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    Ein Fisch namens Wanda
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Ein Fisch namens Wanda
    Von Jonas Reinartz

    „Aristotle was not Belgian, the principle of Buddhism is not ‘every man for himself’, and the London Underground is not a political movement. Those are all mistakes, Otto. I looked them up.“ (Wanda Gershwitz)

    Nachdem sie mit ihrer respektlosen Sketchshow „Flying Circus” (1969-1974) einige Berühmtheit erlangt hatten, war es nur eine Frage der Zeit, bis die englische Anarchotruppe Monty Python, bestehend aus John Cleese, Terry Jones, Michael Palin, Eric Idle und Terry Gilliam, auch die Kinoleinwände unsicher machen würde. Ihrem Kinodebüt „Monty Pythons wunderbare Welt der Schwerkraft“ (1971), einer im Wesentlichen für den US-Markt konzipierten Aneinanderreihung von neugedrehten Sketchen der TV-Serie, folgten die ausgesprochen kultigen Genreparodien „Die Ritter der Kokusnuss“ (1975) und „Das Leben des Brian“ (1979). Sittenwächter waren über die zahlreichen Geschmacksentgleisungen schier entsetzt, Freunde des schwarzen Humors konnten sich vor Lachen nicht mehr in ihren Sitzen halten und bescherten den Engländern endgültig langanhaltenden Kultstatus. „Monty Python Live at the Hollywood Bowl“ (1982) und Der Sinn des Lebens (1983) stellten die letzten beiden Arbeiten dar, konnten jedoch nicht mehr ganz an alte Glanzzeiten anknüpfen. Bald ging man als Gruppe getrennte Wege. Von all den Projekten, die von ehemaligen Pythons in der Folgezeit realisiert wurden, ist es zweifelsohne „Ein Fisch namens Wanda“ am besten gelungen, Zwerchfälle nachhaltig zu erschüttern und ein wahres Arsenal an zitierfähigen Szenen aufzufahren. Cleese, der insgesamt über einem Zeitraum von fünf Jahren am zusammen mit Regisseur Charles Crichton (Jahrgang 1910!) geschriebenen Drehbuch gebrütet hatte, holte neben seinem alten Freund Palin noch die Amerikaner Jamie Lee Curtis und Kevin Kline für die Geschichte um das Gezänke eines Gaunerquartetts um ihre Beute an Bord. Das Resultat ist eine der besten Komödien nicht nur der 80er Jahre, die durch die Interaktion der hervorragend verkörperten Charaktere und perfekt getimte Komik besticht.

    Dem schmierigen Ganoven George (Tom Georgeson) gelingt der ganz große Coup. Zusammen mit seinem Bruder, dem stotternden Tierschutzaktivisten Ken (Michael Palin), seiner Geliebten Wanda (Jamie Lee Curtis) und deren Bruder Otto (Kevin Kline), einem pseudointellektuellen Ex-CIA-Killer, gelingt es ihm, Juwelen im Wert von 13 Millionen Pfund zu rauben. Anschließend wird die Beute in einem abgelegenen Versteck gut verwahrt, danach will man weitersehen. Doch George kehrt noch einmal zurück und nimmt die kostbaren Klunker an sich, denn er traut Otto nicht über den Weg. Völlig berechtigt, wie sich herausstellt, da dieser mitnichten mit Wanda verwandt ist und mit ihr zusammen die ganze Zeit über ein doppeltes Spiel gespielt hat. Die beiden verpfeifen ihren Kumpanen umgehend bei der Polizei, staunen aber nicht schlecht, als sie einen leeren Safe vorfinden. Besonders Wanda muss umdenken, wollte sie sich doch jetzt eigentlich der unsäglichen Nervensäge Otto entledigen. Nun scheint die einzige Möglichkeit, etwas über den Aufenthaltsort der Beute zu erfahren, der Kontakt zu Georges Strafverteidiger Archie Leach (John Cleese) zu sein. Für die attraktive Wanda stellt dies keinerlei Problem dar. Ken muss derweil eine unliebsame Zeugin beseitigen – die alte dreifache Hundebesitzerin Mrs. Coady (Patricia Hayes)…

    John Cleese schrieb Kevin Kline, den er bei den Dreharbeiten zu „Silverado“ (1985) kennen und schätzen gelernt hatte, die Rolle des rasend eifersüchtigen Nietzsche-Fans Otto auf den Leib, was man in jeder Szene bestens erkennen kann. Mit einer ungeheuren Spielfreunde stürzt sich der ehemalige Theatermime ins Geschehen, ganz gleich, ob er nun gerade jemanden mit Pommes Frites foltert, sich an seinem eigenen Schweiß berauscht oder beim Liebesspiel vollkommen willkürlich italienische Wörter von sich gibt („Mozzarella!“). Auch wenn es neben dieser fulminanten Glanzleistung, die völlig verdient mit einem Academy Award für die beste männliche Nebenrolle ausgezeichnet wurde, alles andere als einfach ist, nicht zu verblassen, macht die restliche Besetzung ihre Arbeit mehr als ordentlich, insbesondere Michael Palin gelingt als Ken etwas sehr Seltenes. Da sein Vater im wahren Leben unter einer Störung des Redeflusses litt, konnte er seine Erfahrungen mit dieser Krankheit effektiv nutzen und ein verhältnismäßig „realistisches“ Stottern simulieren und eine unsensible Karikatur vermeiden. Dass sich der Film dennoch über die Figur lustig macht, steht außer Frage, doch es kam tatsächlich zu positiven Reaktionen seitens einer Gruppe von Stotterern, so dass Palin schließlich das wohltätige „London Centre for Stammering Children“ gründete. Ken bleibt durch und durch sympathisch, obwohl im Verlauf des Films so manche Untat auf sein Konto geht. Dass Cleese als leicht verknöcherter Schnösel absolut in seinem Element ist, überrascht nicht, bei Jamie Lee Curtis sieht es ein wenig anders aus. Aus der ehemaligen „Scream Queen“ aus „Halloween“ (1978) und Konsorten ist tatsächlich eine brauchbare Komödiantin geworden, die überraschend gut mit ihren versierteren Leinwandpartnern harmoniert.

    Ohnehin stellt die Figurenkonstellation und der damit einhergehende Kulturclash zwischen Engländern und Amerikanern eine perfekte Grundlage bereit, um mit etlichen klassischen, haarsträubenden Situationen aufwarten zu können, die von Genre-Veteran Charles Crichton, der zuvor seinen größten Erfolg mit der Alec-Guinness-Komödie „Das Glück kam über Nacht“ (1951) gefeiert hatte, äußerst präzise umgesetzt werden. Mit sicherer Hand führt er seine Besetzung, die Überfallsequenz ist für eine Komödie visuell ungewohnt dynamisch geraten. Ottos Konfrontation mit Archies Ehefrau Wendy und das vorhergehende Versteckspiel sind perfekt im Sinne der Feydeau-Farce gehalten. Dieses nach ihrem Schöpfer Georges-Léon-Jules-Marie Feydeau (1862-1921) benannte Genre drehte sich stets um Ehebrüche und verhängsnisvolle Verwechslungen. Daneben gibt es etliche Situationen, die absolut pythonesque sind und sicherlich so manchen Tierfreund schocken könnten. Ursprünglich existierte sogar eine Nebenhandlung, in der Otto zum reinen Zeitvertreib herumstreunenden Katzen ihre Schwänze abschoss, um sie dann dekorativ in einer Vase anzuordnen. Dann mussten die Macher jedoch erkennen, dass sie etwas zu weit übers Ziel hinausgeschossen waren und entfernten diese Szenen wohlweislich wieder. Interessanterweise gab es nach einigen Testvorführungen mit hilfreichen Ratschlägen von Drehbuch-As Robert Towne (Chinatown, 1974) noch einen Nachdreh, der hauptsächlich die Beziehung zwischen Archie und Wanda betraf, da die Juwelendiebin in der ursprünglichen Fassung zu kalt und berechnend erschien und das Endergebnis daher deutlich düsterer erschien. Obwohl natürlich auch kommerzielle Erwägungen hierbei eine Rolle gespielt haben mögen und der Altersunterschied nicht zu leugnen ist, wirkt das Verhältnis der beiden zu keinem Zeitpunkt aufgesetzt oder erzwungen.

    Angesichts der zunehmenden Anzahl lieblos hingeschludeter, in Windeseile enstehender Schnellschüsse im Comedygenre erscheint der Kultstatus von „Ein Fisch namens Wanda“ fast 20 Jahre nach seiner Entstehung nach wie vor mehr als verdient. Er bietet gekonnt eine Mischung aus betont altmodischer Situationskomik und dem typisch bösartigen Python-Humor, der sicher nicht jedermanns Geschmack sein dürfte und auch vor niedlichen Schoßhündchen keinesfalls Halt macht, wobei allein die solchen Momenten beiwohnende Albernheit das Gezeigte doch stark entschärft. Eine bestens aufgelegte Besetzung und die versierte Regie von Altmeister Charles Crichton runden das Ergebnis ab und sorgen für tadellose Unterhaltung.

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