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Das dreckige Dutzend
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Das dreckige Dutzend
Von Alex Todorov
Nicht ohne Grund wurde Robert Aldrichs („Was geschah wirklich mit Baby Jane?“, Der Flug des Phoenix) „Das dreckige Dutzend“ der kommerziell erfolgreichste Film des Jahres 1967, versammelte er doch einen exquisiten Cast arrivierter männlicher Akteure: darunter Telly Savalas (James Bond – Im Geheimdienst Ihrer Majestät, Unternehmen Capricorn), Charles Bronson (Spiel mir das Lied vom Tod), Ernest Borgnine (The Wild Bunch, Die Klapperschlange), John Cassavetes (Rosemaries Baby), Robert Ryan (The Wild Bunch) und Lee Marvin (Point Blank), der im Jahr zuvor den Oscar als Bester Hauptdarsteller für „Cat Ballou“ erhalten hatte. Aldrich verbindet Zutaten des Heist-Movies à la Ocean’s Eleven mit dem Setting eines Kriegsfilms. Wie auch der Klassiker Gesprenge Ketten zählt „Das dreckige Dutzend“ zu den höchst populären Ensemblefilmen der Sechziger, die das zeitgenössische Starpotential bündelten. Beide Filme erzählen von Schicksalsgemeinschaften, deren gemeinsame Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs über soziale Schranken und Rassengrenzen hinweg zusammenschweißt. Entsprechend sind sie auch Spiegelbild der „bürgerrechtlich bewegten“ Sechziger. Dass der Film indes im Subtext einiges an Machismo transportiert und Frauen zu bloßen Randnoten verkommen, rückt den Gedanken an Heinrich von Treitschkes chauvinistischer Reduktion „Männer machen Geschichte“ in nicht allzu weite Ferne.

London 1944, kurz vor dem D-Day: Der bei seinen Vorgesetzten für seinen stillen Ungehorsam sowie seine Sturheit berüchtigte Major Reisman (Lee Marvin) wird mit einer abwegigen und streng geheimen Mission beauftragt. Er soll zwölf verurteilte Schwerverbrecher, zumeist Mörder oder Vergewaltiger, zunächst ausbilden, um mit ihnen dann ein Schloss in der Bretagne zu infiltrieren, wo sich zahlreiche hochrangige Nazioffiziere aufhalten. Im Gegenzug sollen die Männer rehabilitiert werden. Doch schon das Ausbildungslager gestaltet sich konfliktreich. Insbesondere der aufsässige Chicagoer Gangster Franko (John Cassavetes) testet immer wieder den Zusammenhalt der allerlei Gegensätze beherbergenden Truppe, in der beispielsweise der rassistische Psychopath Maggott (Telly Savalas) gezwungen ist, an der Seite des schwarzen Hünen Jefferson (Jim Brown) sowie des Indianers Posey (Clint Walker) Dienst zu tun. In Opposition zu Major Reisman sowie mit der Begnadigung vor Augen rückt die Gruppe enger zusammen, doch das finale Himmelfahrtskommando steht ihnen erst noch bevor…

„You've got one religious maniac, one malignant dwarf, two near idiots and the rest I don't even want to think about. “ – Psychologischer Gutachter
„Well, I can't think of a better way to fight a war.“ – Major Reisman

„Das dreckige Dutzend“ offenbart bis zu einem gewissen Grad Züge einer Vergeltungsphantasie an den Nazis à la Inglorious Basterds, und der Befehl „Kill as many senior officers as possible in the time available“ lässt einen zwangsläufig an Aldo Raines’ „Each and every one under my command owes me 100 nazi scalps!“ denken. Doch das war es mit den Gemeinsamkeiten dann auch. Hier wird Geschichte nicht im großen Stil umgeschrieben und es werden keine Skalps gesammelt. Keine jüdisch-amerikanische Truppe geht blutrünstig auf die Jagd, stattdessen werden zwölf von der Gesellschaft Ausgeschlossene zu einem fast sicher tödlichen Auftrag gezwungen und sitzen damit im selben Boot wie Major Reisman. Sollte die Mission fehlschlagen, wären die Militärs schließlich auch den als Disziplinproblem wahrgenommenen Major los. Die Aussätzigen erledigen die Drecksjobs. An einigen Stellen macht der Film es sich zu einfach, etwa dann, wenn dem ekelhaftesten und am schwierigsten zu resozialisierenden von allen, dem Frauenmörder Maggott, erst gar keine Gelegenheit zur Rehabilitation gegeben wird, weil er den moralischen Pflichttod stirbt. Einen weitaus mutigeren Ausgang bot in dieser Hinsicht, auch wenn der Vergleich aufgrund der Entstehungszeit ein wenig hinkt, Steve Buscemis Triebtäter aus Con Air, der trotz der von ihm ausgehenden Gefahr in die Freiheit gelangt.

Grundlage für das Funktionieren eines Ensemblefilms sind die Dynamik und Chemie unter den Schauspielern. Die Hauptdarsteller, von denen unter anderem Telly Savalas, Charles Bronson, Clint Walker und Ernest Borgnine selbst im Zweiten Weltkrieg kämpften, sind ohne Ausnahme treffend besetzt und in blendender Spiellaune. Wobei lediglich sechs der zwölf Verbrecher im Fokus des Films stehen. Dies tut zwar der Übersichtlichkeit gut, doch degradiert es die zweite Dutzendhälfte zu bloßen Statisten. Telly Savalas‘ perversen Frauenmörder und Sonderling unter Sonderlingen Maggott umgibt in seinem Rassismus und seiner sadistischen und lüsternen Frauenverachtung fast schon eine greifbar abstoßende Abscheulichkeit – gleich einer Made. Wo Maggott für Beklemmung sorgt, bildet Donald Sutherlands (Wenn die Gondeln Trauer tragen, JFK) schwachsinniger Pinkley das charakterliche Gegenstück, wenn er als Motor des Comic Reliefs fungiert und Spannungen immer wieder auflockert. Bestes Beispiel dafür ist eine großartige Szene, in der er sich auf Geheiß Reismans’ als General ausgeben muss und mit dieser Rolle in der Rolle die gesamte militärische Attitüde innerhalb des Films herrlich durch den Kakao zieht. Zugpferd ist freilich der schon damals arrivierte Lee Marvin. Der Oscarpreisträger hat das notwendige Format und die Autorität und bringt darüber hinaus ein Augenzwinkern in die Rolle des Majors. So kann man froh sein, dass der Überpatriot John Wayne als erste Wahl für die Rolle absagte, da dem Film mit diesem wohl einiges an Charme vorenthalten geblieben wäre. Wayne sagte übrigens ab, weil Reisman im ursprünglichen Drehbuch eine Affäre mit einer Frau hatte, deren Mann an der Front kämpfte. So viel zu Waynes Auffassung von Schauspielerei, in der sich der Standpunkt der Filmpersona des „Duke“ mit jenem der Privatperson Wayne selbstverständlich zu decken hatte.

Aldrich und Marvin drehten zehn Jahre zuvor schon gemeinsam den bitterbösen Kriegsfilm „Ardennen“, der sich mit dem äußerst explosiven Binnenklima einer Einheit beschäftigte und in den Fokus rückte, wie Krieg in den sozialen Alltag wirkt und umgekehrt. Auch wenn „Das dreckige Dutzend“ einige ernsthafte Themen streift, war der Film in erster Linie als kommerzielles Starkino konzipiert, was man vor allem an dem teils offensiven Humor gut erkennt. Zwar sind die Charaktere durchweg stimmig, doch gibt es kaum genuine Schauspielszenen, in denen Könner wie Savalas oder Cassavetes aufeinander losgelassen werden und miteinander Szenen ausagieren. Die gut aufgelegten Akteure ziehen so oftmals ihre eigenen kleinen Shows ab, können aber gleichwohl nicht über die Überlänge des Films hinwegtäuschen. Es ist gerade der zwar amüsante, doch leicht ermüdende Ausbildungsteil, in dem man zunehmend die finale Konfrontation mit den Nazis herbeisehnt. Diese ist für die Sechziger recht brutal geraten und ein Gerücht besagt, dass Aldrich mitgeteilt worden war, er könne seine Oscarchancen erheblich steigern, würde er die Szene herausschneiden, in der Jim Brown Handgranaten in den Bombenschutzkeller voller deutscher Frauen und Männer wirft. Aldrich weigerte sich und ging leer aus. Außergewöhnlich ist der Film in jener Hinsicht, dass er keinesfalls ein grobschlächtiges Bild vom abgrundtief bösen Nazi zeichnet, um die spätere Tötungsorgie zu rechtfertigen. Die Grausamkeiten des Films gehen allesamt von den Alliierten aus. So bricht der Film nicht allein durch die für die gerechte Sache kämpfenden Schwerverbrecher mit den Kategorien von Gut und Böse, sondern ebenso in seiner Darstellung von alliierter Barbarei.

„Das dreckige Dutzend“ ist trotz Überlänge ein „testosterongetränkter“ Pflichtfilm der Sechziger mit einem beeindruckenden männlichen Staraufgebot und krachender Action, der es mit Tiefgang nicht übertreibt. Man darf also definitiv gespannt sein auf das von Zak Penn (X-Men 2, Der unglaubliche Hulk) verfasste Drehbuch für das für 2012 angekündigte Remake, das die dem Stoff fraglos innewohnende inhärente gesellschaftliche Relevanz aller Voraussicht nach weiter ausloten wird.
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