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    Licht im Dunkel
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Licht im Dunkel
    Von Hans Riegel
    Die Ballade von Bonnie And Clyde, amerikanische Vergangenheit reflektiert in den Augen Arthur Penns, schlug einen zündenden Funken des New Hollywood und steht seither so für den Freigeist Penns, wie ihr memorables Finale als ein Paradigma unkonventionellen Kinos gilt. Gedichtet wurde sie 1967, dem Jahr der „Reifeprüfung“, die Benjamin Braddock (Dustin Hoffman) in die Erwachsenenwelt treten und Mrs. Robinson (Anne Bancroft) treffen lässt. Für das New Hollywood sind beide Werke so prägend gewesen wie Arthur Penn und Anne Bancroft für deren künstlerisches Gelingen. Mitunter nicht bloße Koinzidenz. Regisseur und Darstellerin waren sich nicht unbekannt. 1957 inszenierte Arthur Penn für das amerikanische Fernsehen das Werk „Licht im Dunkel“ (im Original: „The Miracle Worker“). Die Geschichte der kindlichen Helen Keller, der späteren Schriftstellerin, die an Blindheit, Taubheit und folglich auch Sprachunfähigkeit leidet; leidet, und dies nicht einmal zu kommunizieren im Stande ist. 1959, zwei Jahre später, bringt Penn das Stück auf die Bühne. Anne Bancroft und Patty Duke spielen darin über zwei Jahre die Hauptrollen. 1962 schließlich folgt der Film, von dem hier die Rede sein soll.

    „How can men who’ve never seen light be enlightened“, fragen sich The Who, als Tommy blind, taub und stumm Weihnachten feiert. Helen (Patty Duke) tappt ebenfalls im Dunkeln. Von ihrer Umgebung nimmt sie nur fühlend, riechend Notiz; Wünsche, Bedürfnisse können von ihr nicht artikuliert werden, notwendige Auseinandersetzungen mit anderen finden nicht im Zwischenmenschlichen statt: Das Eigene kann aus Helen erst gar nicht heraus. Diese Ohnmacht zu kompensieren, neigt sie, da das Verlangen danach wächst, zu Wutausbrüchen, scheinbar unprovozierten Gewalttätigkeiten. Da sie sieben Jahre alt ist, bringt ihre Mutter ein weiteres Kind zur Welt. Helen wird wider Willen zur Gefahr für dieses neue Leben, das im Unterschied zu ihr unversehrt ist, einer normalen Existenz im Sinne ihrer Eltern, der ruhigen Kate (Inga Swenson) und des patriarchalischen Arthur (Victor Jory), genannt Captain, entgegensieht.

    Historisch korrekt, denn zunächst das Drama, später dessen Adaption von demselben William Gibson basieren auf der Autobiografie Helen Kellers, spielt das Geschehen circa 20 Jahre nach dem amerikanischen Bürgerkrieg, worin Captain Keller gedient hat, im Jahr 1887. Nimmt man dem Buddenbrookhaus und seinen Bewohnern den Prunk und versetzt es in den Süden der USA, hat man die gutbürgerlichen, traditionsbewussten geistig-moralischen Verhältnisse der Kellers. Darin wirkt nur Helen wie ein Fremdkörper. Sie isst nicht am Esstisch, sie isst vom Esstisch, indem sie rings von allen Tellern sich in den Mund stopft, was ihr in die Finger kommt. Hier muss der Familienorganismus Abhilfe schaffen. Zum Schutze des Neugeborenen und zur Wiederherstellung der Etikette wird gar über eine Abschiebung Helens in ein Blindenheim nachgedacht. Doch eine letzte Alternative gibt es noch: das Perkins-Institut, das Erfolg versprechende neue Methoden bei Blinden anwendet. Kurzerhand wird adressiert. Doch als Annie Sullivan (Anne Bancroft) ankommt, ist es eine resolute, selbstsichere und also das Patriarch verunsichernde Frau mit einer Passion für ihr Fach, die zudem allzu jung und selbst fast blind scheint. Annie will familiäre Gewohnheiten verändern, lehrt neue Verhaltensweisen und muss ihre Methoden gegen Helens erbitterten Widerstand durchsetzen. Ihre Aufgabe erschwerend verhängen die Eltern, die ihr Kind mittels großzügiger Liebe zu wertschätzen pflegen, über die strapaziöse Therapie ein Zeitlimit von zwei Wochen, in denen „Licht im Dunkel“ Einzug halten soll.

    Auch stilistisch baut Penn Brücken in die Vergangenheit. Wenngleich also konventionell, ist die Inszenierung doch unzeitgemäß. Charles Foster Kane entrinnt, als der lebendige Odem und das letzte Wort seinem Mund entweichen, eine gläserne Schneekugel, sie fällt zu Boden und zerspringt; in diesem Moment lässt er die Erinnerungen seiner verloren geglaubten Kindheit fahren. Helen lässt mit einer vergleichbaren Weihnachtskugel gleichsam die Erfahrungen einer in Isolation verbrachten Kindheit fallen, kurz bevor Annie am Bahnhof eintrifft. Beide befinden sich an einem Punkt des Übergangs in neue Welten. Wenn sich heute etwaige Erinnerungsmomente auftun, Momente des Wiedererkennens, so assoziieren sie gemeinhin das zwei Jahre später erschiene Fantasy-Musical „Mary Poppins“ mit Julie Andrews. Tatsächlich sind inhaltliche Parallelen erkennbar, als zum Beispiel das Grundmotiv der energischen Erzieherin, die sich in ihrer Tätigkeit gegen den Willen des ignoranten Hausherrn behaupten muss. „Licht im Dunkel“ allerdings ist von anderem Geblüt. Hier geht es nicht um das Zurechtrücken von Matrosenanzügen oder das Aufräumen unordentlicher Zimmer. In der Eröffnungsszene, als Kate erkennt, dass ihr 19 Monate altes Kind nach einer Krankheit weder sehen noch hören kann, gestaltet Penn diesen Moment, da sie aufschreit, flehentlich nach dem Manne ruft, nahezu wie den Schrecken eines Horrorfilms. Dagegen setzt er auch heitere Momente. Die Gesundung Helens ist unmöglich, jedoch ihr eine höhere Bewusstseinsstufe zu ermöglichen, der Eltern redlicher Wunsch. Was in diesem Zuge zu geschehen hat, verbildlicht der Film schließlich mehr als einen Exorzismus denn als eine Hilfe beim Treppensteigen.

    1887 trägt sich die Geschichte zu. Kameramann Ernesto Caparrós kreiert eine Schwarz/Weiß-Ästhetik, die gepaart mit der oft an Citizen Kane (1941) angelehnten Bildkomposition (Unterzeichnung des Vertrages durch Kanes Mutter), der herrlich surrealen Technik der Erinnerungsillustration (Kakadu-Moment, während Kane durch Xanadu lustwandelt) eine Kinematografie ergibt, die einen stilistischen Gestus der 40er Jahre pflegt und ihrer Kulisse und Ausstattung nach keinen Zweifel lässt, wo die Handlung zu verorten ist. 1887 ist genau das, was der Zuschauer sieht. Auf dem ersten Oberton schwingt hier Wahrhaftigkeit mit. Das Schauspiel ist ein anderer Kontrapunkt. Anne Bancroft gehört zu jenen Singularitäten, die durch einen Vergleich nur kompromittieren würden. Sie besitzt die fast magische Kraft Leanscher Bildmomente, sie strahlt Weiblichkeit und Stärke aus. In Der Elefantenmensch (1980) stiehlt sie John Hurt in der originär augenfälligen Titelrolle innerhalb einer fünfminütigen Szene gänzlich die Schau; ihre Wirkung als Mrs. Robinson ist bis zum heutigen Tage unverändert betörend. Ihrer Annie verleiht sie eine fast viehische Stärke im Streben, projiziert aber mit einem einzigen Blick durch die Gläser ihrer Sonnenbrille das Bewusstsein einer Verletzlichkeit, einer Unbeholfenheit auch in romantischen Dingen.

    Das Spiel einer Blinden beherrscht am ehesten eine Blinde. Helen Keller, ein Kind mit autistischen Zügen, darzustellen, eine Frau auch, die später durchaus Kluges schreiben, sich für die Rechte anderer einsetzen wird, dürfte einem Kind, das ebenfalls nicht sehen kann, doch am leichtesten gelingen. So scheint es denn auch zu sein: Eine blinde Jungdarstellerin gibt die Helen. Weit gefehlt. Patty Duke ist nicht blind, nicht taub, nicht stumm; realiter ist Patty Duke ein großartiges Schauspieltalent. Wahrhaftigkeit des Ausdrucks, der Bewegung, des Blickes letztlich, besonders in jener Szene, da ihre Augen einmalig in Großaufnahme zu sehen sind. 16 Jahre faszinierender Könnerschaft. Wiewohl 1962 ein ungewöhnlich fruchtbarer Jahrgang für das amerikanische Kino war, schaffte es die Academy of Motion Picture Arts and Sciences bei der Verleihung 1963 nicht, eine Fehlentscheidung zu treffen. Die Oscars für die beste weibliche Hauptrolle und Nebenrolle gingen an Anne Bancroft und Patty Duke, womit sie u. a. Bette Davis, Katherine Hepburn und Mary Badham (als Scout Finch; Wer die Nachtigall stört) ausstachen.

    „Only if he’s cured will his spirit’s future level ever heighten“, beenden The Who Tommys Weihnachtsfest resignierend. Heilung ist ausgeschlossen, doch da ist noch die Treppenhilfe. Annie tut, was sie sich geschworen hat. Helens Gewohnheiten werden radikal geändert, sie wird richtiggehend unterwiesen in der Kunst einer Fingersprache. Helen lernt Buchstaben. Aber Buchstaben, Wörter, wie soll Helen sie erkennen als Wörter, die Dinge beschreiben, als Begriffe, die etwas bezeichnen? Zunächst ist dieses Fingerspiel nichts als bloßes Fingerspiel. Innerhalb ihrer Welt gibt es Befindlichkeiten der Außenwelt, wie Temperatur, Wind, Geruch, und es gibt das Tasten. Das Bewusstsein von einem Außer-mir ist ihr gegeben, aber nach innen gelangt das Außen nicht und ebenso kann das Innere auch nicht nach außen dringen. Die ganze Welt kann für Helen nur bestehen im Wort. Ihr begreiflich zu machen, dass die Fingerzeichen Buchstaben meinen, die Wörter bilden, die etwas bedeuten, wodurch schließlich Kommunikation entstehen kann, ist Annies tiefster Wunsch. „It has a name: water“, heißt es mehrfach vergeblich.

    Es mag geschehen, dass aus einem unscheinbaren Rinnsal ein mächtiger Strom wird, wie aus Buchstaben Romane entstehen. Helen Keller überwindet den Punkt des Übergangs: Sie tritt ein in eine Welt der Sprache, in der sie die größte Macht auf Erden nutzen lernt; die Macht, andere Menschen zu erreichen. „Licht im Dunkel“ ist keine übliche Überwindungsgeschichte, mitnichten eine missbräuchliche Zurschaustellung von Behinderung. Diesem Werk gelingt nichts Geringeres als die Behauptung der Idee, dass nur das Leben lebenswert ist, das mit anderen geteilt wird, gleichviel, ob als Pinball Wizard oder Schriftstellerin. „Water“ war Helen Kellers erster Begriff.
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