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Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr...
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr...
Von Martina Moeller
Bekannt wurde die Schauspielerin Valeria Bruni-Tedeschi durch ihre Rollen als nervös-neurotische, einsam und verklemmte Mittdreißigerin, die nicht so recht weiß, wie es mit ihrem Leben weitergehen soll. Jetzt hat sie in „Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr...“ zum ersten Mal selbst Regie geführt und erzählt eine autobiographisch-motivierte Story. Frederica - gespielt von Valeria Bruni-Tedeschi - ist in den Enddreißigern und hat ein ungewöhnliches Problem: Sie ist reich, viel zu reich. Für was soll man kämpfen, welchen Sinn hat das Leben, wenn man sowieso priviligiert ist? Frederica pendelt zwischen Ballettunterricht und dem Schreiben exotischer Stück hin und her, ohne ihren Platz im Leben zu finden. Dann ist da auch noch ihr Freund Pierre (Jean-Hugues Anglade), der endlich mit ihr Zusammenziehen will und Kinder haben möchte. Frederica jedoch weiß nicht so recht, ob das eine gute Idee ist und sucht beichtend Rat und Hilfe bei einem Pfarrer. Hier erfährt sie auch nur, dass eher ein Kamel durchs Nadelöhr geht, als dass ein Reicher in den Himmel kommt und sie besser eine Psychologen aufsuchen sollte. Zu allem Überfluss liegt auch noch ihr Vater im Sterben und ihr verheirateter Ex-Lover Philippe (Denis Podalydès) taucht wieder auf....

Voller Leichtigkeit wendet sich Bruni-Tedeschi in ihrem Regieerstling großen Lebensthemen zu und versinkt nie in eine Betroffenheitstragik. Nah am Leben gehalten und lustig-selbstironisch bebildert sie den Abschied vom Vater, den damit verbundenen Verlust der eigenen Wurzeln und die Wahl des Lebenspartner vor dem Hintergrund einer kaum erträglichen finanziellen Sorglosigkeit. In das Genre der Komödie lässt sie kurze Animationseinschübe miteinfließen, von denen einer sehr gelungen ist: Frederica versucht als Zeichentrickfigur ein Kamel durchs Nadelöhr zu pressen und scheitert. Hier wird der Zusammenhang zwischen Titel und Film verdeutlicht: Auch alles Geld der Welt reicht nicht aus, um einen Menschen glücklich zu machen. Durch Rückblenden und Traumsequenzen fügt sie das Leben Fredericas zusammen und zeigt, warum das Dasein der Reichen zum Alptraum werden kann. Aus Angst vor einer Kindesentführung muss Frederica mit ihrer Familie wider ihren Willen aus Italien ins französische Exil nach Paris.

Als Schauspielerin steht Bruni-Tedeschi im Mittelpunkt des Films. Sie lässt den Zuschauer authentisch an ihrer inneren Qual und Unsicherheit teilhaben und verkörpert vor allem die Verlegenheiten und Sehnsüchte des alltäglichen Lebens glaubhaft. Jenseits von Hollywood-Unterhaltsungansprüchen erlaubt sich das komödiantische Autoportrait einige Längen, die dem Zuschauer Freiräume für eigene Interpretationen lassen. Der Film kann als eine atmosphärisch-verdichtete Momentaufnahme aus dem Leben einer Frau in der Midlife Crisis gelesen werden, der nicht den Anspruch erhebt als geschlossenes Ganzes zu erschienen. Vor allem das Ende, der plötzliche Tod des Vaters, kommt im Rahmen der Dramaturgie und des Rhythmus’ des Films etwas zu plötzlich und übereilt. Das Drehbuch für ihren Film hat Bruni-Tedeschi mit Néomie Lvovsky zusammen geschrieben, durch deren Film „Oublie-moi“ sie als Schauspielerin 1993 international bekannt wurde. Ihre Erfahrungen als Darstellerin sammelte sie u.a. mit Regisseuren wie Patrice Chèreau, Claude Chabrol, Claire Denis und gilt zur Zeit als eine der bedeutendsten Schauspielerinnen der französisch-italienischen Autorenkinoszene.
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