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    Citizen Verdict
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    1,5
    enttäuschend
    Citizen Verdict
    Von Christoph Petersen
    Vom Jugend- bis zum Strafgericht, von Barbara Salesch bis zu Alexander Holdt - das beschränkt variable Konzept der Gerichtsshows wurde im deutschen Fernsehen wohl schon nahezu komplett ausgelutscht. Und im US-TV, wo solche Pseudo-Reality-Formate eine noch längere Historie hinter sich haben, dürften die Produzenten noch schärfer auf jede Art von Innovation sein, die sich am medialen Jura-Himmel auftut. In Philippe Martinez´ Mediensatire „Citizen Verdict“ wird diesem Entwicklungsstopp nun dadurch Einhalt geboten, dass in der titelgebenden TV-Show echte Mordfälle verhandelt werden und die sensationsgeilen Zuschauer mittels Telefon-Ted zu Geschworenen mutieren. Dabei geht Martinez in der ersten Stunde ausgesprochen mutig, kritisch und konsequent zur Sache – dumm nur, dass der Film in der letzten halben Stunde eine 180°-Wende hinlegt, sich auf einmal offen zur Todesstrafe bekennt und ekelhaft patriotische Tendenzen an den Tag legt.

    Weil die Wahlen vor der Tür stehen, kommt Floridas Gouverneur Bull Tyler (Rob Scheider, Der weiße Hai) der Vorschlag des erfolgreichen TV-Produzenten Marty Rockman (Jerry Springer), ein neues Reality-Format mit dem Namen „Citizen Verdict“ zu etablieren, gerade recht. In der Show wird live ein Mord verhandelt und die Zuschauer dürfen im Anschluss selbst über Leben und Tod des Angeklagten abstimmen. So soll Tylers harte Linie in Sachen Verbrechensbekämpfung noch einmal medienwirksam unterstrichen werden. Dazu müsste der Beschuldigte Ricky Carr (Raffaello Degruttola, Dot.Kill) aber sicher für schuldig erklärt werden, wogegen der erfahrene Verteidiger Sam Patterson (Armand Assante, Das schnelle Geld) einiges einzuwenden hat. Er schafft es sogar, mehrere Indizien, die auf die Unschuld seines Mandanten hindeuten, zusammenzusammeln. Aber der Wille des Gouverneurs und die öffentliche Meinung sind gegen ihn…

    Erst vor kurzem lief Paul Weitz´ Mediensatire American Dreamz, die sehr gut geschrieben und gespielt, insgesamt aber auch ein wenig harmlos war, in den deutschen Kinos. Im Vergleich dazu wartet „Citizen Verdict“ zwar mit weniger geschliffenen Dialogen und auch einem klar schwächeren Cast auf, zieht aber zumindest in der ersten Stunde seine Kritik absolut konsequent durch. So sind die Bilder der Gerichtsshow, wo Angeklagte, Richter und Anwälte auf dem roten Teppich wie Society-Stars gefeiert werden und die Zuschauer mit ihren 2,99-Dollar-Anrufen nicht nur über ein Leben abstimmen, sondern auch gleichzeitig Fanartikel vom Cap bis zum T-Shirt bestellen können, realen Programmen gar nicht mal so unähnlich – der trashige Charme der Direct-to-DVD-Produktion passt einfach gut zum unerklärlichen Reiz von Trash-TV à la „Deutschland sucht den Superstar“. Zusammen mit den immer wieder reingeschnittenen Interviews von Bürgern, die ihre Meinung zu „Citizen Verdict“ abgeben und die wohl erschreckend nah an den zu erwartenden Reaktionen auf eine reale Show dieser Art liegen, können diese Passagen einem sogar wirklich ein wenig Angst machen.

    Wäre hier Schluss gewesen, hätte man diese Kritik wunderbar mit folgendem Fazit beschließen können: „Citizen Verdict“ ist ein gutes Beispiel dafür, dass ein geringes Budget auch seine Vorteile hat, weil man sich nicht so sehr um Zuschauererwartungen und falsche Political Corectness scheren muss, sondern vielmehr konsequent seine eigene Linie verfolgen kann. Leider dauert der Film zu diesem Zeitpunkt aber noch mehr als eine halbe Stunde, in der er sich selbst – zumindest für ein politisch aufgeklärtes Publikum – den Todesstoß versetzt. Zunächst einmal ist da die Inszenierung der zweiten Fernseh-Show, der Live-Übertragung der Hinrichtung für 19,99 Dollar im Pay-TV. Musikalisch mit dem Emotionen haschenden „Somewhere Over The Rainbow“ und dem sakralen „Ave Maria“ unterlegt, geht Martinez hier mit genau der Sensationsgeilheit zur Sache, die er selbst noch einige Minuten zuvor an den Pranger gestellt hat.

    Und zum anderen ändert sich auch der Blick des Films auf das „Citizen Verdict“-Format überhaupt – statt Kritik gibt es auf einmal so etwas wie ernst gemeinte Zustimmung. Spoiler: Als erstes wird nun sicher aufgeklärt, dass Ricky Carr wirklich gemordet hat und so die Todesstrafe – zumindest in den Augen der Macher – zweifelsfrei in Ordnung geht. So heißt die Aussage auch auf einmal, dass man sich natürlich ohne weiteres auf ein von Medien beeinflusstes Publikum – selbst wenn es um das Leben eines Menschen geht – verlassen könnte. Auch Gouverneur Tyler wird wieder reingewaschen, die Schuld alleine auf einen faschistischen, größenwahnsinnigen Einzeltäter und nicht auf das System an sich geschoben. So ist „Citizen Verdict“ wegen der bissigen ersten Stunde ein Film der interessanten Ansätze, aber wegen der fatalen Ideologie des letzten Drittels im Endeffekt nahezu unerträglich – oder man schaltet einfach rechtzeitig ab.
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