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Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Sicko
Von Carsten Baumgardt
Wer krank ist, der ist arm dran. Für europäische Gemüter ist diese Weisheit an Banalität kaum zu überbieten. Wie bitter-böse, ernst und im schlimmsten Fall existenzbedrohend es jedoch ist, in den USA krank zu werden, zeigt der umstrittene Brachialsatiriker Michael Moore mit seiner Doku-Komödie „Sicko“, in der er das katastrophale Gesundheitssystem der Vereinigten Staaten an den Pranger stellt. Das macht Moore filmisch in gewohnt brillanter Manier, doch sein Werk weist zwei grundlegende Probleme auf: 1.) Er ist zu 100 Prozent an Moores amerikanische Landsleute gerichtet, was den Blickwinkel doch sehr eng gestaltet und 2.) eine neue Erkenntnis fördert der Polit-Entertainer auch nicht zu Tage. Die Misere des Systems ist allseits bekannt, allenfalls die Perversionen und Ausartungen waren in dieser Form noch nicht dokumentiert.

Die erste Idee zu „Sicko“ kam Moore bereits 1999, als er mit seiner TV-Satireshow „The Awful Truth“ auf der Mattscheibe war. Er filmte einen Mann, dem eine Organtransplantation verweigert wurde, doch durch die Aufmerksamkeit des Fernsehens gelang es, dem Patienten diese innerhalb von zehn Tagen zu verschaffen. Doch Moore legte das Konzept erst einmal beiseite, um Bowling For Columbine und Fahrenheit 911 zu drehen. Für ersteren gab’s einen Oscar und zweiterer ist der mit großem Abstand erfolgreichste Dokumentarfilm aller Zeiten (weltweites Einspiel: 222 Millionen Dollar, USA: 119 Mio.). Ein gewisser Druck lastet somit auf Moore, wenn er sich an ein neues Projekt wagt. Dazu bläst dem gnadenlosen Polemiker seit geraumer Zeit reichlich Gegenwind ins Gesicht. Seine zweifelhaften, rüden Methoden stehen in der Kritik. Während Fans sie als Mittel zum Zweck akzeptieren, stürzen sich Gegner mit Inbrunst darauf. Moores kontrovers diskutierte Masche: Er pickt sich Fakten und Wahrheiten heraus, reißt diese aus dem Zusammenhang und setzt sie in seinem eigenen Kontext zusammen. Damit manipuliert er das Publikum ganz offensichtlich (ohne dies jedoch groß zu verhehlen). Es ist nun die Frage, ob man ihm das wohlwollend als filmisches Stilmittel auslegt, wenn er seinen Sarkasmus an den Mann bringt und seine Einsichten durch den schiefen Blickwinkel überhöht, um sein Ziel zu erreichen oder streng ist und dies als Lüge sieht, weil er zwar korrekte Informationen weitergibt, diese aber nie so montiert, dass der uninformierte Zuschauer eine echte Chance hat, sich ein realistisches Bild abseits der manipulativen Moore-Sicht zu machen. Das klingt nicht sonderlich charmant, doch jetzt kommt der Clou: Moore ist ein solch brillanter Filmemacher, dass er selbst aus diesen Situationen immer hochgradig Unterhaltsames zaubern kann. Und genau nach diesem Prinzip funktioniert auch „Sicko“ wieder.

Die Herangehensweise hat sich dennoch etwas geändert. Diesmal steht kein personifizierter Feind wie Charlton Heston in „Bowling For Columbine“ oder George Walker Bush in „Fahrenheit 9/11“ als Gegner in der Ringecke, sondern eine Industrie als Ganzes - unterteilt in die „Achse des Bösen“ (Moore): die Pharmaindustrie, die Krankenhausunternehmen und die Versicherer. Moore prangert das Grundübel der Privatisierung eines Grundrechts an. Die Konzerne sind, wie in der Privatwirtschaft üblich, nur auf Profite aus. Um diese zu erlangen, gehen sie buchstäblich über Leichen, was Moore anhand von vielen Einzelschicksalen dokumentiert. Auf seiner Website startete er einen Aufruf, ihm Geschichten zu schicken, in denen Versicherte von den Konzernen abgezockt wurden. Innerhalb von einer Woche strömten 25.000 E-Mails ein! Diese persönlichen Schicksale dominieren das erste Drittel des Films, was sich jedoch in dem Ausmaß nicht als klug erweist, da Moore hier zuviel auf die Tränendrüse drückt. Weniger wäre mehr gewesen, was er damit ausdrücken will, hat jeder nach kurzer Zeit verstanden. Stark als Film wird „Sicko“ erst, als Moore von seinem Betroffenheitsstil Abstand nimmt und in seine alte Rolle als Polemiker zurückfällt. Er lässt (ausgestiegene) Insider aus der Branche zu Wort kommen, die davon berichten, dass die Praxis noch viel düsterer aussieht, als die für alle sichtbare Oberfläche es erahnen lässt. Dieser investigative Teil ist aus der Sicht eines Dokumentarfilms der stärkste, weil Moore hier Praktiken aufdeckt und öffentlich macht, ähnlich wie zum Beispiel im Phillippinen-Part von Florian Opitz’ Globalisierungsdoku Der große Ausverkauf. Dabei attackiert er diesmal nicht frontal, sondern kommt aus der zweiten Reihe. Die Konzerne selbst bleiben unberührt, ihr Gebaren wird nur aus der Sicht der Betroffenen, auch namentlich, angeklagt.

„Wir brachten einen Artikel in unserer Online-Publikation, dass Moore die Arbeit an einer Dokumentation aufnehmen wollte. Wenn Sie einen schmuddeligen Typ mit Baseball-Mütze sehen, dann werden Sie sofort wissen, wer er ist.“ (Ein Sprecher von Pharmagigant Pfizer, der die Mitarbeiter warnt, keine Interviews und Auskünfte zu geben)

Doch mit Neuigkeiten ist das Schwergewicht schnell am Ende der Fahnenstange, deswegen reist er nach Kanada, Großbritannien und Frankreich, um seinem US-Publikum vorzuführen, wie das Gesundheitssystem dort funktioniert. Das zelebriert Moore mit dem ihm eigenen Sarkasmus, so dass es gerade hier – trotz des ernsten Themas – viel zu lachen gibt. Dennoch legt der Auslandsteils schonungslos offen, wie der Filmemacher sich angreifbar macht. Er suggeriert seinen Landsleuten daheim vor den Kinoleinwänden, dass die Gesundheitsversorgung in diesen Ländern für alle kostenlos sei, was nicht ganz korrekt ist. In den genannten Ländern Frankreich, Großbritannien und Kanada ist das Gesundheitssystem zwar verstaatlicht und jeder hat Anspruch auf Behandlung, was jedoch über höhere Steuern finanziert wird. Davon redet Moore nur am Rande. Dass dieses System, das nicht perfekt, aber dennoch wesentlich sozialer und gerechter als das marode US-Verfahren ist, liegt auf der Hand, da das Solidarprinzip zum Tragen kommt. Um dies zu erkennen, hätte es keinen Michael Moore gebraucht. Das kann sich jeder halbwegs politisch informierte Mensch auch selbst an einer Hand abzählen.

Deswegen kann „Sicko“ als knallhart recherchierte Dokumentation im Endeffekt nur sehr bedingt punkten. Nicht ansatzweise kommt der Film in die Nähe des Jahresprimus Enron - The Smartest Guys In The Room, aber Moore ist schließlich ein Entertainer, der sein Geschäft in dieser Hinsicht versteht wie keiner Zweiter. „Sicko“ ist trotz aller Relativierung in seiner Gesamtheit überzeugend. Nicht als Aufklärungsdoku, sondern als hochtourig unterhaltsames Zeitdokument. Selbst wenn man sich dagegen wehrt, den Film zu mögen, gelingt es am Ende nicht – vorausgesetzt es herrscht keine Anti-Moore-Pathie. Zu versiert wickelt der Regisseur seine Zuschauer ein, montiert mit all seinen Finessen groteske Situationen aneinander und verzichtet auch nicht auf seinen berühmten letzten Punch. Diesmal macht sich der Filmemacher mit einer Gruppe schwerkranker 9/11-Veteranen, die von ihrer Versicherung gelinkt wurden auf nach Guantanamo Bay, wo die berüchtigsten Gefangenen der USA einsitzen – schließlich erhalten diese in ihrem Hochsicherheitsgefängnis eine bessere gesundheitliche Versorgung als der Durchschnittsamerikaner...

Fazit: Michael Moore hat die Gefahr offensichtlich erkannt, sich zum Polit-Clown zu machen. Deswegen gibt er sich in „Sicko“ seriöser als zuvor, wählt ein Thema, bei dem ihm kaum jemand widersprechen wird, beraubt sich damit gleichzeitig aber einer Stärke, weil das, was er zu sagen hat, nichts wirklich Neues ist. Der amerikanische Patriot, der sein Land tatsächlich liebt, kriegt trotzdem die Kurve, weil er seinem Publikum das gibt, was es erwartet: Unterhaltung, Satire, Polemik und Sarkasmus mit gesellschaftspolitischem Hintergrund.
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