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Dolls
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Dolls
Von Ulrich Behrens
Ein kleiner rosafarbener Plastikball, angetrieben durch den Atem Sawakos, die in ein Kinderspielzeug, eine Art Pfeife, bläst, kann bis zum Mond springen. Eines der schönsten Bilder in „Dolls“: der kleine rosa Ball und der Vollmond. Ein anderes Bild zeigt Sawako und Matsumoto durch eine Landschaft gehen, voll von Bäumen mit weißen Blüten. Haruna und Nukui stehen mitten in einem Garten voll roter Rosen; es duftet stark und frisch. Ja, Frische, die Pracht und Lebendigkeit der Natur, die Fülle, die scheinbare Unerschöpflichkeit und Phantasie der Natur, ihre überwältigende Schönheit und Klarheit, aber auch ihre Geheimnisse bilden den Hintergrund für die Geschichte dreier Paare in Kitanos vorletztem Film (der Schwertkampffilm „Zatoichi“ wurde in hiesigen Kinos noch nicht gezeigt).

Scheinbar ganz andersartig als etwa in „Hana-bi“ (1997), „Sonatine“ (1993) oder [url]Brother[url] (2000), in denen Kitano entgegen der im gängigen Mainstream-Kino verzerrten Darstellung von Gewalt versuchte, ihr in der Visualisierung ihrer „Reinheit“ auf den Grund zu gehen, sie als eine Lebensweise darzustellen, der sich die Protagonisten mit Haut und Haaren verschrieben haben, fließt in „Dolls“ kaum ein Blutstropfen. Es wird ein paar Mal geschossen, ein Messer kommt ins Blickfeld, aber diese Art von Gewalt wird nicht gezeigt, sondern nur angedeutet. Trotzdem ist „Dolls“, wie Kitano selbst äußerte, sein gewalttätigster Film, eine Mischung aus surrealem Zauber und klassischem japanischen Puppenspiel, aus märchenhaften Momenten und streng durch inszeniertem Drama – letztlich ein klassisches Drama, das der europäischen Tradition gar nicht so fern ist, wie man vielleicht meinen könnte.

„You've got to give a little, take a little,

and let your poor heart break a little.

That's the story of, that's the glory of love.

You've got to laugh a little, cry a little,

until the clouds roll by a little.

That's the story of, that's the glory of love.“ [1]


Kitano erzählt die Geschichte dreier Paare. Matsumoto und Sawako waren ein jung verliebtes Paar – bis sich Matsumoto durch den sozialen Druck seiner Eltern und Umgebung bereit fand, traditionsgemäß der Heirat mit der Tochter seines Vorgesetzten zuzustimmen. Sawako zerbricht an dieser Entscheidung, versucht sich umzubringen, bis sie Matsumoto aus dem Krankenhaus holt. Von da an gehen beide – verbunden mit einer roten Kordel – durch japanische Landschaften – kaum ein Wort sagend. Sawako geht fast wie eine Marionette, staksend, manchmal fast humpelnd, und folgt Matsumoto. Wohin? Was suchen sie? Beide sind verletzt, Sawako dadurch, dass Matsumoto sie verlassen hatte, Matsumoto durch die Entscheidung, zu der er sich hatte hinreißen lassen, und ihre Folgen ...

Auch der arme Fabrikarbeiter Hiro hatte eine ihn liebende Freundin, die ihm jeden Tag ein Lunchpaket richtete. Beide saßen auf einer Parkbank während der Mittagspause, bis sich Hiro entschied, seinem Dasein als armer Schlucker zu entfliehen. Hiro wird Yakuza (japanischer Mafiosi) und Ryouko sieht ihn Jahrzehnte lang nicht wieder. Jeden Samstag sitzt sie auf der Parkbank mit zwei Lunchpaketen und wartet auf Hiro. Der ist inzwischen alt geworden und weiß, dass sein Leben so enden wird wie das fast aller Yakuza: er wird von irgendeinem Feind oder Freund ermordet werden. Er erinnert sich an Ryouko, die immer noch jeden Samstag auf der Parkbank sitzt, und lässt sich dorthin fahren ...

Das dritte Paar. Der Popstar Haruna, umhüllt von ihrer einsamen Welt als erfolgreiche Sängerin, wird durch einen Unfall schwer verletzt; eine ihrer Gesichtshälften ist entstellt. Harunas Karriere ist zu Ende. Was bleibt, ist ihre vom Medien-Rummel entsorgte Einsamkeit. Sie sitzt oft verlassen an einem Strand. Einer ihrer Fans, der im Straßenbau tätige Nukui, der Haruna abgöttisch verehrt, ist entsetzt, will Haruna beweisen, dass er ihr ergeben ist wie kein anderer ...

„As long as there's the two of us,

we've got the world and all it's charms.

And when the world is through with us,

we've got each other's arms.“ [1]


Alle sechs Figuren haben sich einem Schicksal unterworfen. Oder sind die ihrem Schicksal „nur“ ausgeliefert? Warum zerschneiden Matsumoto und Sawako nicht einfach die Kordel und verhalten sich als freie, liebende Menschen? Warum versucht Hiro nicht, trotz seines fortgeschrittenen Alters mit Ryouko dem selbst gewählten Schicksal zu entfliehen? Warum verletzt sich Nukui gerade dadurch, dass er sich sein Augenlicht nimmt, anstatt seiner eigenen Einsamkeit zu entfliehen und Haruna als Liebender entgegenzutreten? Warum?

„Dolls“ beginnt mit einer Szene aus einem Puppenspiel, dem japanischen Bunraku. Die Puppen dieses Theaters haben fast Lebensgröße, können mit den Augen rollen, Fäuste ballen und werden von Puppenspielern, den Kurogo, die auf der Bühne für das Publikum sichtbar sind, geführt. Ein Geschichtenerzähler, der Joruri, singt und berichtet. Mit verzerrter Stimme in einer Mischung aus Sprechgesang und zum Teil fürchterlich schrägem Singen kann er das Publikum zum Weinen oder Lachen bringen. Für den Erfolg dieses Puppentheaters, das mit Kinderpuppentheater nichts zu tun hat, kommt es darauf an, dass der Joruri mit dem Shamisen-Spieler harmoniert. Shamisen ist ein altes japanisches Saiteninstrument mit drei Saiten und einem langen Steg. Beim Bunraku entsteht oft der Eindruck, dass nicht die Kurogo die Puppen führen, sondern umgekehrt die Puppen die treibenden Kräfte sind.

Die schicksalhaften Episoden, zumeist von Liebenden, die in tragische Situationen verwickelt sind, z.B. weil ihre Liebe sozialen Normen widerspricht, sind bis en detail durchkomponiert. Die drei Paare in „Dolls“ sind diesen Figuren des Bunraku nachempfunden, und fast könnte man meinen, Kitano lässt ihnen – und damit uns allen – keine Chance, „dem Schicksal“ zu entrinnen. Aber „Dolls“ ist in dieser Hinsicht nicht so eindeutig, wie man meinen könnte. Die vordergründige Ruhe, Stille, Langsamkeit und Wortkargheit des Films wird konterkariert durch die fast zerberstende Tragik und Gewalt, die in der Inszenierung und der Darstellung der drei Paare steckt. Diese Gewalt ist nicht jene des Action-Kinos. Es ist die Gewalt, die sich Menschen auf ganz andere Weise antun, auch eine selbstzerstörerische Gewalt, geboren sozusagen aus der Entscheidung, sich dem Schicksal zu unterwerfen, das man doch selbst gewählt hat.

Aber auch diese Entscheidung ist zweischneidig. Kitano seziert das Verhältnis von bedingungsloser Liebe und schicksalhafter Abhängigkeit. Die rote Kordel ist für Matsumoto und Sawako zum einen das Band, das ihre jeweiligen, aufeinander bezogenen Verletzungen miteinander verknüpft, zum anderen drückt es die Hilflosigkeit aus, einen Weg zu sich (wieder) zu finden. Symbole. Die Parkbank und das Lunchpaket, für Ryouko das einzige Band in der Erinnerung an Hiro.

In der fast zerreißenden Widersprüchlichkeit zwischen der bedächtigen „Langsamkeit“ der Inszenierung und der sich in den Figuren verbergenden, und doch so heftigen und deutlichen Tragik und dem Leiden der Handelnden kommt im übrigen das Kino zum Gipfel seiner spezifischen Bedeutung. Ja, „Dolls“ ist auch ein klares, unumwundenes Plädoyer für das Kino, für das Visuelle, die primäre Bedeutung des Visuellen, auch in unserem Leben. Wenn sich Nukui die Augen aussticht (was nur durch ein Messer angedeutet wird), sich dem Sehen endgültig verweigert, und doch, weil er sehen konnte, noch immer das Sehen sozusagen in seiner Vorstellung „blind“ visualisieren kann (die Erinnerung an das Sehen und die Gegenstände), dann ist dies sowohl das Eingeständnis des Scheiterns Nukuis, als auch Kitanos Versuch, diesem Visuellen, das mit unserem Leid, unserer Tragik, unserer Abhängigkeit, aber eben auch mit dem Ästhetischen, dem Zauberhaften und nicht zuletzt mit der Liebe verknüpft ist, auf den Grund zu gehen.

„You've got to win a little, lose a little,

yes, and always have the blues a little.

That's the story of, that's the glory of love.

That's the story of, that's the glory of love.“ [1]

Für die dem Schicksal Unterworfenen und zugleich sich selbst einem bestimmten Schicksal Ausliefernden gibt es Erlösung nur im Tod oder in der Verzweiflung, die zum Tod führt. Wie mit einem Messer hinein geschnitten wirken die Verletzungen, die Kitano den prallen Bildern der blühenden Bäume, der roten Rosen, der prächtigen Landschaften usw. zufügt. In einem gewissen Sinn leben die sechs Figuren starr in ihrer Erinnerung, die aus nichts anderem zu bestehen scheint als aus ihrem einmal eingeschlagenen Weg. Und doch bleibt am Schluss noch etwas anderes, die Sehnsucht, das Hoffen, aus diesem Schicksal zu entkommen, die Suche nach etwas, das reiner ist, so rein wie die weißen Blüten oder die roten Rosen.

Glück und Unglück, Komik und Tragik, Schicksal und bewusste Entscheidung, Liebe und Hass, Leben und Tod stehen in „Dolls“ so eng miteinander verflochten beisammen, in üppigen Bildern präsentiert, dass einem schwarz vor Augen werden kann.

Kurzum, einer der eindrucksvollsten und besten Filme dieses Jahres.

[1] Bette Midler, The Glory of Love.
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