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Wrong Turn
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
Wrong Turn
Von Jürgen Armbruster
Ältere Semester werden sich noch an die Folge „Blutschande“ aus der vierten Staffel der Erfolgsserie „Akte X“ erinnern, in der fragwürdige sexuelle Praktiken innerhalb der eigenen Familie über Generationen hinweg zu recht anschaulichen, genetisch bedingten Missbildungen führten. Der Teenie-Slasher „Wrong Turn“ von Rob Schmidt weißt erstaunliche Parallelen zu dieser „X-Files“-Episode auf. Zwar wurden die Agenten Scully und Mulder durch sechs knackige Mittzwanziger ersetzt, doch die Thematik bleibt dieselbe.

Bereits der Prolog zeigt überdeutlich, auf was sich der Zuschauer in den folgenden 95 Minuten einzustellen hat. Für ein junges Pärchen endet der anfänglich recht idyllische Ausflug in die Gebirge West Virginias im Suppentopf dreier missgebildeter Brüder, die Menschenfleisch als Delikatesse schlechthin anzusehen scheinen. Über die Herkunft der Brüder wird einzig im Vorspann durch Zeitungsberichte und überlieferte Schauermärchen berichtet. Dass die ganz speziellen Vorlieben und ihr Äußeres auf Inzucht zurückzuführen sind, muss vom Betrachter schlicht und einfach ohne weitere Erläuterungen oder Rückblenden akzeptiert werden.

Die Geschichte hinter „Wrong Turn“ ist so oberflächlich, dass sie eigentlich kaum der Rede wert ist. Der junge Medizinstudent Chris (Desmond Harrington) hat es eilig, um pünktlich zu einem dringenden Vorstellungsgespräch zu kommen. Der Stau auf dem Highway kommt ihm dabei alles andere als gelegen. In der Hoffnung eben jenen umfahren zu können, versucht er über einen Waldweg sein Glück. Aufgrund einer Unachtsamkeit kollidiert er während der Fahrt mit dem stehenden Jeep von Jassie (Eliza Dushku). Sie und ihre Freunde Carly (Emmanuelle Chriqui), Scott (Jeremy Sisto), Francine (Lindy Booth) und Evan (Kevin Zegers) wollten ein ruhiges Wochenende beim Camping in den Bergen verbringen, doch ein über die Fahrbahn gespannter Stacheldraht unterbrach dieses Vorhaben abrupt. Da beide Wagen nicht mehr fahrtüchtig sind, versuchen die sechs Leidensgefährten gemeinsam, einen Weg über die verwinkelten Wald- und Gebirgspfade zu finden. Eine Holzfällerhütte kommt ihnen dabei wie gerufen. Doch als sie jene auf der Suche nach einem Funkgerät durchsuchen, machen sie eine grauenvolle Entdeckung: Die Bewohner haben ein Faible für Menschenfleisch! Prompt in dem Moment, als Chris, Jessie und die anderen diese bizarre Szenerie hinter sich lassen wollen, kehren die Kannibalen von einem ihrer Beutezüge zurück. Eine sadistische Jagd beginnt.

Es versteht sich von selbst, dass die Gruppe bei ihrer Flucht Stück um Stück dezimiert wird. Ebenso wenig dürfte es eine Überraschung sein, dass die verbleibenden Überlebenden irgendwann beschließen, dass Angriff die beste Verteidigung ist. „Wrong Turn“ orientiert sich weniger an modernen Horror-Welle à la „Scream“ oder „Ich weiß, was Du letzten Sommer getan hast“, sondern viel mehr an den alten Klassikern des Genre wie „The Texas Chainsaw Massacre“. Der potenzielle Zuschauer sollte dabei unbedingt über einen robusten Magen verfügen. Beispielweise darf man in einer Szene beobachten, wie die drei Brüder einem ihrer Opfer genüsslich einen Arm mit einer alten, verrosteten Säge entfernen. Die Tötungsszenen sind ebenso wie die Setdekorationen durchweg hart an der Grenze zur Geschmacklosigkeit.

Für die Spezialeffekte und die Gestaltung der Masken zeichnete sich niemand geringeres als der vierfache Oscar-Gewinner Stan Winston (u.a. „Aliens - Die Rückkehr", „Terminator" „Jurassic Park: The Lost World“) verantwortlich. Dementsprechend wenig lässt sich an deren fachlichen Qualität bemängeln. Doch trotzdem weiß insbesondere die Maske nicht voll und ganz zu überzeugen. Am meisten Spannung wird zu Beginn des Films erzeugt, als die drei Brüder nur in extremen Nahaufnahmen und äußerst unscharf auf der Leinwand zu sehen sind. Nachdem die drei jedoch das erste Mal ihre wahre Gestalt enthüllten, geht ein Teil der Spannung verloren, da ihre Erscheinung zwar widerlich ist, aber bei weitem nicht so Furcht einflößend, wie man anfänglich annehmen konnte.

Bei der Auswahl seiner Darsteller war für Regisseur Rob Schmidt offensichtlich weniger deren fachliches Potenzial, als vielmehr ihr äußeres Erscheinungsbild der entscheidende Faktor - aber das ist im Genre schließlich üblich. Sie sehen durchweg unverschämt gut aus. Allen voran natürlich die aus der TV-Serie „Buffy – Im Bann der Dämonen“ bekannte Hauptdarstellerin Eliza Dushku („Girls United"). Sie erweißt sich nicht nur als Hingucker vor dem Herrn, sondern gegen Ende des Films auch als äußerst schlagfertig. Selbiges gilt für ihr männliches Pendant Desmond Harrington („Ghost Ship", „Johanna von Orleans“), doch in Szenen, in denen Dushku und er schauspielern sollen, wird es unangenehm. Bescheuerte, vorhersehbare Dialoge und mäßige Darsteller sind eine gefährliche Kombination.

Doch auch ansonsten ist die muntere Hetzjagd durch die Pampa nicht unbedingt innovativ. Der Genre-erprobte Zuschauer wird all zu oft genau wissen, was als nächstes geschieht. Die Abschlachtungen kommen zwar, wie bereits erwähnt, technisch perfekt daher, allerdings auch viel zu offensichtlich. Darüber hinaus bedient sich Schmidt auch noch reichlich am Ideenfundus der Konkurrenz. „Wrong Turn“ hätte auch ohne weiteres „Jeepers Creepers 1.5" heißen können. Aufgefallen wäre dies wohl kaum jemanden. Darüber hinaus ist manches an „Wrong Turn“ unfreiwillig äußerst komisch. Einer der Kannibalen humpelt beispielsweise permanent, klettert aber katzengleich auf Bäume. Ein anderer besitzt die Feinmotorik eines Daniel Küblböck, legt ihm Umgang mit Pfeil und Bogen allerdings eine Präzision an den Tag, die Wilhelm Tell vor Neid Bauklötze staunen lassen würde. Dem Zuschauer bleibt während der Vorstellung reichlich Zeit, um jedes Detail des Film zu hinterfragen... was ein deutliches Indiz für eine nicht immer spannungsgeladene Inszenierung ist.
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