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    Santa Sangre
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Santa Sangre
    Von Jan Görner
    Alejandro Jodorowsky gilt als gescheiterter Regisseur - trotz des Erlöserstatus, den er mit seinem Sensationserfolg „El Topo" von 1971 zeitweilig inne hatte. Seit 1990 hat der gebürtige Chilene keinen Film mehr in die Kinos gebracht. Sein Niedergang dürfte eng mit seiner 1974 bereits in der Vorproduktion steckenden „Dune"-Adaption zusammenhängen. Die war mit Orson Welles und Salvador Dalí in den Hauptrollen und einer voraussichtlichen Laufzeit von mehr als zehn Stunden gefährlich ambitioniert angelegt und fand aufgrund rapide explodierender Kosten ein jähes Ende. Seitdem haftet dem Sohn jüdisch-russischer Einwanderer in Hollywood der Ruf eines Exzentrikers, besser: eines Verrückten an, den die risikoscheue Branche auf Distanz hält. Nur vier Spielfilme weist Jodorowskys Oeuvre auf. „Santa Sangre" von 1989 ist der vorletzte - und auch mit unter zehn Stunden Laufzeit ein Mahnmal kompromissloser Kinokunst.

    Kindermagier Fenix (Adan Jodorowsky) wächst im Zirkus auf. Seine Mutter: die Trapetzartistin Concha (Blanca Guerra), innige Verehrerin einer armlosen Heiligen. Sein Vater: der Große Orgo (Guy Stockwell), ein protziger Messerwerfer, der sich die Frauen mit Hypnose gefügig macht. Dann tritt mit der taubstummen Alma (Sabrina Dennison) eine neue Frau neben der abgöttisch geliebten Mutter in Fenix' Leben. Als Concha ihren Gatten eines Tages dabei erwischt, wie er sie mit der Tätowierten Frau, Almas Mutter, betrügt, vergießt sie in rasendem Zorn Säure über seine Genitalien. Bevor Orgo sich das Leben nimmt, schneidet er ihr die Arme ab und überlässt sie ihrem Schicksal. Fenix, der das alles miterleben muss, landet in einer Nervenheilanstalt. Fortan weigert er sich zu sprechen oder Kleidung zu tragen - bis seine Mutter wieder auftaucht und einen blutigen Rachefeldzug startet, der mit der Tätowierten Frau bald ein erstes Opfer findet...

    In phantasmagorischen Bildern nimmt Jodorowsky diese Geschichte vorweg. In Retrospektiven sehen wir, wie die Kapelle der Gemeinde „Santa Sangre" (Heiliges Blut), in der Concha als Hohepriesterin dient, von Bulldozern plattgemacht wird, um Bauland zu schaffen. Die armlose Heilige war an dieser Stelle von zwei Brüdern vergewaltigt und ermordet worden. Ein Pool, gefüllt mit ihrem Blut, ist das zentrale Heiligtum der Sekte. Die Zerstörung des Tempels versinnbildlicht den Verlust der mütterlichen Unschuld. Der Tod und das Begräbnis eines Elefanten, in der Traumdeutung oft Synonym männlicher Sexualität, ist ein Menetekel für den Verlust des väterlichen Einflusses in Fenix' Leben. Zuvor ritzt der Messerwerfer seinem Sohn noch jenes Adler-Tattoo ein, das er ebenfalls auf der Brust trägt - ein Rite-de-passage, eine Übertragung der väterlichen Kräfte. Später sehen wir, wie firm der Filius im Messerwerfen und Hypnotisieren ist. „Santa Sangre" ist ein Film überlebensgroßer Symbolik.

    Fenix (nun gespielt von Axel Jodorowsky) wird zwar aus der Psychiatrie befreit, die Vereinnahmung durch seine Mutter nimmt jedoch derart gefährliche Dimensionen an, dass er ihr seine Hände leihen muss und schließlich jede Frau in Fenix' Nähe in Lebensgefahr schwebt. Die ödipale Natur der Beziehung zwischen Mutter und Sohn wird unübersehbar, wenn Fenix den elterlichen Geschlechtsverkehr inmitten von Tierkäfigen bezeugt. Die dämonische Matriarchin ist seit „Psycho" in den Kanon klassischer Antagonisten aufgerückt. Doch auch Frederico Fellini („8 1/2") wird hier mit seiner Vorliebe für Außenseitergeschichten Pate gestanden haben. Das Motiv des tyrannischen Machtanspruchs einer Autoritätsfigur über ein verlorenes Individuum wurde bereits im Stummfilmklassiker „Das Kabinett des Dr Caligari" von 1920 etabliert. Auch Spuren von Robert Wienes Nachfolgefilm „Orlacs Hände" von 1924 sind hier zu finden, folgt das spätexpressionistische Werk doch einem Pianisten, dem die Hände eines Mörders angenäht werden. Gefühlt zahllose Male spielt der Regisseur auf Werke aus Malerei, Psychologie und Lyrik an – der Autodidakt Jodorowsky ist ein wandelndes Kunstlexikon.

    Claudio Argento, Bruder der Giallo-Legende Dario Argento, soll seinerzeit an Jodorowsky mit der Bitte herangetreten sein, einen Film zu drehen, in dem „ein Mann viele Frauen tötet". Das Ergebnis ist ein bizarrer Mordreigen, der trotz Unmengen vergossenen Kunstbluts nur vage Slasher-Anleihen nimmt und sich kaum kategorisieren lässt. Wie bereits „El Topo" beim Western, bedient sich „Santa Sangre" lediglich der Kernelemente einer Filmgattung, um die mystische Adoleszenz-Reise einer Figur zwischen Wahn und Wirklichkeit nachzuzeichnen. Die italienisch-mexikanische Co-Produktion ist dabei größtenteils in dieser Halbwelt angesiedelt. Durch den Film „Der Unsichtbare" von 1933 inspiriert, begibt Fenix sich auf die Suche nach einer Unsichtbarkeitsformel - ein verzweifelter Versuch, sich dem Bann der Mutter zu entziehen und seine Unmündigkeit zu überwinden.

    Jodorowskys Inszenierung spiegelt die düstere Thematik wieder: Abrupte Szenen- und Stimmungswechsel erinnern an die Gemütsschwankungen seines unreifen Protagonisten. Doch sie lösen bisweilen auch aus dem Geschehen. Hinzu kommt, dass das Ende zu gönnerhaft daherkommt, wenn die Bedeutung einzelner Szenen haarklein aufgeschlüsselt wird. Dabei ist „Santa Sangre" kein Film für die breite Masse, im Gegenteil! Er ist ein wildes Geflecht absurder Ideen und faszinierender Bilder, ein Kaleidoskop, das Geschmacksgrenzen austestet und mehr als einmal ratlos zurücklässt. Und gerade deswegen lohnt der surrealistische Trip. „Santa Sangre" ist das bizarre Vermächtnis eines Freigeistes. Wie aus der Zeit gefallen wirkt dieser Film, dieses randvoll religiös aufgeladene Verlustdrama, dessen Etikettierung als Geheimtipp mehr als gerechtfertigt ist.
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