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    Good Bye, Lenin!
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Good Bye, Lenin!
    Von Stephan Flory
    Als in der DDR das 40-jährige Jubiläum mit großen Reden und Paraden gefeiert wird, ist ihr Schicksal längst besiegelt. Doch an diesem Tag fällt die überzeugte Sozialistin Christiane Kerner (Katrin Sass) nach einem Herzinfarkt ins Koma. Sie verschläft den Mauerfall und den Einzug des Kapitalismus in den sozialistischen Staat, der nicht mehr existiert. Als sie wider Erwarten aus dem Koma erwacht und jedwede Aufregung das Risiko eines weiteren Infarkts birgt, errichten ihr Sohn Alex (Daniel Brühl) und ihre Tochter Ariane (Maria Simon) 79 Quadratmeter DDR in der eigenen Plattenbauwohnung.

    Regisseur Wolfgang Beckers zweiter Kinofilm nach "Das Leben ist eine Baustelle" ließ recht lange auf sich warten. Fünf Jahre nach dem Überraschungserfolg mit Jürgen Vogel und Christiane Paul in den Hauptrollen gibt es nun "Good bye Lenin!", der Vorschusslorbeeren in Form des deutschen Drehbuchpreises erhielt und mit seiner originellen Story bereits bei den Medien großes Interesse geweckt hat. Der Trailer täuscht jedoch ein wenig über die Tatsache hinweg, dass "Good bye Lenin!" in erster Linie keine Komödie ist. Zwar sorgen die Bemühungen von Frau Kerners Kindern und deren Freunden schon für einige vergnügliche Verwirrungen, doch das Hauptaugenmerk legt das Drehbuch auf die Veränderungen, die den Alltag eines Ost-Berliner Jugendlichen innerhalb weniger Monate vollkommen auf den Kopf stellen.

    Daneben trägt der Film eine Menge Archivmaterial aus der Zeit der Wiedervereinigung zusammen und lässt den Zuschauer die Wichtigkeit, aber vor allem auch die Emotionalität dieses Ereignisses spüren. Die Verhältnisse in der DDR werden dabei weder glorifiziert noch verteufelt, Propanganda in irgendeiner politischen Richtung liegt Regisseur Becker fern. Überhaupt wird beinahe jeder politische Aspekt dieses größten politischen Ereignisses unserer Zeit ausgeblendet. Beobachtet wird nur der Mikrokosmos der Hausgemeinschaft in Ost-Berlin, deren Mitglieder die Veränderungen ganz unterschiedlich aufnehmen. Während alte Parteifunktionäre der guten alten Zeit nachtrauern oder dem Alkohol verfallen, passen sich die Jugendlichen dem Wandel unheimlich schnell an. Aus dem Sozialwissenschafts-Studium der Tochter wird ruckzuck ein Job bei Burger King, der Sohn sattelt vom Fernseher reparieren aufs Sat-Anlagen installieren um. Alexander beginnt zudem, sich die Schein-DDR in seiner Mutter Zimmer so zu formen, wie er sie gerne gehabt hätte. Mit offenen Grenzen statt Mauern und Stacheldraht, ohne das totale Boykott von Westprodukten, sondern mit Handelsabkommen. Für ihn bestand das größte Manko des Sozialismus in der Abgrenzung.

    Umgesetzt wird die Geschichte auf originelle Weise, mit vielen Zeitrafferaufnahmen und einer äußerst dichten Erzählung. Hier zeigt sich, dass das Drehbuch den Preis nicht umsonst bekommen hat, denn die zwei Stunden Film entwickeln keinen Leerlauf, sondern haben immer etwas Neues zu berichten. Für die Filmmusik konnte Yann Tiersen ("Die fabelhafte Welt der Amélie") gewonnen werden, der jedoch nicht viel mehr als die bekannt minimalistischen Klavierläufe drauf zu haben scheint und dessen Engagement dafür sorgt, dass man sich während des Films ständig fragt, wo man diese Musikuntermalung schon einmal gehört hat. Die Darsteller überzeugen unterdessen allesamt, vor allem Katrin Sass als engagierte Genossin, die einen Herzinfarkt erleidet, als sie ihren Sohn bei einer Demonstration gegen das Regime sieht. Wolfgang Becker ist nach fünf Jahren kreativer Pause ein wirklich herrlicher Film gelungen, dessen Drehbuch eine originelle Storyline zu einer niemals langatmigen Geschichte verdichten kann. Die komödiantischen Abschnitte treten dabei trotz ihrer Gelungenheit gegenüber den ernsten Aspekten in den Hintergrund, während der Film vor allem die Wiedervereinigung noch einmal auf überwältigend emotionale Weise ins Gedächtnis ruft.
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