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City of God
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
5,0
Meisterwerk
City of God
Von Ulrich Behrens
Wo ist die Stadt Gottes? Wo herrscht Gott über die Menschen und lässt es nicht zu, dass seine Gesetze missachtet werden? Wo? Solche Fragen stellen sich entweder gar nicht oder in aller Deutlichkeit und Vehemenz, wenn Fernando Meirelles und Cesar Charlone, der „City of God“ fotografierte, in den Favelas, den Armutsvierteln in Rio de Janeiro ihre Geschichte erzählen – die Geschichte derer, die dort leben, aus der Sicht derer, die dort leben, mit den – hier endlich einmal, wie selten genug, angemessenen – filmtechnischen Möglichkeiten der Handkamera, der schnellen Bilderfolge, der Rückblende und anderer Dinge, die Meirelles aus seiner Zeit als Werbefilmer sicherlich gut kennt. Slums stehen da in Rio, Slums nicht im klassischen Sinn. Eher „saubere“ Slums, Häuschen, deren braunrötliche Färbung sich in den Himmel bei Sonnenuntergang einpassen. Aber das hat nichts Romantisches, nichts, was Freude macht oder Lust oder gar Wärme ausstrahlt. Wie alles beginnt auch der Bandenkrieg in diesen Vierteln in den 60er Jahren fast schon harmlos. Zé Pequeòo (Leandro Firmino da Hora), genannt Locke, war auch einmal klein. Löckchen nennen ihn zu dieser Zeit alle (Douglas Silva), und Löckchen ist begeistert von den „White Angels“, einer Gang, die kleine Überfälle durchführt unter Führung von Cabeleira (Jonathan Haagensen). Auch Bené (Phelipe Haagensen) bewundert den Mut der Gang. Löckchen allerdings wächst über sich hinaus. Löckchen lernt schon als Junge die Lust am Töten. Bei einem Überfall auf die Freier eines Bordells tötet er einige von ihnen. Und seitdem kann er mit dem Töte nicht mehr aufhören und will es auch gar nicht.

Meirelles erzählt diese Geschichte von Löckchen, der zu Locke wird, zu dem alles beherrschenden Anführer einer mit Drogen handelnden Gang in der City of God, fasst in Bilder, was Paulo Lins in seinem 700 Seiten starken Roman erzählt, mit Hunderten von Personen. Meirelles „kürzt“ die Geschichte notgedrungen, konzentriert sich auf wesentlich weniger Personen, und stellt Locke und Buscapé (Alexandre Rodrigues, als Kind: Luis Otávio), in den Mittelpunkt des Geschehens, zwei, die aus dem gleichen Viertel kommen, doch ganz andere Wege gehen. Buscapé will Fotograf werden, wünscht sich nichts mehr als eine Kamera und die Flucht aus der gottlosen Stadt Gottes. Diesen Kontrast in den beiden Personen benutzt Meirelles jedoch nicht zu einer Art Zweikampf wie Scorsese etwa in „Gangs Of New York". Beide begegnen sich nur ab und an, und dann mehr zufällig. Locke wird älter, größer, stärker und die Lust am Töten lässt nicht nach. Locke will Macht, Macht über das ganze Viertel, die ganze verdammte City of God. Er räumt alle aus dem Weg, tötet. Nur Bené kann ihn hin und wieder davon abhalten. Bené ist intelligent und hat hier, in Lockes Bande, eigentlich nichts verloren. Aber gerade Bené ist es, an dem Meirelles verdeutlicht, wie wenig der Wille manchmal zählt im Vergleich zur Umgebung, in der Jungen wie diese aufwachsen. Bené verliebt sich in Angélica (Alice Braga), will ebenfalls endlich die Trennung von Locke und seinem Bandenkrieg, seinen Allmachtsphantasien – und wird auf seiner mit allem Drum und Dran versehenen Abschiedsparty von einer Kugel getroffen, die eigentlich Locke galt.

Meirelles fast dokumentarischer Film, der sich über einen Zeitraum von ca. 25 Jahren erstreckt, zeigt die Hölle auf Erden, die für die Bewohner dieser Hölle so normal erscheint, als ob nichts anderes denkbar wäre. Die Gewalt wächst aus allen Ecken, Winkeln, kommt aus allen Löchern gekrochen. In jeder Sekunde ist sie präsent, ist Lebensinhalt und Daseinsweise. Der Tod gehört hier in einer ganz besonderen Weise zum Leben. Nur wenige trauen sich, dem zu widerstehen, etwa Mane (Seu Jorge), dessen Vater und Bruder Locke ermordet hat. Mane schwört Rache. Und aus einem friedliebenden Menschen wird ein Mitglied der rivalisierenden Gang um Sandro (Matheus Nachtergaele), den alle Karotte nennen. Gewalt ist hier nicht nur Strukturmerkmal, sondern geradezu Organisationselement und Inhalt von Gesellschaft. Die City of God wirkt wie ein Ghetto – von außen wie von innen –, wie eine hermetisch abgeriegelte Zone des Grauens. Und trotzdem herrscht hier – neben aller Gewalt – derart viel pulsierendes Leben, Lachen, Sexualität, Lust, das die Kamera dem kaum zu folgen vermag. Der mit Laienschauspielern besetzte Film entwickelt eine merkwürdige Mischung aus Rasanz – kaum ein Bild, das einmal länger stehen bleibt – und Ruhe zugleich. Rasanz heißt hier nicht Hektik, Ruhe nicht Stillstand. „City of God“ quillt über vor Leben, ein Leben, von dem die meisten Personen nicht wissen, was sie damit anfangen sollen, außer sich einer der Dealerbanden anzuschließen.

Hier wächst man mit der Waffe in der Hand auf, und alle mitteleuropäischen Predigten der Gewaltlosigkeit versagen angesichts dieser schauerlichen, doch zugleich anziehenden Atmosphäre, in der immerhin Buscapé einen anderen Weg zu gehen versucht: Er wird dann wirklich Fotograf. Meirelles lässt Buscapé in Rückblenden aus dem Off die Geschichte der Stadt Gottes erzählen, mit bitterem Humor, manchmal Sarkasmus, aber auch Witz, und dann wieder mit dem Ernst, der der Situation angemessen ist, etwa wenn Locke zwei kleine Jungen, die auch schon Kinderbanden angehören, in die Füße schießt und einen anderen auffordert, einen der beiden Jungen zu erschießen. Die Polizei macht mit in diesem Spiel, ist korrupt, spielt die Gangs gegeneinander aus, ist am Drogen- und zunehmenden Waffenhandel beteiligt.

Doch „City of God“ leistet mehr, wenn man genau hinschaut, das heißt bemerkt, was eben nicht gezeigt wird. Er veranschaulicht auf eine geradezu unnachahmliche Weise, dass die wirkliche Gewalt nicht in der City of God ihren Ursprung hat, sondern im bewusst inszenierten System von Armut, sozialer Deprivation und Isolation durch die „da draußen“, vor den Toren. Als Buscapé einer Journalistin erklärt, er könne sich nicht mehr in die City of God wagen, weil die Zeitung seine Bilder von Locke und dessen Gang veröffentlicht habe und Locke ihn töten werde, meint sie, er müsse eben vorsichtig sein, wenn er zurückgehe. Diese Ahnungslosigkeit über die Verhältnisse in der City of God ist eine Kehrseite der wechselweisen Isolation. Das reiche Brasilien, das touristische Zuckerhut-Rio interessiert sich nicht für das Elend und die Gewalt, es sei denn, es wird durch sie bedroht; das ist die andere Kehrseite der City of God. Die Menschheit teilt sich in zwei Hälften, die nicht nur materiell voneinander getrennt sind, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben und eben doch zwei Seiten einer Medaille sind.

„City of God“ ist ein faszinierender, erschreckender, lebendiger Film, der von manchen mit Scorseses „GoodFellas“ und „Gangs Of New York" verglichen wurde, und tatsächlich gewisse Ähnlichkeiten mit beiden Meisterwerken aufweist. Alle drei Filme sind gnadenlos und zutiefst human, verzichten auf moralische Werturteile und Predigten und halten uns den Spiegel vor Augen über die Welt, in der wir alle leben. Die City of God ist ein „Sperrbezirk“, doch zugleich untrennbar mit dem Rest der Welt verbunden.
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