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Voll auf die Nüsse
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Voll auf die Nüsse
Von Carsten Baumgardt
Dodgeball. Dieser Sport, ähnlich unserem Völkerball, ist in den USA in etwa so beliebt wie Brennball in Deutschland. In den Schulen durchaus praktiziert, hat das Spiel für die öffentliche Fernsehauswertung keinerlei Bedeutung. Doch in Rawson Marshall Thurbers Regie-Debüt „Voll auf die Nüsse“ sieht das ganz anders aus. In der satirischen Sport-Komödie steht Dodgeball, so auch der Originaltitel, im Mittelpunkt. Obwohl der Film völlig albern und mehr als vorhersehbar ist, sorgt die launige Besetzung dafür, dass „Dodgeball“ als Screwball-Comedy mit viel absurdem Witz punkten kann.

Peter Le Fleur (Vince Vaughn) lebt gern in den Tag hinein. Sein Fitness-Club „Average’s Joe“ steht kurz vor dem Ruin. Die Bank-Anwältin Kate Veatch (Christine Taylor) eröffnet ihm, dass er innerhalb von einem Monat 50.000 Dollar aufbringen muss, sonst übernimmt die Groß-Kette „Globo Gym“ den heruntergekommenen Laden. Konzernboss White Goodman (Ben Stiller) ist schon ganz heiß drauf, die Kaschemme seines ungeliebten Konkurrenten zu schlucken. Außerdem buhlen die beiden Männer um die Gunst der attraktiven Kate, die sich aber schnell auf die Seite der Underdogs schlägt und den affektierten Goodman abblitzen lässt. Um das Geld doch noch aufzutreiben, haben Le Fleur und seine Freunde eine Idee: Sie wollen bei den World Dodgeball Championships in Las Vegas teilnehmen. Der Sieger des Turniers erhält 50.000 Dollar. Nachdem das Team von „Average Joe’s“ mit viel Glück die regionale Vorausscheidung überstanden hat, läuft alles auf den großen Showdown hinaus. Denn Goodman ist ebenfalls mit seinem „Globo Gym“-Team am Start - mit dem Unterschied, dass der Fitnessriese eine Weltklassemannschaft formiert hat und nicht eine Auswahl aus hüftsteifen Sonderlingen...

Ben Stiller sollte eigentlich ausgesorgt haben. Der Komiker ist so beliebt wie nie zuvor. Dennoch stürzt er sich wie kaum ein zweiter in Arbeit. In den vergangenen zwei Jahren drehte der emsige Stiller stolze sechs Filme ab. Und die Ausbeute ist nicht schlecht. „Starsky & Hutch“, „...und dann kam Polly“ und „Dodgeball“ entpuppten sich als Box-Office-Hits, lediglich "Der Appartment-Schreck" war ein Rohrkrepierer und „Neid“ blieb hinter den Erwartungen zurück. Die bereits abgedrehte „Meine Braut, ihr Vater & ich“-Fortsetzung „Meet The Fockers“ ist zudem ein sicherer Blockbuster. Der große Erfolg von „Dodgeball“, der in den USA bereits mehr als 110 Millionen Dollar einspielte, ist einigermaßen überraschend. Mit einem überschaubaren Budget von 20 Millionen Dollar ausgestattet, durfte sich Regie-Debütant Rawson Marshall Thurber ans Werk machen. Das Drehbuch steuerte der Werbefilmer selbst bei, wobei die Handlung bei „Dodgeball“ eine untergeordnete bzw. im Grunde gar keine Rolle spielt.

Die Storykonstruktion ist aus dem großen Handbuch für Sportfilme eins zu eins übernommen. Überraschende Wendungen? Keine? Schon nach fünf Minuten wird klar, was den Zuschauer in den restlichen knapp anderthalb Stunden erwartet. Doch das ist wie gesagt nicht vordergründig wichtig. „Dodgeball“ unterhält auf andere Art und Weise. Die Situationskomik ist einfach unschlagbar. Wer es lustig findet, wenn Trainer Rip Torn („The Wonder Boys“), der im Rollstuhl sitzt, die Reflexe seiner Spieler verbessert, indem er ihnen schwere Schraubenschlüssel an den Kopf wirft, ist hier genau im richtigen Film. Im Spiel selbst geht es ebenfalls ruppig zur Sache. Genüsslich lässt Thurber seine Kontrahenten aufeinander los. Besonders spektakuläre Abschüsse werden in Zeitlupe zelebriert. Politisch korrekt ist das Ganze in keiner Weise, was sehr erfrischend wirkt. Die Balance aus Klischees und guten Einfällen hält sich in etwa die Waage. Das deutsche Team trägt den (unvermeidlichen) Namen „Blitzkrieg“ (*gähn*), dafür wird es von Trash-Ikone David Hasselhoff trainiert, der sie in seinem witzigen Cameo nach einer Niederlage in gebrochenem Deutsch zusammenbrüllt. Überhaupt sind die Gastauftritte sehr gelungen. Action-Peinlichkeit Chuck Norris spielt kurz vor Ende des Films eine wichtige Rolle und auch der Auftritt des an sich unsympathischen Radsport-Kannibalen Lance Armstrong macht Laune. „Star Trek“-Veteran William Shatner taucht im Finale ebenfalls noch auf.

Den größten Anteil am Erfolg von „Dodgeball“ trägt allerdings das Hauptdarsteller-Trio Vince Vaughn („Starsky & Hutch“, „Old School“, „The Cell“), Ben Stiller und Christine Taylor („Zoolander“, „The Wedding Singer“, „Der Hexenclub“). Auffallend ist zunächst einmal, dass die beiden männlichen Hauptrollen strikt gegen den Strich besetzt sind. Der teils auf arrogantere Typen festgelegte, coole Vince Vaughn spielt den sympathischen Loser mit Witz und Charme. Die echte Attraktion von „Dodgeball“ ist jedoch Stiller als durchgeknallter Egomane im lächerlichen 80er-Jahre-Look. Mit George-Michael-Gedächtnis-Friseur aus Wham-Zeiten, neckischem Bärtchen und aufpumpbaren Geschlechtsteil macht sich Stiller zum Lackaffen - und ist auch schon vom Anblick grandios komisch. Nett ist außerdem der Umstand, dass seine reale Ehefrau Christine Taylor im Film seinen Annährungsversuchen angewidert ausweichen muss. Taylor, die als Love Interest für Vaughn und Stiller gleichermaßen dient, erfüllt ihre Aufgabe. Sie ist süß, charmant und teilweise sogar witzig.

So ist „Dodgeball“ ein hemmungslos albernes, vollkommen anspruchsfreies Vergnügen, dass mit einer erstaunlichen Lacherdichte aufwarten kann. Dabei gleitet der Humor auch gern mal in Gross-Out-Regionen ab. Beispielsweise wenn sich Ben Stiller in „American Pie“-Manier an einer Pizza zu schaffen machen will. In den besten Momenten ist der Film eine Sport-Satire. Beim finalen Turnier liefern Gary Cole und Jason Bateman als Sportkommentatoren eine herrliche Running-Gag-Nummer und suggerieren, dass Dodgeball die selbe öffentliche Wertigkeit besitzt wie American Football, Baseball oder Basketball. Hätte Regisseur Thurbers ein bisschen mehr Wert auf seine Geschichte gelegt und die eine oder andere Überraschung eingebaut, wäre aus „Dodgeball“ ein echter Komödien-Brüller geworden. Ein großer Spaß ist der Film über weite Strecken immer noch, aber die kleinen Durststrecken ziehen „Dodgeball“ ein wenig nach unten.
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