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Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Aviator
Von Jürgen Armbruster
Sechs Golden-Globe-Nominierungen für einen Film, der noch nicht einmal offiziell in den Kinos dieser Welt angelaufen ist (US-Breitenstart: 25.12.04)? Darunter auch die richtig großen wie „Best Picture“, „Best Director“ und „Best Actor in a Leading Role“. Noch dazu für ein im Grunde biographisches Werk? Selbstverständlich drängt sich hier die Frage auf, ob der Film diesen immensen Vorschusslorbeeren gerecht wird, oder ob diese lediglich mit dem großen Namen von Regie-Altmeister Martin Scorsese zusammen hängen. Doch es kann Entwarnung gegeben werden. Trotz minimaler Mängel kann „Aviator“, Scorseses tiefe Verbeugung vor dem Leben des Exzentrikers und Milliardärs Howard Hughes dank fantastischer Produktionswerte und des stark aufspielenden Hauptdarstellers Leonardo DiCaprio dennoch auf ganzer Linie überzeugen.

Visionär. Wenn diese Beschreibung je auf das Schaffen eines Mannes zugetroffen hat, dann sicherlich zu dem des amerikanischen Geschäftsmanns, Filmproduzenten und Luftfahrtpioniers Howard Hughes (Leonardo DiCaprio). Als Hughes, der 1905 in Houston, Texas, geboren wurde, mit gerade einmal 18 Jahren die Hughes Tool Company erbte und dadurch quasi über Nacht zu unermesslichem Reichtum gelangte, machte er sich zunächst auf, Hollywood im Sturm zu erobern. Mit seinem Debütfilm „Hell’s Angels“ machte er nicht nur die damals junge Jean Harlow (Gwen Stefani) zum Star, sondern betrieb auch einen bisher nie dagewesenen Aufwand. Immer wieder wurden ganze Teile des Films neu gedreht, weil sie den Ansprüchen des Perfektionisten Hughes nicht genügten. Höhepunkt war dabei, dass der eigentlich fertige Film nochmals auseinander genommen wurde, um ihn an die damals neu aufkommende Tonfilm-Technologie anzupassen. Unterm Strich wurde für jeden Meter des fertigen Film deren 249 gedreht und – für damalige Verhältnisse – astronomische 3,8 Millionen Dollar ausgegeben. Doch als der Film nach Jahren der Entwicklung schließlich veröffentlicht wurde, schlug er ein wie eine Bombe und Hughes war plötzlich die ganz große Nummer im Filmbusiness. Es folgten etliche weitere Produktionen und zahlreiche Affären. Unter anderem mit Katherine Hepburn (Cate Banchett), Ava Gardner (Kate Beckinsale) und Faith Domergue (Kelli Garner).

Neben dem Film hatte Howard Hughes noch eine weitere Passion: das Fliegen. Während den Dreharbeiten zu „Hell’s Angels“ kam er erstmals mit diversen Flugzeugen aus dem ersten Weltkrieg in Kontakt und investierte fortan viel Zeit und noch mehr Geld in diese Leidenschaft. Neben Charles Lindbergh sollte Howard Hughes zu einer der Koryphäen der modernen Luftfahrt werden. Gemeinsam mit seinem Techniker Glenn Odekirk (Matt Ross) entwickelte er zahlreiche neue, revolutionäre Flugzeuge – darunter auch geheime, experimentelle Flugzeuge für das US-Militär - und brach einen Rekord nach dem anderen. Spätestens mit dem Kauf des herunter gekommenen Luftfahrtunternehmens TWA begannen jedoch die Probleme. Hughes wollte mit TWA an der Quasi-Monopolstellung von Pan Am kratzen, was ihm jedoch einflussreiche Feinde einbrachte. Allen voran Pan-Am-Chef Juan Trippe (Alec Baldwin) und dessen Lakaien Senator Ralph Brewster (Alan Alda). Und obendrein läuft auch bei den Testflügen mit den neu entwickelten Maschinen nicht alles nach Wunsch…

Das „Aviator“-Script von Lohn Logan („Gladiator“, „Last Samurai“) macht in Hollywood schon seit geraumer Zeit die Runde. Zunächst hatte sich Regie-Ästhetiker Michael Mann („Heat“, „Collateral“) die Rechte an dieser American Tragedy über Liebe und Neid, Erfolg und Verlust gesichert. Doch Mann nahm schließlich vom Regiestuhl Abstand, da er nach „Insider“ und „Ali“ nicht schon wieder einen biographischen Film drehen wollte. Stattdessen beschränkte er sich auf die Rolle des Produzenten und bot das Drehbuch keinem Geringeren als Martin Scorsese („Gangs Of New York“, „Casino“, „GoodFellas“) an. Die beiden holten Leonardo DiCaprio mit seiner Produktionsfirma Appian Way an Bord, stemmten gemeinsam mit Warner und Miramax ein rund 110 Millionen Dollar schweres Budget und los ging’s. Zumindest kurzzeitig. Als im Oktober 2003 einige Sets durch einen Waldbrand in Südkalifornien zerstört wurden, verzögerte sich der Dreh nochmals um einige Wochen. Doch auch diese Hindernisse wurden überwunden.

Biographische Themen haben für gewöhnlich das Problem, dass es im Leben jeder noch so interessanten Person Phasen gibt, in denen einfach weniger los ist. Dies wird in „Aviator“ dadurch gelöst, dass die beiden Handlungsstränge (Filmmogul und Lufteroberer) so geschickt miteinander verwoben sind, dass bereits durch den Kontrast dieser gänzlich unterschiedlichen Betätigungsfelder eine gewisse Spannung entsteht. Und sollte ein Abschnitt des Lebens von Howard Hughes doch einmal weniger hergeben, so wird dieser einfach relativ schnell abgehandelt. Auf die Zeit nach 1947 wird gar nicht mehr eingegangen. Wer eine stoische Nacherzählung des Lebens von Howard Hughes erwartet, ist bei „Aviator“ im falschen Film. Nun mögen sicherlich die einen oder anderen von Handlungslücken sprechen, doch da der Film auch so schlappe 169 Minuten auf die Waage bringt, muss dies einfach in Kauf genommen werden.

Eigentlich war für die Rolle des Howard Hughes zunächst Jim Carrey vorgesehen. Nun hat dieser mit Filmen wir „Die Truman Show“ oder „Vergiss mein nicht“ zwar bereits bewiesen, dass er die schauspielerische Klasse für eine solche Rolle durchaus besitzt, doch letztendlich scheiterte seine Besetzung einfach am Alter. Den jungen, 18-jährigen Hughes hätte ihm der Zuschauer wohl kaum abgenommen. Stattdessen fiel die Wahl auf Leonardo DiCaprio, der seit Jahren munter gegen sein „Titanic“-Image anspielt, doch von einem Großteil des (männlichen) Publikums immer noch zu unrecht belächelt wird. Hoffentlich hat diese Hexenjagd bald ein Ende, denn viele bemerken dadurch überhaupt nicht, zu was für einen großartigen Schauspieler sich DiCaprio gemausert hat. Die Tiefe, die DiCaprio seinem Howard Hughes verleiht, ist ganz, ganz große Schauspielschule. Damit ist weniger die Entwicklung von unbeschwerten jungen Knaben hin zum gezeichneten Mann mittleren Alters gemeint. Dies lässt sich mit einer guten Maske heutzutage problemlos bewerkstelligen. Vielmehr ist es Hughes innerer Kampf, den der Sohn einer Deutschen so wunderbar zum Publikum transportiert. Zunächst wirkt Hughes lediglich wie ein leichter Exzentriker, was sich darin äußert, dass er auf öffentliche Toiletten seine eigene Seife mitnimmt und anderen nicht das Handtuch reicht. Mit der Zeit entwickelt sich dieser allerdings zum handfesten Phobiker und Neurotiker. Für Leonardo DiCaprio ist Howard Hughes das, was John Nash für Russell Crowe war. Hoffen wir nur, dass DiCaprio nicht wie Crowe so sträflich übergangen wird, wenn es darum geht, diese Leistung auch mit Preisen zu würdigen.

Zwar reißt DiCaprio den Film durch seine Präsenz förmlich an sich, doch die Nebenrollen bieten trotzdem noch den Raum für das eine oder andere Schmankerl. Für die Rolle der Katherine Hepburn, die stärkste Frauenrolle in „Aviator“, war eigentlich Nicole Kidman vorgesehen. Diese musste allerdings absagen, weil parallel „Die Frauen von Stepford“ gedreht wurden. Eine höchst fragwürdige Entscheidung, so ganz nebenbei. Nichts desto trotz musste Ersatz gefunden wurden. Fündig wurde Scorsese bei Cate Blanchett, die nicht lange zögerte und die Rolle annahm. An ihrem Auftritt werden sich jedoch die Geister scheiden. Manche mögen ihre Neigung dazu, aus kleinen Bewegungen große Gesten zu machen und ihren extremem Dialekt als aufgesetzt und nervtötend empfinden, andere werden vor Bewunderungen in die Hände klatschen. Blanchetts Auftritt ist so diskutabel wie Hepburn selbst.

Der zweite starke, wenn auch nicht ganz so dominante Frauencharakter kommt Kate Beckinsale als Ava Gardner zu. Richtig, die Kate Beckinsale, die in Filmen wie Stephen Sommers Desaster „Van Helsing“ noch auf die Rolle des 08/15-Eye-Candys reduziert war. In „Aviator“ kann sie zwar auch noch durch ihr atemberaubendes Äußeres fleißig Punkte sammeln, doch schauspielern darf sie zwischendurch auch noch. Und das wohlgemerkt gar nicht schlecht. Sie gibt den ruhigen und besonnen Gegenpol zu Hughes in seiner wohl schwierigsten und exzessivsten Phase und lässt sich dabei von DiCaprios schauspielerischer Wucht nicht erdrücken. Ganz besonders erwähnenswert ist noch Alec Baldwin, der seinen Juan Trippe irgendwo zwischen väterlichem Freund und gnadenlosen Geschäftsmann ansiedelt. Eher unspektakulär mutet das Leinwanddebüt von „No Doubt“-Frontfrau Gwen Stefani als Jean Harlow an. Das war er also, der groß propagierte Auftritt der Rockgöre? Ganze zwei Leinwandminuten und zwei Sätze? Alle Achtung. Zwar hat Jude Law als Frauenschwarm Errol Flynn einen ähnlich kurzen Auftritt, doch dieser wurde im Vergleich nicht zu mehr gemacht, als er eigentlich ist.

Handwerklich und optisch ist „Aviator“ schlichtweg ein herausragender Film. Für gewöhnlich arbeitet Scorsese mit dem deutschen Kameramann Michael Ballhaus zusammen, doch für „Aviator“ fiel seine Wahl auf Robert Richardson (zuletzt „Kill Bill“). Beide haben bereits an „Bringing Out The Dead“ und „Casino“ zusammen gearbeitet. Besonders beeindruckend sind die für Scorsese typischen, ewig langen Einstellungen ohne einen einzigen Schnitt gelungen. Starkameramann Richardson ist mit seiner Steady Cam mitten im Geschehen und kämpft sich beispielsweise durch die Jazzclubs der 20er Jahre. Jede einzelne dieser Aufnahmen ist eine logistische Meisterleistung. Jeder Darsteller, jeder Statist muss genau wissen, wann er wohin loszulaufen und was zu sagen hat. Ein einzelner, kleiner Fehler und die Rädchen greifen nicht mehr ineinander, was die Aufnahme vollkommen ruiniert. Auch an den Produktionswerten lässt sich kaum was bemängeln. Kostüme, Kulissen, Spezial-Effekte (vor allem der Flugzeugabsturz über Beverly Hills). Alles wirkt wie aus einem Guss.

Doch wo gehobelt wird, da fallen Späne und dass Licht in der Regel auch Schatten mit sich bringt, ist ebenfalls klar. Großes Highlight des Films ist die Anhörung vor dem Senat mit einem in die Ecke gedrängte Howard Hughes, der sich vom Angegriffenen Stück für Stück zum Angreifer wandelt. Dabei wird fast schon das Niveau von Coppolas „Der Pate“ erreicht. Doch bis es soweit ist, vergeht viel Zeit, mit der sicherlich nicht jeder etwas anzufangen weiß. Im Prinzip ist „Aviator“ phasenweise schon fast eine kleine Geschichtsstunde. Namen wie Jean Harlow oder Faith Domergue tauchen auf und verschwinden wieder. Als Zuschauer sollte man schon ein gewisses Grundwissen über die damalige Zeit mit sich bringen. Ansonsten besteht die Gefahr, sich in dieser Geschichte vollkommen zu verlieren und auf Durchzug zu schalten. Scorsese nimmt einem nicht wirklich an der Hand und führt einen durch den Film, was den Genuss ganz speziell für die jüngeren Generationen schmälern dürfte. Außerdem ist „Aviator“ ein Film über ein ureigenes Thema der Amerikaner, was hierzulande sicherlich nicht jeden ansprechen dürfte. Doch sei’s drum. Wer mit der Thematik nichts anfangen kann, ist hier sicherlich im falschen Film.
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