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Charlie und die Schokoladenfabrik
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Charlie und die Schokoladenfabrik
Von Alina Bacher
Schokolade macht dick und glücklich - das weiß jedes Kind. Dass „Charlie und die Schokoladenfabrik“ ein paar Pfunde mehr auf die Hüften zaubert, ist eher unwahrscheinlich, aber eines hat der Film mit dem braunen Gold gemeinsam: Er steigert das Wohlbefinden und wärmt das Herz. Tim Burtons schrill-buntes Süßwaren-Märchen ist nicht nur etwas für kleine Naschkatzen. Hier darf die Fantasie noch Purzelbäume schlagen und sich anschließend in Schokoglasur wälzen. Mit schier unbegrenzter Kreativität schuf das Team um Paradiesvogel Burton ein fantastisches Schlaraffenland, das wir zusammen mit dem kleinen Charlie und dem überdrehten Willy Wonka erkunden dürfen. Das Rezept für Tim Burtons lecker-süßes Fantasy-Abenteuer: ein wenig Exzentrik, zwei Teelöffel schillernde Kreativität und ein großer Schuss Fantasie. Das Ganze ordentlich verrührt und mit viel Schokolade überzogen. Schon ist das märchenhafte Leinwandabenteuer für Groß und Klein fertig. Da bleibt nur noch eines zu sagen: ab ins Kino und genießen!

Die gesamte Welt ist in heller Aufruhr: Der legendäre Schokoladenfabrikant Willy Wonka (Johnny Depp) hat ein Gewinnspiel gestartet. In fünf seiner beliebten Schokoriegel gibt es jeweils ein goldenes Ticket zu finden und die glücklichen Gewinner dürfen einen ganzen Tag mit Wonka die geheimnisvolle Fabrik erkunden. Da gibt es kein Halten mehr und rund um den Globus beginnt die Jagd auf die goldenen Eintrittskarten zu Wonkas wundersamer Welt. Auch der kleine Charlie Bucket (Freddie Highmore) wünscht sich nichts sehnlicher, als einmal einen Fuß in die seltsame Schokofabrik zu setzen, doch seine Familie ist bettelarm und Wonkas Schokoriegel nun mal ziemlich teuer. Aber wie das Glück so will, findet ausgerechnet Charlie das letzte der fünf goldenen Tickets und darf zusammen mit seinem Großvater Joe (David Kelly) in Wonkas Welt eintauchen und das Geheimnis der Schokoladenfabrik lüften, denn Wonka hat vor vielen Jahren alle Arbeiter entlassen und keiner weiß, wie die Schokolade ohne Menschenhand hergestellt wird. Mit auf Entdeckungstour kommen auch die vier anderen Gewinner: Veruschka Salz (Julia Winter), die verzogene Göre eines Firmenbosses; Augustus Glupsch (Philip Wiegratz), der nimmersatte Junge aus Deutschland; Violetta Beauregarde (Annasophia Robb), die eingebildete Kaugummi-Kau-Weltmeisterin und der neunmalkluge Micky Schießer (Jordan Fry). Auf ihrer Reise durch Wonkas Süßwaren-Zauberwelt erleben sie allerlei fantastische Abenteuer, doch das größte steht ihnen noch bevor: Eines der fünf Kinder wird von Wonka persönlich einen äußerst wertvollen Preis erhalten, der ihr Leben verändern wird ...

Tim Burton gilt schon lange als Hollywoods Paradiesvogel. Mit „Charlie und die Schokoladenfabrik“ beweist der Kreativkopf wieder einmal, dass seine Fantasie schier unermesslich zu sein scheint. Knallig, bunt, schrill und skurril gibt sich Wonkas Wunderwelt. Besonders Produktions-Designer Alex McDowell („Fear And Loathing In Las Vegas“, „Minority Report“) schöpft aus dem Vollen und kreierte sein eigenes Schlaraffenland: Schokoladenwasserfälle, gläserne Aufzüge, futuristische Fernsehräume und pinke Seepferdchen-Galeren; mit viel Liebe wurde die Fantasie bis ins kleinste Detail verteilt.

Musikalisch hat „Charlie und die Schokoladenfabrik“ einiges zu bieten. Der Soundtrack stammt aus der Feder des Musikgenies Danny Elfman, der nicht zuletzt durch seine „Simpson“-Melodien Kultstatus erreicht hat. Die Oscarnominierung ist ihm für „Charlie und die Schokoladenfabrik“ schon so gut wie sicher. Sein größter Geniestreich im Film sind die unübertrefflichen Songs der Umpa Lumpas. Diese kleinen Schichtarbeiter trällern böse Texte zu perfekt choreographierten Tanzeinlagen, die quer durch die verschiedensten Musikrichtungen führen. Da gäbe es zum Beispiel die rockigen Umpa Lumpas, die den Kultrockern Kiss zum Verwechseln ähnlich sehen, die beatigen Umpa Lumpas mit Pilzkopffrisuren und nicht zuletzt das Umpa Lumpa Wasserballett. Ganz klar, die Umpa Lumpas sind die heimlichen Stars des Films.

Oder besser gesagt, der heimliche Star, denn die singenden Zwerge werden alle von einem einzigen Schauspieler gespielt. Deep Roy hatte somit wohl die schwierigste Rolle des ganzen Films, denn er musste nicht nur virtuell auf 75 Zentimeter verkleinert werden, sondern monatelang an den Choreographien feilen, um jedem Umpa Lumpa seine ganz eigene Mimik und Gestik zu geben. Ein weiteres Highlight ist Christopher Lee, einer der wohl legendärsten Leinwand-Bösewichte („Herr der Ringe“-Trilogie, „Dracula“). Er spielt den Inbegriff des Bösen - einen Zahnarzt. Und nicht nur irgendeinen, denn der fiese Zahnschmelz-Kratzer ist auch noch Willy Wonkas Vater. Bei der Erziehung seines Sohnes muss allerdings einiges schief gelaufen sein, denn Wonka ist der wohl merkwürdigste Charakter des ganzen Films. Johnny Depp spielt ohne Zweifel grandios, doch leider geht seine Wonka-Interpretation nach hinten los. Der Schokoladenfabrikant macht nicht nur Kindern Angst, sondern lässt auch Erwachsenen das Frösteln über den Rücken laufen. Ähnlich skurril wie Michael Jackson und Schockrocker Marilyn Manson balanciert Depp mit seiner Rolle zwischen Paradiesvogel und Eremit. Anstatt Mitleid beim Zuschauer zu erwecken, würden Eltern den Spinner lieber hinter Gittern sehen, schließlich erfreut er sich beinahe am Leid der Kleinsten. Depp bleibt dem bizarren Burton-Stil damit zwar treu, doch für einen Kinderfilm hätte die Rolle wohl besser anders angelegt werden sollen. Der kleine Charlie wurde, wie die anderen vier Kinderdarsteller auch, sehr gut besetzt. Freddie Highmore, der bereits in „Wenn Träume fliegen lernen“ an Depps Seite zu sehen war, überzeugt durch seine Natürlichkeit. Auch der Rest der Kinderbande ist gut getroffen, besonders der deutsche Metzger-Sohn Augustus Glupsch hat mit Philip Wiegratz eine Traumbesetzung bekommen. Auch wenn Wiegratz, seiner Gesundheit sei Dank, beim Dreh einen extra Fettanzug bekam, um sich die Pfunde nicht anfuttern zu müssen, gibt er eine herrliche Karikatur auf einen faulen, fetten Bengel, der von seiner Mutter nur immer weiter gemästet wird.

Burton bleibt dem literarischen Original weitgehend treu und der 1990 verstorbene Autor des Kinderbuchs „Charlie And The Chocolate Factory“ Roald Dahl hätte sicherlich seinen Spaß an der Verfilmung gehabt. Das Buch genießt im englischsprachigen Raum Kultstatus, ist in Deutschland allerdings weitgehend unbekannt, weshalb der Film für die meisten deutschen Zuschauer eine vollkommen neue Geschichte erzählt. Ähnlich dem deutschen Kinderbuchklassiker „Struwwelpeter“ werden die Kinder entsprechend ihrer missratenen Charakterzüge bestraft und zum Besseren erzogen. Teilweise geht es da in typischer Burton-Manier ziemlich ekelhaft zu, allerdings bleibt der erzieherische Ansatz erhalten. Wenn der gewalttätige und Computer-süchtige Micky von einem Fernsehgerät geschrumpft wird, ist klar, worauf der Film anspielen will. 1971 gab es bereits eine Verfilmung des Stoffes.

Auch für Erwachsene hat der Kinderfilm einiges zu bieten. Burton teilt ein paar gelungene Schläge gegen Hollywood-Klassiker wie Stanley Kubricks „2001 - Odyssee im Weltraum“ aus. Der Humor ist kindgerecht und auch die farbige Wunderwelt macht Spaß. Es gibt viel zu sehen und zu lachen im Süßwaren-Paradies. Alles in allem ist „Charlie und die Schokoladenfabrik“ ein echter Burton-Film: etwas überdreht, fantastisch und bizarr. Kinderaugen werden strahlen und manch Erziehungsberechtiger soll sich nicht wundern, wenn der Nachwuchs als nächstes Reiseziel die Wonka-Fabrik vorschlägt.
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