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Imaginary Heroes
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Imaginary Heroes
Von Alina Bacher
Wer mit 26 Jahren in seiner Filmographie bereits Titel wie X-Men 2 oder Superman Returns stehen hat, der weiß, dass er es in Hollywood nach ganz oben geschafft hat. Dan Harris, Regisseur und Drehbuchautor, schwimmt im Moment auf einer Welle des Erfolges. Nach seiner Zusammenarbeit mit Bryan Singer für den zweiten Teil der Comicverfilmung X-Men traut sich der Jungregisseur nun erstmals an seine eigene große Hollywood-Produktion. Mit „Imaginary Heroes“ erzählt Harris, ganz im Stil von American Beauty, die Geschichte einer nach außen hin perfekten amerikanischen Familie, die viele düstere Geheimnisse verbirgt. Klingt nach altbekanntem Stoff, doch dank gelungener Dialoge und einer grandios-guten Sigourney Weaver als Mutter einer zerrütteten Familie schafft es der Film trotz vorhersehbarer Story und wenig Tiefgang zu unterhalten.

Als schwarzes Schaf der Familie Travis hat es der junge Tim (Emile Hirsch) nicht einfach. Sein Vater Ben (Jeff Daniels) hat ihn schon längst als Versager abgestempelt, denn Tim hat mit seinem großen Bruder Matt (Kip Pardue), Lieblingskind der Familie und örtliche Schwimmlegende, gar nichts gemeinsam. Während Matt eine Sportmedaille nach der nächsten erkämpft, schlägt Tim sich mit den Tücken des Erwachsenwerdens herum. Doch das nach außen perfekte Leben der Familie wird in Grund und Boden erschüttert, als Matt sich eines Tages wie aus heiterem Himmel das Leben nimmt. Nur Tim kennt das dunkle Geheimnis seines Bruders, das ihn letztendlich auch in den Suizid getrieben hat. Der Selbstmord des Sohnes macht vor allem Vater Ben schwer zu schaffen. Er kapselt sich zunehmend von der Außenwelt ab, geht nicht mehr zur Arbeit und macht Tim bei jeder Gelegenheit klar, dass er Matt nie das Wasser reichen kann. Auch Tims Mutter Sandy (Sigourney Weaver) versucht auf ihre ganz eigene Art und Weise, die Trauer zu verarbeiten und beginnt zu Drogen zu greifen. In all dem Chaos versucht Tim, sein ganz normales Teenagerleben weiterzuführen, doch sein Hass auf seinen Vater wird von Tag zu Tag größer. Seine Mutter ist die einzige, der Tim noch vertraut und mit der er über alles reden kann. Doch auch Sandys Vergangenheit birgt ein dunkles Geheimnis, das die Familie gänzlich zu zerbrechen droht.

„Ich habe mich schon immer dafür interessiert, was unter der äußeren Schale einer Person steckt. Selbst als Kind konnte ich erkennen, dass Menschen manchmal düstere und dunklere Geheimnisse verbargen, als sie jemals zugeben würden“, so Regisseur Dan Harris über seine Motivation für „Imaginary Heroes“. Bereits mit 22 Jahren schrieb er das Drehbuch und schickte es an Regisseur Bryan Singer, der Harris kurz darauf für seinen Film „X-Men 2“ als Schreiber anheuerte. Zwei Jahre später machte sich Harris dann selbst daran, sein Drehbuch zu verfilmen. Auch wenn die Thematik des Films zur genüge bekannt ist, schafft es Harris dank fantastischer Dialoge teilweise zu überzeugen. Doch leider braucht ein Film weit mehr als das, um den Zuschauer zu begeistern. Der wohl größte Kritikpunkt ist die offensichtliche Harmoniebedürftigkeit des Autor. Fast jeder Konflikt wird lieber ausgesöhnt und Streitereien unter den Teppich gekehrt. Ganz im Gegenteil zu Sam Mendes’ Oscar prämiertem, meisterhaften Drama American Beauty, das sich über Tabus hinwegsetzt und keine Konflikte scheut, liegen sich bei Harris die Charaktere nach einer Aussöhnung wieder in den Armen. Auch die Auflösung aller Geheimnisse kommt leider eher plump daher. Anstatt behutsam den Vorhang zu lüften, wirft Harris mit Enthüllungen nur so um sich. Die Dialoge, die Dan Harris seinen Figuren in den Mund legt, sind - neben Sigourney Weaver - der eigentliche Star des Films. Nie zu sentimental und immer mit einer Prise schwarzem Humor erzählen sie auf tragisch-komische Weise die Geschichte einer zerrütteten Familie. Für seine erste große Hollywood-Produktion konnte der Jungregisseur einen grandiosen Cast engagieren, allen voran Sigourney Weaver, die in ihrer Rolle als Mutter der Familie ihr ganzes Können unter Beweis stellen kann.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht die Beziehung zwischen Tim (Emile Hirsch) und seiner Mutter Sandy (Sigourney Weaver), die für ihren Sohn sogar anderen mit Prügel droht. Diese Beziehung steht und fällt mit den Schauspielleistungen von Emile Hirsch und Sigourney Weaver, die beide zu Höchstform auflaufen. Sigourney Weaver, die bereits drei Mal für den begehrten Oscar nominiert war, kann sich in „Imaginary Heroes“ sowohl von ihrer tragischen, als auch von ihrer komischen Seite zeigen. Diese Gradwanderung meistert sie mit Bravour. Auch Emile Hirsch (Dogtown Boys, The Girl Next Door) legt mit seinen jungen 20 Jahren eine gute Leistung aufs Parkett. Jeff Daniels, der seinen Durchbruch in Woody Allens „Purple Rose Of Cairo“ schaffte, spielt die Rolle des ehrgeizigen Familienoberhaupts überzeugend, scheitert allerdings an der eher flachen Charakterzeichnung der Rolle selbst. Der Charakter hätte viel mehr hergegeben, als Drehbuchautor und Regisseur Dan Harris ihm zuschreibt. Schade, denn so werden viele gute Ansätze im Keim erstickt. Auch Michelle Williams, die hierzulande besonders durch ihre Rolle in der TV-Serie „Dawson’s Creek“ bekannt ist, beweist einmal mehr, dass sie das Zeug zu einer großen Schauspielerin hat. Leider ist auch ihre Rolle als Tochter der Familie Travis eher klein ausgelegt. Wer allerdings mehr von Michele Williams sehen will, der darf sich bereits jetzt auf Ang Lees preisgekrönten Film Brokeback Mountain freuen, in dem sie neben Heath Ledger und Jake Gyllenhaal spielt.

Wer auf ein tiefgründiges Drama gehofft hat, wird leider enttäuscht, denn Dan Harris versucht zwar mit aller Kraft tragische Konflikte zu scheren, entscheidet sich aber dann meistens doch für harmonische Aussöhnung. Die grandiose Besetzung, allen voran eine Sigourney Weaver auf Oscar-Niveau, entschuldigt aber vieles, und macht den Film zu einer recht guten Tragikomödie mit leider wenig Tiefgang.
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