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Lemony Snicket - Rätselhafte Ereignisse
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Lemony Snicket - Rätselhafte Ereignisse
Von Carsten Baumgardt
Seine abgründigen Romane für ein erwachsenes Publikum fanden bei den Buchkritikern durchaus Anklang, nur die potenziellen Leser wollten nicht mitspielen und ließen die Werke in den Regalen verstauben. Erst als aus Daniel Handler dessen Alter Ego Lemony Snicket wurde und er sich auf skurrile Kinderbücher verlegte, stellte sich ein überwältigender Erfolg ein. Er schaffte es als erster, Joan K. Rowlings „Harry Potter“ von der Spitzenposition der New-York-Times-Kinderbuchbestsellerliste zu stoßen. Seine Buchreihe ist seit mehr als 600 Wochen hintereinander in der Hitliste vertreten, über 27 Millionen Exemplare wurden bisher verkauft. So war eine Verfilmung der etwas anderen Kinderbücher nur eine Frage der Zeit. Regisseur Brad Silberling bekam schließlich den Zuschlag und mit Superstar Jim Carrey gleich noch einen Kassenmagneten an die Seite gestellt, sodass nicht viel schief gehen konnte und ein Blockbuster vorprogrammiert war. Das Fantasy-Märchen „Lemony Snicket - Rätselhafte Ereignisse“ begeistert durch eine außergewöhnliche, schräge Optik im Tim-Burton-Stil, einen glänzend aufgelegten Jim Carrey und einige skurrile Ideen. Leider hat das Vergnügen auch einen Haken: Die Story bietet nicht durchgehend Überraschendes und vermag es nicht, über die komplette Spielzeit zu fesseln.

Das Schicksal meint es nicht gut mit den Baudelaire-Kindern Violet (Emily Browning), Klaus (Liam Aiken) und Sunny (Kara und Shelby Hoffman). Ihre steinreichen Eltern kommen bei einem Brand des antiken Familienanwesens ums Leben und der nächste Verwandte ist unglücklicherweise der erfolglose Schauspieler Count Olaf (Jim Carrey). Der skurrile Kauz bekommt die Vormundschaft für die drei übertragen, hat aber nur eines im Sinn: Er will die Kinder so schnell wie möglich beseitigen, um an ihr riesiges Erbvermögen zu gelangen. Nach dem ersten Mordversuch können die Baudelaires fliehen und bei ihrer Tante Josephine (Meryl Streep) unterkommen. Doch Count Olaf ist sehr einfallsreich und lässt sich nicht so schnell abschütteln. In aberwitzigen Verkleidungen und mit noch mehr Gemeinheiten auf Lager schleicht er sich an die Kinder heran, um an sein Ziel zu kommen.

Die 100 Millionen Dollar teure Verfilmung „Lemony Snicket - Rätselhafte Ereignisse“ beruht weitgehend auf dem Roman „Der schreckliche Anfang“. Auch in Deutschland, das noch nicht so recht von der US-Hysterie um Lemony Snicket erfasst wurde, sind die Snicket-Bücher dennoch erhältlich. Die Wahl von Brad Silberling als Regisseur macht bei seinem filmischen Hintergrund durchaus Sinn. Mit dem Kinder-Hocus-Pocus „Casper“ sammelte er bereits Erfahrung im Umgang mit einem jungen Publikum. Bei „Stadt der Engel“ und vor allem bei „Moonlight Mile“ konnte Silberling zeigen, dass er tatsächlich Talent hat. Die Kombination von Erwachsenen- und Kinderwelt kennzeichnet „Lemony Snicket“ im besonderen. Der Film spricht große und kleine Besucher auf verschiedene Art und Weise an. Die Atmosphäre und der Look ist für einen Kinderfilm ausgesprochen düster. Das außergewöhnliche Setdesign ist eines der absoluten Highlights. Die Ausstatter schaffen den schwierigen Drahtseilakt, bewusst künstlich gehaltene Kulissen phantastisch wirken zu lassen. Der Zuschauer hat nicht das Gefühl, dass die Schauspieler durch ein Studio marschieren oder sich vor der Blue Screen austoben. Silberling gelingt es tatsächlich, eine eigene bizarre Welt entstehen zu lassen, die voller liebenswerter Details steckt.

Die Geschichte - eine Mischung aus Gebrüder Grimm, Charles Dickens, „Bambi“ und „Findet Nemo“, so Produzent Walter F. Parkes treffend - kommt erstaunlich erwachsen daher. Zeitlich ist sie nur schwerlich einzuordnen, da zum Beispiel moderne technische Errungenschaften wie Autotelefone, im antiken Style, eine Rolle spielen. Der kühle Humor nimmt teils sanft subversive Züge an, was die jungen Besucher sicherlich in der Deutung überfordern, aber die älteren dafür umso mehr erfreuen wird. Der Fluss der Handlung leidet allerdings gelegentlich unter der episodenhaften Struktur, die aus Handlers Vorlage übernommen wurde. Lemony Snicket ist auch gleichzeitig der Erzähler im Film, im Original gesprochen von Jude Law. Er führt die einzelnen Abschnitte zusammen und schafft Übergänge, auch wenn hier einiges an Homogenität verloren geht. Angenehm sympathisch ist dagegen die Charakterisierung der Baudelaire-Kinder, die so wenig rein kindliches an sich haben und ernst genug genommen werden, um sich in der Welt der Erwachsenen zu behaupten.

Schauspielerisch bewegt sich „Lemony Snicket - Rätselhafte Ereignisse“ auf gutem Niveau. Jim Carrey („Die Truman Show“, „Der Mondmann“, „Vergiss mein nicht“) ist als soziopathischer Erzbösewicht Count Olaf die Attraktion des Films. In skurrilen Outfits und ständig wechselnden Verkleidungen zieht Carrey in großem Stil auf, kann viele verschiedene Facetten zeigen. Jede Geste, jeder Gesichtsausdruck sitzt. Vom undifferenzierten Grimassieren, welches den Beginn seiner Karriere kennzeichnete, ist der Kanadier, der sich auch im Charakterfach bewiesen hat, mittlerweile weit entfernt. Taucht er auf der Leinwand auf, dominiert er das Geschehen und reißt alles an sich. Für die kleinen Besucher gibt er einen verabscheuungswürdigen Schurken ab, die Erwachsenen können sich an Carreys Spielfreude begeistern. Das hat aber auch einen Negativeffekt: In den Phasen, in denen Carrey nicht zu sehen ist, fehlt die Spannung und Explosivität, die der Superstar in die Szenen bringt.

Dabei sind die Baudelaire-Kinder dennoch gut besetzt. Die Australierin Emily Browning („Der Fluch von Darkness Falls“) erinnert in ihrer Ausstrahlung ein wenig an die junge Christina Ricci. Nachdem die drei zu Weisen geworden sind, übernimmt Violet das Kommando und sorgt dafür, dass es dem bösen Count Olaf nicht zu leicht gemacht wird. Liam Aiken („Road To Perdition“, „Good Boy“, „Sweet November“) kann als Bücherwurm und Nachwuchsintellektueller Klaus überzeugen. Ihre junge Schwester Sunny, die von den Zwillingen Kara und Shelby Hoffman dargestellt wird, hat das Talent, mit ihren granitartig festen Zähnen alles kurz und klein zu beißen. Ihre Gedanken und trockenen Oneliner werden als Untertitel auf die Leinwand gebracht, was zumeist äußerst witzig ist. Der kurze Auftritt von Meryl Streep („Der Manchurian Kandidat“, „The Hours“, „Adaption“) bietet nicht viel Außergewöhnliches, was ihr überragendes Talent gefordert hätte. Aber auf der Besetzungsliste macht sich ein weiterer großer Name natürlich prima. Der Cameo-Auftritt von Dustin Hoffman („Das Urteil“, „I Heart Huckabees“) zum Ende des Films ist gewiss der Freundschaftsdienst an einen alten Bekannten, schließlich arbeitete der Altstar bei „Moonlight Mile“ mit Silberling zusammen.

„Lemony Snicket - Rätselhafte Ereignisse“ ist keine zwingende, aber eine denkbare Alternative für Kinofreunde, denen „Harry Potter“ zu glatt gebügelt und brav ist. Brad Silberling gelang eine skurrile, bizarre und unterkühlt witzige Mär, die zwar alle Altersschichten anspricht, aber nur für Erwachsene in aller Vielfältigkeit der Details zu begreifen ist. Wird die Verfilmung ein Erfolg, wovon auszugehen ist, sind sicherlich weitere Teile vorprogrammiert.
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