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    X-Men: Der letzte Widerstand
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    X-Men: Der letzte Widerstand
    Von Jürgen Armbruster

    Die Hürden, die „X-Men: Der letzte Widerstand“ bis zu seiner Fertigstellung überwinden musste, hätten gar Langstreckengott Haile Gebreselasi mächtig außer Atem gebracht. Da wäre zunächst die unsägliche Regie-Geschichte. Erst zog sich Bryan Singer, der Erfolgs-Regisseur der ersten beiden Teile, aus dem Projekt zurück, weil er es vorzog, für Warner Bros. „Superman Returns“ zu inszenieren. Als Reaktion wurde kurzerhand der hochgehandelte „Layer Cake“-Regisseur Matthew Vaughn verpflichtet – doch nur neun Wochen vor dem anvisierten Drehbeginn schmiss auch er (wegen künstlerischen Differenzen) das Handtuch. Also saß auf einmal Hollywood-Handwerker Brett Ratner („Rush Hour“) auf dem Regiestuhl – und das auch noch praktisch ohne Vorbereitungszeit.

    Auch die Schauspieler-Riege verursachte einige Sorgenfalten. Halle Berry lag mit Bryan Singer im Clinch und wollte eigentlich nie wieder in die Rolle der Storm schlüpfen. Nachdem der ungeliebte Regisseur jedoch abgesprungen war und sich Berrys eigenes Comic-Franchise „Catwoman“ als Desaster entpuppte, ließ sich die Oscarpreisträgerin doch noch von einer Rückkehr überzeugen. Hugh Jackman wurde zudem zwischenzeitlich mit einem „Wolverine“-Spin-off der Mund wässrig gemacht. Bei der Besetzung der neuen Charaktere gab es einen ähnlichen Affentanz. Josh Holloway („Lost“) war eigentlich als Gambit fest eingeplant. Als dieser dann absagte, wurde kurzerhand der gesamte Charakter komplett aus dem Drehbuch gestrichen. Mike Vogel („Wo die Liebe hinfällt“) hatte ebenfalls bereits die Zusage, sich als Angel durch die Lüfte schwingen zu dürfen. Doch da der eigentliche Drehplan nicht eingehalten werden konnte, kam es zu Überschneidungen mit den Dreharbeiten zu Wolfgang Petersens „Poseidon“. Ohnehin war „X-Men: Der letzte Widerstand“ ein logistischer Alptraum. Viele der Stars standen nur für einen äußerst überschaubaren Zeitraum für die Dreharbeiten zur Verfügung. Ian McKellen hatte beispielsweise nebenbei mit „The Da Vinci Code – Sakrileg“ noch eine weitere nicht ganz kleine Produktion hinter sich zu bringen.

    Die Vorzeichen waren also alles andere als vielversprechend und manchem treuen Fan der X-Männer schwante bereits Böses. Aber es kann zumindest zum Teil Entwarnung gegeben werden. „X-Men: Der letzte Widerstand“ kann zwar qualitativ nicht mit seinen Vorgängern mithalten, was wohl ohnehin nur unerschütterliche Optimisten erwartet haben, ist aber für sich genommen zumindest noch ein recht unterhaltsames Comic-Spektakel. Dabei ist der Film allerdings wesentlich mehr Actioner und wesentlich weniger Fabel über Toleranz, Akzeptanz und Humanität, als es noch die Filme von Bryan Singer waren. Aber das war ebenfalls zu erwarten. Singer ist seit jeher ein brillanter Geschichtenerzähler und lieferte mit „Die üblichen Verdächtigen“ gar einen der intelligentesten Filme der 90er Jahre ab. Brett Ratner hingegen ist allenfalls ein solider Handwerker. Ein Popcorn-Regisseur, der sich seiner eigenen Grenzen offensichtlich bewusst ist. Daher steht beim dritten Teil des „X-Men“-Franchise auch krachende Unterhaltung auf dem Speiseplan – und eben keine intelligente Geschichte mit vielschichtigen Charakteren.

    Dabei ist gerade der Einstieg schön gelungen. In zwei kurzen Rückblenden erfährt der Zuschauer mehr über die Mutanten Angel (jung: Cayden Boyd; alt: Ben Foster) und Jean Grey (jung: Haley Ramm; alt: Famke Janssen), wobei insbesondere die Jean-Grey-Episode wichtig für das spätere Geschehen ist, denn selbst die damals noch befreundeten Charles Xavier (Patrick Stewart) und Eric „Magneto“ Lensherr (Ian McKellen) sehen gegen die Kräfte des kleinen Mädchens am anderen Ende des Tisches aus wie Schuljungen. Erst dann knüpft die Geschichte an die Geschehnisse von „X-Men 2“ und den (vermeintlichen?) Tod von Jean Grey an. Allzu kompliziert wird es im Folgenden allerdings nicht. Im Mittelpunkt steht dabei ein von der Regierung entwickeltes Serum gegen die „Krankheit“ Mutation. Dass diese Erfindung nicht nur das Lager der Mutanten in zwei Hälften spaltet, versteht sich von selbst. Insbesondere Charles Xavier und Dr. Hank „Beast“ McCoy (Kelsey Grammer), der Berater des Präsidenten in Mutanten-Fragen, sind bemüht, die Wogen zu glätten…

    Auch wenn es dem Drehbuch von Simon Kinberg („Mr. And Mrs. Smith“) und Zak Penn („Suspect Zero“) größtenteils an Tiefe fehlt, ist dieses zunächst überraschend düster und konsequent. Wenn nach nicht einmal der Hälfte des Films Abschied von zwei der bisherigen Hauptcharaktere genommen werden muss, ist der deutsche Untertitel „Der letzte Widerstand“ durchaus wörtlich zu verstehen. Darüber hinaus hapert es allerdings gehörig mit der Konsequenz. Dass das Militär aus dem Anti-Mutations-Serum eine Offensiv-Waffe herstellt, ist eine Idee, die eigentlich gehörig Zündstoff mit sich bringen müsste. Nur wird dieser Strang eben absolut nicht konsequent zu Ende gebracht.

    Die Dreiecksbeziehung zwischen Rouge (Anna Paquin), Iceman (Shawn Ashmore) und Kitty (Ellen Page), das Screwball-Potenzial aus dem Aufeinandertreffen von Wolverine und Beast, die Entfremdung zwischen Angel und seinem Vater… vieles ist zwar in Ansätzen vorhanden, aber der letzte Schritt wird dann eben doch nicht gemacht. Und gerade in dieser Hinsicht schadet es dem Film mehr, als dass es ihm nutzt, wenn sich die Macher allzu viele Hintertürchen für einen möglichen vierten Teil offen lassen (und nebenbei mit den letzten Einstellungen das zuvor Gesehene komplett auf den Kopf stellen). In diesem Zusammenhang: Unbedingt bis nach dem Abspann im Kino sitzen bleiben, es kommt noch eine Szene!

    Bei den neuen Mutanten gibt es einiges an Licht und ebenso viel Schatten. Ellen Page („Juno“) ist als Kitty „Shadowcat“ Pryde gerade für das Team der Nachwuchs-X-Männer eine echte Bereicherung. Darüber hinaus ist ihre Fähigkeit, durch Wände gehen zu können, für den einen oder anderen Gag gut. Die Wahl von „Frasier“-Darsteller Kelsey Grammer für die Rolle des Beast erschien zunächst befremdlich, doch im Nachhinein geht die Rechnung tatsächlich auf. Die eher ruhigen und nachdenklichen Töne seines Charakters stehen Grammer selbst hinter der blauen Maske und dem dicken Fell gut zu Gesicht. Erst am Ende muss auch er so richtig auf den Putz hauen – und für so etwas gibt es heutzutage schließlich Spezialeffekte. Der überwiegende Rest der neuen Mutanten ist allerdings kaum mehr als gehobenes Kanonenfutter: Ex-Profifußballer Vinnie Jones („Snatch“) hat als Juggernaut tatsächlich zweieinhalb Dialogzeilen, der junge Cameron Bright („Godsend“) darf ob der Tragik seines Charakters Leech betroffen in die Kamera blicken und Ben Foster („Hostage“) ist als Angel im Grunde ein für die Geschichte höchst überflüssiger Charakter, der lediglich für die eine oder andere nette Kameraeinstellung gut ist.

    Geradlinig und im Sauseschritt (die Spielzeit beträgt diesmal nur 107 Minuten) nimmt der Film Kurs auf den großen Endkampf zwischen den letzten verbliebenen X-Men und Magnetos Brotherhood. Dass dieser ausgerechnet auf Alcatraz stattfinden muss, ist natürlich ein derbes Klischee, aber was Ratner hier auf sein Publikum loslässt, ist ein Effektfeuerwerk der ersten Klasse. Sage und schreibe 150 Millionen Dollar durfte der Sunnyboy aus Florida hier in die Luft jagen. Entsprechend bombastisch sind die Schauwerte.

    Fazit: „X-Men: Der letzte Widerstand“ schlägt sicherlich einen anderen Weg ein als seine beiden Vorgänger. Und mit Christopher Nolans komplexem Charakterstück „Batman Begins“ hat der Film nun absolut gar nichts an Hut. „X-Men: Der letzte Widerstand“ ist ein lupenreiner Mainstream-Unterhaltungsfilm. Effektlastiges Popcorn-Kino, das der Substanz der Vorlage zwar kaum gerecht wird, aber zumindest anständige Schauwerte bietet. Brett Rattner hat einen besseren Job gemacht, als man in der schwierigen Situation von ihm erwartet hätte – aber so viel heißt das dann leider auch wieder nicht.

    In einer früheren Version dieser Kritik hatte „X-Men: Der letzte Widerstand" noch 3 von 5 Sternen. Die ausführliche Begründung für die Änderung der Sternewertung könnt ihr in diesem Artikel nachlesen.

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