cooney verlangen scharfes Mitdenken, geben dafür aber eine brillant ausgetüftelte Geschichte mit einer schlüssigen Auflösung zum besten.

Es gibt allzu viel zu bemängeln an „Identity“. Sicher, die ersten falschen Fährten liegen auf der Hand und nachdem der Abspann über die Leinwand flimmert, denkt man, dass man auf die Auflösung hätte kommen können. Aber durch die straffe Inszenierung verfällt der Betrachter gar nicht erst ins Grübeln. „Identity“ ist ein klaustrophobisches Psycho-Kammerspiel, das sogar ein wenig an Altmeister Alfred Hitchcock erinnert – nicht zuletzt durch das Norman-Bates-artige Psycho-Motel. Kontinuierlich dreht Mangold an der Spannungsschraube und lässt die Story Hacken schlagen, verbindet dabei Horrorelemente mit Schauwerten des Psychothrillers und punktet am Ende mit einem Film, der als homogene Einheit überzeugen kann. „Identity“ präsentiert sich als moderner Genrefilm, die in den USA zurecht zum Überraschungshit avancierte und trotz moderatem Budget (28 Mio Dollar) die 50 Millionen-Dollar-Grenze überspringen konnte und auf Platz eins der Charts debütierte.
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