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Oldboy
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
5,0
Meisterwerk
Oldboy
Von Carsten Baumgardt
Das asiatische Kino bringt in schöner Regelmäßigkeit überragende, teils bahnbrechende Werke, die im Optimalfall auch den europäischen Markt erreichen, heraus. Der kühnste Film aus dieser Abteilung kommt in diesem Jahr von dem südkoreanischen Regisseur Chan-Wook Park. Sein grandios-verzwicktes Action-Drama „Oldboy“ besticht durch starke Kampfszenen, exzellente Schauspielleistungen, eine famose Optik und eine Erzählstruktur, dessen Clou es mit Filmen wie „Mememto“ oder „The Game“ aufnehmen kann. Nur ist dieses Story-Puzzle nicht in einem Thriller, sondern in einem knallharten, surreal angehauchten Action-Plot verwoben.

15 Jahre sind eine endlose Zeit. Ganz besonders für Dae-Su Oh (Min-Sik Choi). Eben diese Zeitspanne verbrachte der einfache Geschäftsmann eingesperrt in einem kleinen Appartement, in dem er nur über einen Fernseher Kontakt zur Außenwelt hatte. Warum er eingekerkert wurde, weiß er nicht - was ihn in den Wahnsinn treibt. Aus den Nachrichten erfährt er, dass seine Frau umgebracht wurde und die Polizei ihm den Mord anhängt hat. In diesen 15 Jahren der unerträglichen Tortur schwört Dae-Su Oh Rache. Rache an denen, die ihm dies angetan haben. Gelegentlich strömt betäubendes Nervengas in seine Zelle und er wird bewusstlos. Eines Tages ist die Pein scheinbar beendet. Nachdem er betäubt wurde, wacht Dae-Su Oh auf dem Dach eines Hochhauses wieder auf. In Freiheit. Ein mysteriöser Bettler (Dae-Yun Lee) drückt ihm ein Portemonnaie voller Geld und ein Mobiltelefon in die Hand. Nach einer Begegnung mit der Restaurant-Bedienung Mido (Hye-Jung Gang) verliert er plötzlich wieder das Bewusstsein und wacht in der Wohnung der jungen Frau auf. Sie hat Mitleid mit ihm und fühlt sich zu der geschundenen Seele hingezogen und will ihm bei seinem Rachefeldzug helfen. Dann meldet sich sein Peiniger am Telefon und fordert ihn auf, herauszufinden, warum er dies getan hat. Er gibt ihm fünf Tage Zeit. Schafft es Dae-Su Oh, kündigt der ominöse Anrufer an, sich selbst zu richten - schafft er es nicht, wird er ihn umbringen und alle Frauen, die er jemals geliebt hat, inklusive Mido, der er sofort verfallen ist.

Dass das asiatische Kino eine Reihe begnadeter Talente herausgebracht hat, ist bekannt. Zumeist bedeutet dann der Gang nach Hollywood das Ende ihrer kreativen Integrität. Altmeister John Woo ist ein Paradebeispiel für diese These. Seine Hongkong-Meisterwerke wie „Hard Boiled“ oder „The Killer“ machten ihn berühmt, aber auf dem amerikanischen Filmmarkt verlor der zurückhaltende Meister-Regisseur zunehmend seine Identität und verschwendete sein Talent nach dem exzellenten „Face/Off“ zuletzt in Desastern wie „Mission: Impossible 2“ oder „Paycheck“. Er verkaufte seine künstlerische Seele an den Teufel: die profitgeilen Bosse der großen Studios. So weit ist es bei Chan-Wook Park zum Glück noch nicht - obwohl die Remake-Rechte bereits an den Studio-Major Universal verkauft sind. Bleibt nur zu hoffen, dass Hollywood keinen weichgespülten US-Aufguss dieser emotionalen Achterbahnfahrt an den Start bringt.

Denn „Oldboy“, dessen Geschichte lose auf dem gleichnamigen japanischen Comic beruht, ist mit Sicherheit eines der außergewöhnlichsten und extremsten Filme des Kinojahres. Die zweite Episode von Chan-Wook Parks Rache-Trilogie (nach „Sympathy For Mr. Vengeance“) glänzt auf mehreren Ebenen. Optisch, ohnehin eine der Stärken des asiatischen Kinos, besticht der Film durch eine Stilisierung der Szenerie, die aber keinesfalls den Look über den Inhalt stellt. Der Zuschauer erlebt „Oldboy“ aus der gleichen Perspektive wie der ambivalente Protagonist. Anderthalb Stunden fragt sich der Betrachter, was überhaupt gespielt wird. Mit der Auflösung des Ganzen, das dämmert jedem, steht und fällt die Qualität des Gesamtwerks. Puzzlestück für Puzzlestück geht es Richtung Wahrheit. Und als dann klar wird, warum Peiniger Woo-Jin Lee, sein Opfer dieser Tortur ausgesetzt hat, ist dies wie ein Hieb mit dem Vorschlaghammer gegen das Hirn des Besuchers. Und die gesamte Storykonstruktion, die zwischendurch fast ins Surreale und Hypnotische abgleitet, ergibt einen tieferen Sinn, der das ungeheure Vergnügen an diesem Film ausmacht. Wobei das „warum“ eine weit größere Rolle spielt als das „wer“ und „wie“.

Auf dem Weg dorthin zeigt sich Chan-Wook Park („Joint Security Area“) keinesfalls zimperlich und wartet mit einer unerbittlichen Brutalität auf, die manchmal die Grenzen des (europäischen) Geschmacks überschreitet. Wer an der Folterszene mit den herausgerissenen Zähnen seinen Spaß hat, muss schon sadistisch veranlagt sein. Und wenn Hauptfigur Dae-Su Oh lebendes Getier verspeist, um wieder emotionale Lebendigkeit zu erlangen, wird der Ekelfaktor am Anschlag gehalten. So kontrovers, und kaum ertragbar, diese Szenen auch sind, verstärken sie doch geschickt die unglaubliche Intensität des Films. Hier kann sich keiner entziehen, wird zum Mitleiden (oder Weggucken) gezwungen. Schauspielerisch bietet „Oldboy“ ebenso großartige Leistungen - vor allem von dem Hauptdarsteller-Trio. Min-Sik Choi ist als Dae-Su Oh kein Kind von Traurigkeit. „Ich habe zu vielen Menschen unrecht angetan“, vertraut er seinem Tagebuch an. Doch die Qual, die er ertragen musste, bringt ihm die Sympathien des Publikums ein. Choi spielt den gebrochenen, nach Rache sinnenden Mann mit starker Intensität und Charisma. Hye-Jung Gang, einer der neuen Stars des asiatischen Kinos, kann dieser schauspielerischen Urgewalt standhalten und als toughe und doch verletztliche Mido überzeugen. Der Dritte im Bunde ist die Schlüsselfigur des Films. Ji-Tae Yoo, der den mysteriösen Peiniger dieses Katz- und Maus-Spiels verkörpert, glänzt mit einer beängstigenden Präsenz: smart, aalglatt und doch tief bedrohlich.

Neben den Einflüssen des asiatischen Kinos sind in „Oldboy“ auch europäische und amerikanische Wurzeln erkennbar: „Der Graf von Monte Christo“, die Arbeit eines David Fincher, Stanley Kubricks „A Clockwork Orange“, ein bisschen Hitchcocks „Vertigo“ und der klassische Kafka zum Beispiel. Bei den internationalen Filmfestspielen in Cannes erhielt „Oldboy“ den Großen Preis der Jury. Trotzdem hasste ihn die französische Presse und reduzierte ihn auf einen brutalen Actionfilm. In Südkorea ist „Oldboy“ längst Kult und ein riesiger Kassenhit. Um es klar zu sagen: Dieser abgrundtief düstere Film ist in seiner Gewalttätigkeit, die in ihrer Gesamtheit allerdings nicht an Quentin Tarantinos Rache-Inferno „Kill Bill Vol. 1“ heranreicht, ganz bestimmt nicht jedermanns Sache. Wer aber einen Draht zum asiatischen Kino hat, wird „Oldboy“ lieben.
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