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Der Mann ohne Gnade - Death Wish II
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
Der Mann ohne Gnade - Death Wish II
Von Robert Cherkowski
Von der „Death Wish"-Reihe zu sprechen, heißt von Charles Bronson zu sprechen. Seit den Fünfzigern hatte der bärbeißige Haudegen mit Fernseharbeiten und Rollen in „Das dreckige Dutzend" oder „Die glorreichen Sieben" wachsende Popularität erlangt und wurde durch Sergio Leones Westernoper „Spiel mir das Lied vom Tod" unsterblich. Seit Mitte der Siebziger drehte Bronson knochentrockene Actionfilme, die ganz auf seine natürliche, eisenharte Person zugeschnitten waren. Der berühmte Selbstjustiz-Reißer „Ein Mann sieht rot" war dabei nur ein Film von vielen, doch von diesem Image kam Bronson nie mehr los. So ließ er sich Anfang der 80er Jahre von den damals noch nicht verpönten Cannon-Studios anwerben und schlüpfte erneut in die Rolle des einsamen Rächers Paul Kersey. Das Ergebnis war ein Film, der Bronsons Karriere endgültig in die Bedeutungslosigkeit führte und darüber hinaus in einer ohnehin schon fragwürdigen Filmreihe einen Sonderstatus einnimmt.

Nachdem Paul Kersey (Bronson) eine Blutspur durch New York gezogen hat und vom Polizisten Ochoa (Vincent Gardenia) zu einem Umzug überredet wurde, lebt er nun mit neuer Frau (Jill Ireland) in Los Angeles und lässt es etwas ruhiger angehen. Sogar seine schwer traumatisierte Tochter (Robin Sherwood) taucht nach Jahren langsam aus der Katatonie auf und versucht wieder erste Schritte ins Leben zu unternehmen. Die Idylle ist jedoch jäh zu Ende, als Kersey eines Tages in eine Rangelei mit ein paar Halbstarken (unter anderem ein sehr junger Laurence Fishburne) gerät, die seine Brieftasche stehlen. Von seiner Zivilcourage empört beschließen sie, ihm eine Lektion zu erteilen und überfallen zuerst seine Haushälterin und später seine Tochter und vergewaltigen beide Frauen auf brutalste Weise. Als sich auch noch seine Tochter, die das wiederkehrende Trauma nicht verwinden kann, das Leben nimmt, greift Kersey erneut zur Waffe und macht sich auf, die Verantwortlichen einen nach dem anderen niederzustrecken.

Wenige Filme leiden so unter ihren Fortsetzungen wie Michael Winners Selbstjustiz-Thriller „Ein Mann sieht rot", der als reaktionäre Verklärung von Selbstjustiz gilt. Zu Unrecht. Den schlechten Ruf verdankt die Reihe in erster Linie ihren Fortsetzungen, wobei sich „Death Wish 2 – Der Mann ohne Gnade" besonders hervortut: Mit seinem Sadismus, Misogynie und faschistischer Grundeinstellung darf man ihn mit Fug und Recht als einen der niederträchtigsten Filme des an Niederträchtigkeit nicht eben armen Actionkinos der 80er bezeichnen.

Dabei ist Michael Winners Film formal äußerst gelungen: Die Action besticht durch ihre unspektakuläre, aber gewitzte „Schuss-Gegenschuss"-Dramatik, die das Genre gewiss nicht neu definierte, doch jederzeit überzeugt. Über Schnittgewitter in denen man schnell die Orientierung verliert, kann man sich hier nicht beschweren. Winner – der auf eine Jahrzehntelange Regie-Laufbahn zurückblicken konnte - kennt alle Tricks und Kniffe, die es braucht, um das Publikum anzuheizen, dem Held Konturen zu verleihen, die Bösewichter hassenswert zu machen und einem Actionthriller den richtigen Biss zu verleihen.

Was „Death Wish 2" so brisant und in letztlich verachtenswert macht ist die mehrmals einbrechende grausige Auswälzung sexueller Gewalt. Zweimal – das erste mal sogar gänzlich ohne erzählerische Notwendigkeit – wird die Rahmenhandlung unterbrochen, um in abscheulichen Vergewaltigungsszenen zu „schwelgen". Nun ist ein solcher Akt sexueller Gewalt gewiss etwas, was abscheulich gefilmt werden muss – eine hübsch gefilmte Vergewaltigung wäre ebenfalls ein moralischer Fehlgriff – doch dient die Tat hier nicht als Einschnitt im Leben, der weder erklärt noch verarbeitet werden kann, sondern bildet lediglich die dramatische Legitimation, den Kersey endlich von der Leine zu lassen. Mit solcher Motivation ausgestattet, wirkt jeder seiner Morde gerechtfertigt und kann für „gut und richtig" befunden werden.

Wurden seine Taten im ersten Teil noch sowohl von ihm selbst, als auch vom Film hinterfragt und als psychischer Knacks dargestellt, ist Kersey nun endgültig zum Popcorn-Helden geworden, der die vergewaltigenden Horden über den Haufen schießt. Nicht zufällig bedient sich Winner hier auf den Methoden des Terror-Kinos der 70er Jahre, wie es Wes Craven („Last House on the Left"), Tobe Hooper („Texas Chainsaw Massacre") oder Ruggero Deodato („Der Schlitzer") geprägt hatten. Stets ging es um den schmalen Grad, der den zivilisierten Menschen von der Barbarei trennt. Die Illusion von Ordnung und Humanismus, wird als Lüge entlarvt.

Doch zunehmend benutzten Rachefilme die Gewalt als leicht konsumierbare Triebabfuhr, die den Namen „Gewaltpornographie" redlich verdient hat. Nur durch Gegengewalt, so erzählten diese Filme, lässt sich eine durch Trauma ins Ungleichgewicht gebrachte Welt wieder ins Lot bringen. So einfach hatte es sich „Death Wish 1" nicht gemacht: Er verweigerte Kersey die Katharsis. Seine Gewalt hatte kein Ziel, ging ins Leere, deformierte seinen Charakter. In „Death Wish 2" dagegen wird seiner Gewalt ein hassenswertes Ziel vorgesetzt, so dass der Zuschauer den Amoklauf beklatschen kann. Hass wird geschürt, auf dass der Zuschauer in eigenen Gewaltphantasien schwelgen und sich dennoch auf der richtigen Seite fühlen kann. Diese Durchtriebenheit markiert „Death Wish 2 – Der Mann ohne Gnade" als geradezu fetischistische Gewaltverherrlichung, dem die Unmoral aus jeder Pore dringt.

Fazit: Rein formal mag es hier wenig zu beanstanden geben, doch disqualifiziert sich Winners zweiter „Death Wish" durch eine nahezu schamlos-manipulative Machart, die selbst die grausigsten Darstellungen sexueller Gewalt als Mittel zum dramaturgischen Zweck missbraucht. Böse und menschenfeindlich bis ins Mark.
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