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Secretary
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Secretary
Von Jürgen Armbruster
Wer erinnert sich noch an die gezielt manipulierte Marketing-Kampagne zu „Vanilla Sky", in der einem auf fast schon dreiste Art und Weise der komplexe Psycho-Thriller als romantischer Liebesfilm um das damals neu liierte Traumpaar Cruise/Cruz vorgegaukelt wurde? Ähnlich verhält es sich bei Steven Shainbergs „Secretary“. Wer nach Durchsicht des Trailers eine romantische Komödie erwartet, ist auf dem Holzweg. Auch wenn der Film die ein oder andere recht amüsante Szene mit sich bringt, so bleibt er doch ein Charakterdrama der psychologisch anspruchsvolleren Sorte - ein phasenweise recht schonungsloses noch dazu.

Zu Beginn wird der Charakter der Lee Holloway (Maggie Gyllenhaal) eingeführt. Der Zuschauer beobachtet, wie sie am Tag der Hochzeit ihrer Schwester (Amy Locane) aus einer psychiatrischen Anstalt entlassen wird. Warum sie dort eingeliefert wurde, ist weitestgehend unklar. Sicher ist, dass sie ein Faible für Selbstgeißelung hat. Bei einem dieser Anfälle schnitt sie sich offensichtlich selbst zu tief ins Fleisch. War es ein Selbstmordversuch? Ein unbeabsichtigter Unfall? Ein Schrei nach Hilfe? Auf diese Fragen wird ebenso wenig eine Antwort gegeben, wie auf die Frage, wo Lees Tendenz zur Selbstverstümmelung ihren Ursprung hat. Liegt es am akribisch durchorganisierten Tagesablauf - Frühstück um acht, Unterricht um zwei, Therapie um vier, zu Bett gehen um zehn - mit dem sie nicht zu Recht kommt? Liegt es an den familiären Problemen? Nach der Hochzeit ihrer Schwester ist der Zuschauer Zeuge eines Streits zwischen den Eltern, in dem jede Menge gegenseitiger Schuldvorwürfe aufkommen, doch Fakten die Lees verhalten erklären würden, bleiben auch hier aus. Fragen über Fragen, einige Andeutungen, aber keine Antworten in Sicht.

Was jedoch umso realer, umso greifbarer ist, sind Lees Reaktionen auf ihr Umfeld. Ihre kühle Reaktion auf den Streit ihrer Eltern ist, sich mit einem Kessel voll mit kochendem Wasser die Innenseite des Oberschenkels zu verbrennen. Für die kleinen „Notfälle“ des Alltags besitzt sie eine Schatulle voller skalpellartiger Gegenstände, die sie unter ihrem Kopfkissen aufbewahrt, also genau dort, wo andere junge Frauen ihres Alters ihr Tagebuch verstecken. Ein Schnittchen hier, ein Schnittchen da und für Lee sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Einzig im Schmerz scheint sie die Bestätigung für ihre Existenz zu finden. Doch trotz allem besitzt sie noch einen letzten Funken Selbstwertgefühl, der sie dazu treibt, sie nach einer Beschäftigung, einer Arbeit suchen zu lassen. Das Einzige, das sie wirklich kann, ist tippen, denn ein Schreibmaschinenkurs wurde während ihrer Therapie als Beschäftigungsmöglichkeit angeboten.

Ihre erste Anlaufstelle auf der Suche nach einem Sekretärinnenjob ist die Anwaltskanzlei von E. Edward Grey (James Spader), der dem unbedarften Naivchen auch eine Chance gibt. Doch auch Edward ist kein Mensch wie jeder andere. Sein Bedürfnis nach Ordnung und Kontrolle ist ausgeprägt wie bei kaum einem anderen. Als er hinter Lees kleines Geheimnis kommt, verbietet er ihr, sich selbst weiter zu verletzten und übernimmt – zunächst unterbewusst – mehr und mehr die Kontrolle über ihr Leben. Er sagt ihr, was und wieviel sie essen soll, wie sie sich anzuziehen hat und bestraft sie an ihrer Stelle für ihre Fehler. Aus dieser Situation entwickelt sich mehr und mehr eine gegenseitige Abhängigkeit, die zunehmend ins Sexuelle abdriftet. Als Edward dies bewusst wird, versucht er die Notbremse zu ziehen, in dem er Lee entlässt, doch über den Punkt, ab dem dies einfach so möglich ist, sind beide schon längst hinweg.

Beim letztjährigem „Sundance Filmfestival“ wurde „Secretary“ vollkommen zu Recht mit dem Preis für „besondere Originalität“ ausgezeichnet, denn der Mut der Verantwortlichen, sich mit dem Sadomasochismus - einem der letzten großen Tabuthemen der heutigen Zeit - anzunehmen, hat eine Belohnung verdient. Ernstzunehmende Filme über dieses Thema sind rar gesät. Filme wie „8 mm" gehen den einfachen Weg, und stellen die SM-Szenerie als unmenschlich und düster dar, doch Shainberg geht den genau den entgegengesetzten Weg. Seine Charaktere sind glaubwürdig und vor allem menschlicher als in vielen anderen Filmen. Zum ersten Mal ist der Zuschauer fast geneigt zu verstehen, warum eine Person in der Selbstgeißelung den letzten Ausweg findet.

Dies ist jedoch nicht allein Shainbergs Verdienst, sondern auch der sich prächtig ergänzenden Hauptdarstellern. James Spader geriet nach Lothar Emmerichs Blockbuster „Stargate“ aus dem Jahr 1994 mehr und mehr in Vergessenheit und konnte sich allenfalls mit drittklassigen Produktionen wie „The Watcher“ oder „Supernova“ über Wasser halten. Die Rolle des kühlen, berechnenden E. Edward Grey scheint ihm allerdings wie auf dem Leib geschrieben. Es darf angezweifelt werden, dass man auf der Leinwand je einen besser aufgelegten James Spader zu Gesicht bekam.

Überragt wird „Secretary“ allerdings von Newcomerin Maggie Gyllenhaal. Insidern dürfte der Name Gyllenhaal kein unbekannter sein, sind sie doch Vollblutschauspieler durch und durch. Auch wenn man hier einen nordeuropäischen Ursprung vermutet, so lebt die Gyllenhaal-Sippe doch schon seit Generationen in den Vereinigten Staaten. Maggies Vater Stephen machte sich vor allem durch seine Auftritte in TV-Produktionen der 80er- und 90er-Jahre wie David Lynchs „Twin Peaks“ einen Namen. Ihr Bruder Jake lieferte an der Seite von Dustin Hoffmann mit „Moonlight Mile" ein leider verkanntes Kleinod der besonderen Güte ab. Nun darf das kleine Schwesterchen zeigen, was sie zu leisten im Stande ist. „Secretary“ ist zwar nicht Maggies erste Filmrolle – sie durfte bereits in Filmen wie „Adaption", „Geständnisse - Confessions Of A Dangerous Mind" oder „40 Tage, 40 Nächte“ als Nebendarstellerin fungieren – doch zum ersten Mal rückt sie als Hauptdarstellerin in den Mittelpunkt des Interesses und hinterlässt dabei einen mehr als bleibenden Eindruck. Ihr gelingt das Kunststück, dem unscheinbaren Mauerblümchen Maggie eine erotische Ausstrahlung sondergleichen zu verleihen, die gleichermaßen den Beschützer- und Jägerinstinkt des männlichen Publikums ansprechen dürfte. Von ihr will man schlicht und einfach mehr sehen. Darf man auch, denn demnächst wird man sie an der Seite von Julia Roberts in „Mona Lisa Smile“ anhimmeln können.

„Secretary“ ist in erster Linie eine interessante Charakterstudie, die auf dramatische Art und Weise das Publikum in seinen Bann zieht und zu fesseln weiß. Sicherlich bringt der Mittelteil des Films auch die ein oder andere höchst amüsante Szene mit sich, doch Freunde der leichten Unterhaltung wie „Ein Chef zum Verlieben" sind hier definitiv Fehl am Platz. Shainberg erzählt im gemächlichen Tempo das Schicksal zweier Außenseiter, was die Zielgruppe auf einen äußerst kleinen Kreis einschränkt. Wer sich mit einer solchen Thematik anfreunden kann, sollte sich „Secretary“ vormerken.
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Kommentare

  • TiSch
    " ...erzählt im gemächlichen Tempo das Schicksal zweier Außenseiter, was die Zielgruppe auf einen äußerst kleinen Kreis einschränkt." Das heisst sich für Minderheiten zu interessieren, ihre Sichtweise zu verstehen ist unangebracht? Kann diese Kritik nicht nachvollziehen. Selbst wenn ein Film nicht das Popkornkino mit Oberflächlickeit und Massenverträglichkeit bedient, kann er sehenswert sein(er ist es normalerweise sogar umso eher).
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