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Sideways
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
5,0
Meisterwerk
Sideways
Von Carsten Baumgardt
Jahre lang galt Paul Giamatti als kleiner Nebendarsteller aus der zweiten, wenn nicht gar dritten Reihe. Mit dem US-Indie-Hit „American Splendor“ bewies er, welch exzellenter Schauspieler er ist. Das bemerkte auch Regisseur Alexander Payne und nutzte diese Erkenntnis für sein kleines, bittersüßes Road-Movie-Meisterwerk „Sideways“ und gibt dem New Yorker in dieser grandios gespielten Tragikomödie die Chance zu glänzen. Skandalöserweise wurde Giamatti zwar für einen Golden Globe nominiert, aber bei den Oscars übergangen - eine beschämende Wahl der Academy.

Die besseren Zeiten von Schauspieler Jack (Thomas Haden Church) sind vorbei. Rollen in TV-Soaps bekommt er schon lange nicht mehr, nun muss er sich mit dümmlichen Werbespots durchschlagen. Eine Woche vor seiner Hochzeit mit Victoria (Jessica Hecht) holt ihn sein bester Freund Miles (Paul Giamatti) ab, um gemeinsam die letzte Woche in Freiheit vor der Ehe zu verbringen. Der Lehrer und verhinderte Autor Miles möchte seinem alten Collegekumpel die Liebe zum Wein näher bringen und auf Sightseeingtour durch das kalifornische Weinland gehen. Jacks Ziele sind einfacher. Er will noch einmal richtig die Sau rauslassen. In einem kleinen Kaff, in dem sie Station machen, organisiert Jack ein Doppeldate mit den Kellnerinnen Stephanie (Sandra Oh) und Maya (Virginia Madsen). Während der geile Fast-Ehemann sein williges „Opfer“ Stephanie gleich ins Bett kriegt, ist Miles zunächst viel zu verklemmt und blockiert, um auch nur daran zu denken. Er kennt Maya noch von früher und redet lieber über Wein. Die alleinerziehende Mutter Stephanie hat sich sofort in Jack verliebt, was ihn vor eine schwere Entscheidung stellt und eine Kettenreaktion von Schwierigkeiten und Komplikationen auslöst.

Regisseur Alexander Payne („Election“) hat sich auf dem Indie-Markt bestens positioniert. Obwohl sein „About Schmidt“ durch die prominente Besetzung mit Jack Nicholson und Kathy Bates in den USA zum Box-Office-Hit (Einspiel: 65 Millionen Dollar) avancierte, war die Tragikomödie im Kern dennoch ein Independentfilm. Dem Stil von „About Schmidt“ bleibt Payne in „Sideways“ treu. Ein Großteil ist als Road Movie angelegt, die Geschichte steckt voller Überraschungen und die Schauspieler glänzen durch herausragende Leistungen. Dies gilt vor allem für den lange unterschätzten Paul Giamatti („Paycheck“, „Planet der Affen“, „Verhandlungssache“), dessen Figur Miles eine der interessantesten Charaktere ist, die das Kino in der letzten Zeit hervorgebracht hat.

Der Lehrer und erfolglose Schriftsteller ist ein Pedant und chronisch neurotisch („I’m a fingerprint on the window of a skyscraper“), eine tickende emotionale Zeitbombe, die jederzeit zu explodieren droht. Nach der Trennung von seiner Frau steht er auch zwei Jahre danach noch unter dem ständigen Einfluss von Medikamenten, die seine Psyche ins Gleichgewicht bringen. Die meiste Zeit klappt das auch ganz gut und Miles genießt das Leben. Der passionierte Weinkenner blüht förmlich auf, wenn er den Rebensaft trinken, ihn beurteilen oder einfach nur darüber reden kann. Das Problem: Miles’ Konsum hat die normalen Maße bereits überstiegen und er ist auf dem besten Weg zum Alkoholiker. Und trinkt er zuviel, dann läuft er Amok. Für Paul Giamatti ist dieser Miles Raymond ein Geschenk. In einer sensationellen Performance dreht er groß auf und porträtiert seinen fragilen Charakter mit brutaler Offenheit und glänzt als tragischer Held der kleinen Leute.

Miles’ bester Freund Jack ist sein exaktes Gegenteil. Der mäßig begabte Schauspieler, der sich mit sinnentleerter Werbung über Wasser hält, will in der letzten Woche vor seiner Hochzeit noch einmal alles flach legen, was ihm in die Quere kommt. Das bringt ihn jedoch nicht nur einmal in Teufels Küche. Der für einen Oscar und Golden Globe nominierte Thomas Haden Church („Crime Is King“, „One Night Stand“, „George – Der aus dem Dschungel kam“) ergänzt Paul Giamatti perfekt. Die beiden bilden ein höchst skurriles Gespann, das durch Sandra Oh („Unter der Sonne der Toskana“, „Plötzlich Prinzessin“), die Ehefrau von Regisseur Alexander Payne, und Virginia Madsen („Highlander 2“, „Das Geisterschloss“, „The Rainmaker“), ebenfalls oscarnominiert, vervollständigt wird. Churchs Schauspieler Jack ist ein Prolet mit Herz. Er weiß, dass er keine Kultur hat, gibt sich aber Mühe, wenigstens ein bisschen dazuzulernen. Seine Jagd nach dem weiblichen Geschlecht wird ihm allerdings immer wieder zum Verhängnis.

„Sideways“ begeistert neben den exzellenten schauspielerischen Leistungen durch das brillante, preisgekrönte Drehbuch von Alexander Payne und Jim Taylor (nach dem Roman von Rex Pickett), das eine große Emotionalität erzeugt. Mal ist der Film zum brüllen komisch, dann wieder herzzerreißend bitter – und bestenfalls beides zusammen. Als Miles wieder in einer Krise steckt, will er sich bei einer Weinprobe besaufen, doch der Kellner spielt nicht mit, schenkt ihm nichts mehr aus. Es kommt zum Handgemenge, dann schnappt sich Miles den riesigen Ausspuckbottich und gießt ihn sich über den Körper, um an seine Dosis Wein zu kommen. Diese Szene steht stellvertretend für die Klasse von „Sideways“. Die Sequenz ist irrsinnig witzig, aber gleichzeitig menschlich unheimlich bitter und traurig.

Weinkenner Alexander Payne orientiert sich bei seiner Reise durch das Weinland Kaliforniens nicht an feststehenden moralischen Werten, die beispielsweise die Wähler des amtierenden amerikanischen Präsidenten-Clowns George W. Bush so schätzen. Miles beklaut seine alte Mutter, als er ihr zum Geburtstag einen Besuch abstattet. Die Leichtigkeit, mit der Payne hier agiert, gefällt. Er verurteilt die Charaktere für ihre offensichtlichen Fehler nicht, sondern verfolgt einfach ihren Weg. Auch der hochgradig untreue Thomas Haden Church schafft es, seinen Jack sympathisch aussehen zu lassen. Der Zuschauer ist bereit, den Figuren ihre Unzulänglichkeiten zu verzeihen, weil es so ein Vergnügen ist, ihren Abenteuern zu folgen. Die Charaktere bleiben trotz ihrer Schwächen immer aufrecht.

Mit „Sideways“ gelang Regisseur und Autor Payne ein Filmjuwel, das nicht nur im Independentbereich für Furore sorgen und Paynes Ruf als Chronist von Freud und Leid des kleinen Mannes untermauern wird. Die Mischung aus Witz, Intelligenz und Tragik ist perfekt getroffen, die Geschichte berührt auf mehreren Ebenen und „Sideways“ ist ganz nebenbei das skurrilste Buddy Movie der letzten Zeit. Sieben Nominierungen für den Golden Globe (Auszeichnungen für „Beste Komödie“ und „Bestes Drehbuch“) und fünf für den Oscar sind der verdiente Lohn (Auszeichnung für „Bestes Drehbuch“).
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