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Haven
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
Haven
Von Julian Unkel
1794 gerät die Besatzung zehn britischer Schiffe in Seenot, als die Flotte auf einem Riff vor der Karibikinsel Grand Cayman aufläuft. Die Einheimischen eilen sofort zur Hilfe und retten das Leben jedes einzelnen Besatzungsmitglieds. Zu tiefem Dank verpflichtet, befreit König Georg III die Bewohner der drei Kaimaninseln daraufhin auf ewig von der Steuer. So zumindest besagt es die Legende, deren Wahrheitsgehalt von Historikern inzwischen stark angezweifelt wird. Fest steht jedoch, dass die Kaimaninseln auch heute noch als ideale Steueroasen gelten, dass dort inzwischen mehr Unternehmen als Einwohner registriert sind und die Hauptstadt George Town zu den fünf größten Finanzplätzen der Welt zählt. Diesen Ausnahmestatus nutzt Frank E. Flowers als Ausgangslage für sein atmosphärisches Spielfilmdebüt „Haven“, das Elemente aus Thriller, Drama und Romanze verbindet, sich dabei aber in seinen vielen Handlungssträngen ziemlich verheddert.

Als FBI und Steuerbehörde mit einem Gerichtsbeschluss vor seiner Tür stehen, aktiviert der Geschäftsmann Carl Ripley (Bill Paxton, Twister, Titanic) seinen Notfallplan: Zusammen mit seiner Tochter Pippa (Agnes Bruckner, Motel – The First Cut) und einer Million Dollar in bar flieht er aus Miami und taucht in seiner Wohnung in George Town unter. Während Carl sich mit seinem Anwalt Allen (Stephen Dillane, Spy Game, Sturm) in Verbindung setzt, wird Pippa von dem Kleinkriminellen Fritz (Victor Rasuk, Vergiss mein nicht) in das Nachtleben der Stadt eingeführt. Auf einer Party überschneidet sich ihr Weg mit dem von Shy (Orlando Bloom, Elizabethtown), der eine heimliche Beziehung mit der reichen Andrea (Zoe Saldana, Star Trek, 8 Blickwinkel) führte, bis ihr Bruder Hammer (Anthony Mackie, Half Nelson) hinter das Geheimnis kam und durchdrehte – was Shy nun wiederum zu einem folgenschweren Racheakt antreibt…

Zwischen den Dreharbeiten und der hiesigen Erstveröffentlichung auf DVD liegen rund fünf Jahre, in denen „Haven“ nach anfangs vernichtenden Festivalkritiken mehrfach umgeschnitten wurde. Auch in seiner jetzigen Form ist der Film noch weit von einem kohärenten Erzählfluss entfernt. Regisseur Flowers erzählt die Geschichte nicht chronologisch und setzt besonders im Mittelteil den Fokus in jeder Szene anders, so dass den Charakteren jede Möglichkeit genommen wird, sich glaubwürdig zu entwickeln. Besonders ärgerlich ist das bei der Figur der Andrea, deren Wandlung vom schüchternen Mädchen zum sexsüchtigen Drogenwrack ebenso wenig überzeugt wie ihre finale Katharsis. Dass Zoe Saldana - trotz ihrer blöden Rolle - noch die beste Schauspielleistung in „Haven“ abliefert, spricht Bände. Das übrige Ensemble setzt kaum positive Akzente - allen voran Orlando Bloom, der hier erneut unter Beweis stellt, dass er in den Actionrollen, die ihn berühmt gemacht haben (Herr der Ringe – Trilogie, Fluch der Karibik), immer noch am besten aufgehoben ist.

So schwach die erzählerische Seite des Films auch ist, so sehr überzeugt die visuelle Gestaltung. Flowers, der selbst auf den Kaimaninseln geboren wurde und aufgewachsen ist, inszeniert seine Heimat bildgewaltig als traumhaft schönes Tropenidyll, hinter dessen trügerischer Fassade ein Tummelplatz für Armut und Verbrechen liegt. Diese Ambivalenz erzeugt eine ganz eigene Atmosphäre, die zumindest über manch eine Storyschwäche hinwegsehen lässt. Der Atmosphäre sehr zuträglich ist auch der Originalton, der mit seinen vielen Dialekten – vom hochgestochenen Oxford-Englisch zum tiefen Patois – das multiethnische Flair der Inseln wunderbar widerspiegelt. Auch der aus Chillout- und Reggae-Klängen bestehende Soundtrack (für den unter anderem die Bob-Marley-Söhne Damian und Ziggy verantwortlich zeichnen) erweist sich als echter Pluspunkt.

Gerade deshalb muss sich „Haven“ aber den Vorwurf einer Style-Over-Substance-Inszenierung gefallen lassen, denn hinter den schicken Bildern wartet nur ein unnötig aufgebauschtes Gewirr an 08/15-Plots mit eindimensionalen Charakteren. Wie so viele junge Filmemacher in den vergangenen Jahren versucht auch Flowers – wenn auch mit einer deutlich ernsteren Grundstimmung – narrativ auf den Spuren von Quentin Tarantino (Pulp Fiction) und Guy Ritchie (Bube, Dame, König, Gras) zu wandeln, erreicht dabei aber nie die Cleverness und den lebendigen Erzählrhythmus seiner Vorbilder. So schafft er es letztlich auch nicht, die vielen Handlungsstränge zu einem funktionierenden Ganzen zu verknüpfen. „Haven“ versucht Jugendromanze, Sozialdrama und Thriller in einem zu sein – und führt schließlich keinen dieser Ansätze zufriedenstellend zu Ende.
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