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Underworld
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Underworld
Von Johannes Pietsch
Merkwürdig ist, wie das Kino gerade in seinen verspieltesten Gattungen ironiefreie Nischen einrichtet. Eines dieser letzten Paradiese für die verbleibenden Menschheitsfragen ist jener New Gothic Style, der stets aufs Neue wiederkehrend wehende Ledermäntel und in Zeitlupe feuernde großkalibrige Waffen vor düster-urbaner Endzeitkulisse darbietet. Jene technisch-unterkühlten, zumeist regenverhangenen Großstadtpanoramen, anno 1982 von Ridley Scott in „Blade Runner“ erstmals in Szene gesetzt, etablierten sich vor allem durch Tim Burton als stilbildende Kulisse, der Alex Proyas mit „The Crow“ und die Wachowskis mit den drei „Matrix“-Filmen die Gewalt als prägendes Handlungselement hinzufügten. Allerdings zeigte sich gerade mit „Matrix Revolutions“ die Anfälligkeit dieser Gattung für große Worte: Auf der perfekt durchgestylten Oberfläche feierte ein eiskalter Waffenfetischismus seine gut geölten Orgien, dem gegenüber Stringenz und Gehalt der Handlung oftmals in purer Kläglichkeit versanken. Da überrascht es schon beinahe, wenn im Jahre fünf nach „Matrix“ ein Film, der eigentlich mit nichts anderem als ausschließlich mit seinem Gothic-Look zu punkten beabsichtigt, wenigstens halbwegs die Balance zwischen optischen und inhaltlichen Ansprüchen zu halten vermag. „Underworld“, das Spielfilmdebüt des ehemaligen Werbefilmers Len Wiseman, ist weiß Gott keine filmische Offenbarung, aber eben auch nicht der Offenbarungseid, den man angesichts der Vorgaben und der Vita des Regisseurs möglicherweise hätte erwarten können.

Die Idee, Horrorfilmfiguren oder –wesensarten unterschiedlicher Herkunft in einem Film zum Duell antreten zu lassen, ist zwar so neu nicht, feiert aber gerade im Moment angesichts von „Freddy vs. Jason“ und „Alien vs. Predator“ fröhliche Urständ. Schon Japans Gummimonster-Regisseure Inoshiro Honda und Jun Fukuda ließen vor dreißig Jahren ihren Liebling Godzilla gegen alle möglichen Mitbewerber im Städtezertrampeln antreten, und auch das klassische westliche Horrorkino kennt das Aufeinandertreffen verschiedener Spezies, wenngleich das Ergebnis solch gattungsübergreifender Crossover zumeist eher komisch denn gruselig ausfiel – man erinnere sich nur an die häufigen Begegnungen von Dracula und Frankenstein, zum Beispiel in Jess Francos abgrundtief alberner „Nacht der offenen Särge“. Und so gänzlich fremd sind sich Vampire und Werwolfe als die zwei miteinander im Clinch liegenden Spezies von „Underworld“ ohnehin nicht, haben doch beide ihre Wurzeln im westlichen Horrorkino fest verankert. Gegenüber den überwiegend mondänen, weltgewandten Vampiren, die im Kino spätestens seit Francis Ford Coppolas „Dracula“ eine fulminante Renaissance erleben, nahmen sich die Werwölfe immer schon ein wenig unterprivilegiert aus. Abgesehen von einigen markanten Filmen wie John Landis’ amerikanischem Werwolf oder Mike Nichols „Wolf“ spielten die Wolfsmenschen im Kino in Sachen Popularität hinter den Blutsaugern stets die zweite Geige. In genau diese Position bringt sie auch der Plot von „Underworld“: Als ehemalige unterprivilegierte Sklavenwesen der Vampire liegen die Werwölfe mit ihren einstigen Herren und Meistern seit Jahrhunderten in einem gnadenlosen Krieg. Dabei ist der Ursprung der Werwolf-Mythologie sogar noch höheren adligen Geschlechts als der weithin bekannteste Vertreter der Gattung Vampir, Fürst Vlad Tepes alias Graf Dracula: Deren Ahnherr, der Arkadierkönig Lykaon, zog bekanntermaßen den Zorn des Göttervaters Zeus auf sich, als er diesem beim Gastmahl die sterblichen Überreste einer jungen Molosser-Geisel kredenzte. „Zeus, der alles durchschaut hatte, fuhr vom Mahle empor und sandte die rächende Flamme über die Burg“, heißt es dazu in der von Gustav Schwab kolportierten Sage von Deukalion und Pyrrha. „Bestürzt floh der König ins freie Feld. Der erste Wehlaut, den er ausstieß, war ein Geheul, sein Gewand wurde zu Zotteln, seine Arme wurden zu Beinen: er war in einen blutdürstigen Wolf verwandelt.“

Während der Name des Arkadierkönigs später von der Psychiatrie für die Lycotrophie - eine bestimmte Form der psychischen Erkrankung - verwendet wurde, findet er sich interessanterweise in „Underworld“ in seiner ursprünglichen Bedeutung wieder: Lycaner heißen bei Len Wiseman die Werwölfe, die in einem seit Jahrhunderten andauernden Vernichtungskrieg durch die Vampire an den Rand der Ausrottung getrieben wurden. In „Underworld“ herrscht in jeglicher Hinsicht eine Zwei-Klassen-Gesellschaft: Vampire bilden im düster-blauen Alptraum-Universum des Len Wiseman eine ähnlich aristokratische und elitäre, teilweise aber auch dekadente, moralisch verkommene Geheimgesellschaft wie beispielsweise in „Blade“, und genauso wie in Steven Norringtons vampirischem Husarenstück gibt es hier Blutsauger reinrassigen Geblüts und solche, die es erst durch einen Biss wurden. Hier herrschen Tradition, Diplomatie und Stil sowie das Bemühen, die Jahrtausende alte Assimilation an die Gesellschaft der Menschen aufrechtzuerhalten, ohne viel Aufsehen zu erregen. Vampire haben sich den Gegebenheiten der Zivilisation angepasst und leben größtenteils unerkannt zwischen den knapp sechs Milliarden Exemplaren der Gattung Homo Sapiens. Während diese jedoch in „Blade“ noch als Hauptnahrungsquelle für die Blutsauger zu fungieren hatten, haben die Vampire in „Underworld“ mit der Produktion von künstlichem Blutplasma nicht nur ihr Nahrungsproblem auf technische Weise gelöst, sondern gleichzeitig auch ihre ökonomische Existenz im Wirtschaftskreislauf des 21. Jahrhundert etabliert. Vampire nutzen Handys, Laptops und kämpfen wie SWAT-Teams mit großkalibrigen, futuristischen Schusswaffen, die zwar aussehen wie gewöhnliche Automatic-Pistolen, aber die Feuerkraft und die Schussfrequenz modernster Maschinengewehre besitzen, was allein schon den Shootouts des Films einen unwirklichen, surrealen Effekt verleiht.

Dem gegenüber bilden die Werwölfe das primitive, aber kraftstrotzende Lumpenproletariat der Monstergesellschaft: Statt in mondänen, stilvollen Vorstadtvillen hausen die Lycaner in U-Bahn-Schächten, der Kanalisation und den Katakomben verfallener Fabrikruinen. Selbst in ihrer menschlichen Gestalt sind sie hünenhafte und muskulöse Wesen von äußerst maskuline Wildheit, die größtenteils unorganisiert, aber voller unbezähmbarer, animalischer Raserei kämpfen, und gegen die selbst Silberkugeln nicht mehr allzu viel ausrichten können. Zur finalen Auseinandersetzung beider Gruppen kommt es beim Kampf um den Menschen Michael Corvin (Scott Speedman), dessen Gene laut einer dunklen Weissagung das Geheimnis der Herkunft beider Rassen und zugleich den Schlüssel zur Lösung des Konflikts enthalten.

Ein Rassenkonflikt zwischen Monstern verschiedener Gattung, ein geheimnisumwitterter Vampirorden und ein menschliches Hybridwesen, dem nach einer verrätselten Prophezeiung eine immense Bedeutung zukommt – die Parallelen zu den beiden „Blade“-Filmen sind zu augenfällig, um noch unter dem Etikett „zufällig“ durchgehen zu können. Konkret nimmt sich die Handlung von „Underworld“, insbesondere die Kabale um den von Billy Nighy wunderbar souverän verkörperten Vampirfürsten Viktor und seine dunkle Vergangenheit, phasenweise wie eine Eins-zu-eins-Kopie von „Blade 2“ aus. Im Gegensatz zu Guillermo Del Toros völlig missratenem Daywalker-Sequel kommt Len Wisemans Film zwar mit einem noch dünneren Handlungsskelett, dafür aber mit erfreulich weniger inhaltlichen Ärgernissen und Ungereimtheiten daher. Um sich große Gedanken über Logik zu machen, ist ohnehin viel zu wenig Story vorhanden, obwohl sogar der (kleine) Plot-Twist am Schluss der gleiche ist wie in „Blade 2“. Auch die Waffentechnik könnte direkt bei „Blade“ importiert worden sein: So schießen die Werwölfe auf die Vampire mit Projektilen, die ultraviolettes Licht ausstrahlen, gegen das die Blutsauger bekanntermaßen hochgradig empfindlich sind, diese revanchieren sich mit Patronen voller flüssigem Silbernitrat. Dem Blutsauger-Mythos wird wie in „Blade“ eine Drogen- und Sexparabel abgewonnen, wenn der Vampirismus als Virusinfektion erklärt wird und an Michael in sinistren Laboren genetische Experimente vorgenommen werden.

Aber bei Len Wiseman bestimmt allein das Design das Bewusstsein, und so schwelgt „Underworld“ von der ersten Minute an in einer martialischen, rasant geschnittenen und visuell in makelloser Videoclip-Ästhetik, die völlig vergessen lässt, mit was für einem für Hollywoodverhältnisse geradezu minimalistischen Budget der Streifen realisiert wurde. Zur entsprechenden Visualisierung entschied sich Wiseman für hyperkinetische Kamera- und Schnittarbeit, was es manchmal schwer macht, die in stimmigstem Schwarzblau aufgenommen Bilder in ihrer vollen Pracht wahrzunehmen. Die zeitweise eingesetzte schwindelerregende Beschleunigung, wenn beispielsweise die Kamera aus den Augen eines laufenden Werwolfs blickt, oder die Zeitlupe der Schusswechsel unterstreichen den offensichtlich gewünschten Videogame-Effekt. Dem Diktat des Markts passt sich auch der hämmernde Soundtrack von Rap, Metal und Industrial an, der den aggressiven Horroractioner auch auf akustischer Ebene mit einer kompromisslosen Dosis an Adrenalin anreichert.

Die Britin Kate Beckinsale bildet den attraktiven Mittelpunkt des dynamischen Geschehens. Als Vampirin Selene, die in lasziv hautenger Latex- und Lederkluft und bewaffnet mit zwei großkalibrigen Kanonen Jagd auf die verhassten Lycaner macht, die einst ihre Familie ermordeten, stellt sie die idealtypische weibliche Variante all jener schwarz gewandeter Rächer der Nacht von Batman bis zu Blade dar, die seit einem traumatisierenden Verlust die dafür Verantwortlichen zur Strecke bringen. Die Britin, die vor allem durch ihre weibliche Hauptrolle in Michael Bays dümmlichem Weltkriegsgeballer „Pearl Harbor“ bekannt wurde, überzeugt auf ganzer Linie als bildschöner, eisiger Todesengel, die bar jeglicher Emotion die Nacht durchstreift und auf Dachfirsten lauert, um ihre Gegner zur Strecke zu bringen. Mit einer Romeo-und-Julia-Geschichte hat ihr Verhältnis mit dem von den Lycanern gejagten Michael nicht das Geringste zu tun: Selene ist für den schwächlichen, verletzbaren Menschen vielmehr eine Schutzpatronin, ein dunkler Engel in wehender Lederkutte und mit nachtschwarzen Haaren, so wie sie gleichsam Todesengel für ihre Feinde ist. Scott Speedman hat indessen darstellerisch so gut wie nichts zu bestellen, ohnehin bildet er als von Vampiren wie Werwölfen gleichermaßen gesuchtes Objekt der Begierde nur einen austauschbaren McGuffin, der die meiste Zeit damit zubringt, gefesselt oder bewusstlos oder auf der Flucht zu sein. Allerdings ziehen die gesamten Blutsauger, speziell Selene, nicht die geringste Sympathie auf sich, so konsequent kalt und steril setzte Len Wiseman seine Vampir-Protagonisten in Szene. Interessanterweise ist die einzige Figur, für die der Zuschauer wenigstens ansatzweise so etwas wie Mitgefühl aufzubringen vermag, der Werwolfanführer Lycian, der von Kate Beckinsales ehemaligem Lebensgefährten Michael Sheen zwar – verglichen mit den übrigen Werwölfen – ein wenig zu schmächtig, dafür aber mit dem meisten Bonus an Glaubwürdigkeit und dem meisten Anteil an Menschlichkeit verkörpert wird.

So wie Gefühle oder Emotionen spielen Menschen überhaupt in Len Wisemans Vampirwelt überhaupt keine Rolle, nicht einmal am Rand und auch nicht als Statisten oder Kanonenfutter. „Warum sollten Werwölfe einem Menschen folgen?“ fragt Clan-Chef Kraven (Shane Brolly) Selene in einer Szene, so als wollte er fragen, warum sich wohl jemand mit Chihuahua-Hunden beschäftigt. Vor allem der auffällig geringe Einsatz von CGI-Effekten lässt den Film funktionieren. Wozu das schmale Budget den sicherlich äußerst tricktechnikverliebten Wiseman zwang, wirkt sich letztendlich als Glücksfall aus – viel zu groß wäre die Gefahr gewesen, dass „Underworld“ bei einem entsprechend verfügbaren Finanzrahmen zu einer völlig ungenießbaren Special-Effects-Orgie verkommen wäre wie jüngst der indiskutable „League of extraordinary Gentlemen“. Zugegeben, Len Wisemans Werwolf-Fantasmagorie hat keinen sonderlich innovativen Plot, entbehrt geschliffener Charakterstudien und strebt kaum nach philosophischer Erkenntnis denn nach einer Fortsetzung der Geschichte, wie das Ende des Films ein wenig aufdringlich nahe legt. Dennoch ist es unterhaltsam, wenn sich ein ehemaliger Werbefilmer visuell derart konsequent auf der Spielwiese populärer Trivialmythen austobt.
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