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4.5 - Großartig
Eigentlich...sollte man zumindest annehmen, dass hier in diesen so adretten Strassen das Leben noch lebenswerter erscheint als anderswo. Pustekuchen!
Gefangen in den Gefängnissen der eigenen Beschränkungen - die dazu führen, dass die Protagonisten hier GERNE dazu übergehen, die Schuld für ihr Unwohlsein, immer bei anderen zu suchen (und sei es das eigene Kleinkind!).
Alle erwachsenen Protagonisten benehmen sich wie Kinder, während die Kinder hier wie die letzte Bastion an ehrlicher Vernunft erscheinen. Und als Zuschauer konfrontiert einen dieser kluge - aber erschreckend mitleidlose Film - mit ein paar unangenehmen Wahrheiten, die man vielleicht selbst schon erlebt hat, beziehungsweise mitten drin steckt und diese lieber - um des lieben Frieden willens nicht anschneidet, aussitzt, in der Gedächtnisschublade ganz hinten verstaut. Das kann auch Erwachsensein bedeuten.
In diesem Suburbia, in dem - wie unter einem Mikroskop menschliche Hoffnungen, Wünsche und Verfehlungen seziert werden, strahlt Kate Winslet, die als literarisch bewanderte Mutter hier im Verlauf der Handlung zur eigenen Kopie des im Film angesprochenen Buches MADAME BOVARY mutiert. Erst ihr versuchter Ausbruch zum Finale, wird ihr die Wichtigkeit eigener Beschränkung zum Schutz des neuen Lebens aufzeigen (Für mich wunderbar auf den Punkt gebracht, wenn Winslets Filmtochter unter einer Strassenlaterne die von dem Licht angezogenen Motten und andere Insekten beobachtet - jeder Protagonist ist hier nämlich das Licht für jemand anderen, der sich von ihm angezogen fühlt und deshalb von ihm umtanzt wird). Noch beeindruckender wird dies in der Geschichte des Päderasten verdeutlicht, der nach Verbüssung seiner Strafe wieder in die Gemeinschaft zurück entlassen wird. Ein Ex-Polizist führt einen verbissenen Ein-Mann-Feldzug gegen diesen - nur um seine eigenen Dämonen in Schach halten zu können.
Und eine Nebenfigur - eine ältere Frau aus der Nachbarschaft- die in Winslets Charakter eine Freundin im Geiste und intellektuell zu bewundernde Person sieht, sieht sich gezwungen, ihre von ihr angehimmelte "Freundin" wieder vom Podest herunterzuholen - die Brillanz eben jener Szene speist sich daraus, dass Winslet dies vielleicht gerade ansatzweise merkt, sich damit dann allerdings nicht weiter damit beschäftigt.
Der - bei seiner Mutter in einem Mausoleum aus Hummelfiguren und Uhren dahinvegitierende - Päderast - von Jackie Earle Haley in einer Mischung aus verschüchtertem Wesen und Zeitbombe eindrucksvoll ausgelotet - ist die mit Sicherheit ambivalenteste Figur in diesem Szenario. Keine Person kann im Verlauf des Geschehens ein solches Kaleidoskop an Empfindungen beim Zuschauer hervorrufen wie er: sei es bei einem Date, das seine Mutter für ihn eingefädelt hat bei dem er in der psychisch gestörten Frau ein solches Vertrauen und eine Hoffnung erweckt nur um es beim Auseinandergehen wieder zu zerstören (für ihn würde es bedeuten all das aufzugeben, was ihm wichtig ist - seinen auch jetzt natürlich nicht geheilten Trieb!), sei es zum Ende hin, wenn er einen Brief seiner Mutter liest - dessen EINZIGER Satz ihn zusammenbrechen lässt oder sei es sein ERSTER bewusster Auftritt im Film - als er sich(anfangs unerkannt) im örtlichen Schwimmbad mit Tauchermaske und Schnorchel unter die Kinder mischt. Als er entdeckt wird (ohne er selbst zu bemeken) entsteht eine hysterische Panik, die der berühmten "4.Juli"-Sequenz aus "Der weisse Hai" in NICHTS nachsteht. Und das kollektive Schweigen der Verachtung, welches ihm entgegengebracht wird ist so laut, beinah ohrenbetäubend.
Letztenendes sei hier noch der allgegenwärtige Erzähler erwähnt, der für das eigentliche Unbehagen des Zuschauers sorgt. Da seine Stimme nie ein Gesicht bekommt, bleibt er diffus und nicht fassbar. Für den Zuschauer bekommen seine Sätze - die zunehmend mit absoluter Klarheit für ein leichtes Frösteln sorgen - etwas unmenschliches, da er sich jeglicher Wertung enthält, seine Stimme aber etwas schneidend klinisches beinhaltet. Und somit all das Szenario wie eine Ameisenfarm gefüllt mit Menschen wirken lässt. Und diese Un-anteilnahme des ALLWISSENDEN verstört den Zuschauer - unbewusst - vermutlich mehr als er sich eingestehen wird bzw. kann (und auch ich hatte wiederholt meine Probleme damit).
Deshal: dies hier IST ein Meisterwerk - ich möchte es nur nicht dermassen an mich ranlassen wie ich es schon getan habe - denn in seiner ganzen Form schürt es die Angst - die Angst vor sich selbst...
Hinzugefügt am 23.06.2009 um 10:03 Uhr
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