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Eurotrip
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Eurotrip
Von Carsten Baumgardt
Die Amerikaner und die europäische Kultur: Eine lange Geschichte voller Missverständnisse. Die Fixierung der gemeinen amerikanischen Seele auf das eigene Land ist bekannt, ebenso ein weit verbreitetes Unwissen über Geschehnisse, die über God’s own country hinausgehen. Ein Paradebeispiel dieser Theorie liefert Jeff Schaffers Road-Movie-Komödie „Eurotrip“. Ein Quartett von US-High-School-Schülern macht halb Europa unsicher und muss dabei allerlei bizarre Abenteuer durchleben. Der inoffizielle Nachfolger von „Road Trip“ kann aber wenigstens einen gewissen Charme nicht verbergen und unterhält über weite Strecken, auch wenn sich die Bilanz der gelungenen Gags gegenüber den misslungenen eher ausgeglichen liest.

Scott (Scott Mechlowicz) hat gerade seinen Abschluss an der High School geschafft, als ihn seine Freundin Fiona (Kristin Kreuk) aus heiterem Himmel verlässt. Nachdem Scott auf der Abschlussfeier von Fionas neuem Freund Donny (Matt Damon) mit einem Rocksong über ihn (herrlich: „Scotty doesn’t know“) gedemütigt wird, ist er völlig am Boden. Durch ein blödes Missverständnis verärgert er auch noch seine deutsche E-Mail-Freundin Mieke (Jessica Böhrs), von der er glaubte, sie sei ein Mann. Erst jetzt stellt er fest, dass die blonde Schönheit auf dem Foto, das er besitzt, sie ist. Da Mieke den Kontakt abgebrochen hat, muss Scott handeln. Er entschließt sich, mit seinem besten Freund Cooper (Jacob Pitts) nach Berlin zu fliegen, um Mieke zu besuchen. Sie bekommen aber zunächst nur einen Flug nach London. Von da aus müssen sie weiter nach Paris, wo sie ihre Freunde, die Zwillinge Jenny (Michelle Trachtenberg) und Jamie (Travis Wester), treffen. Ihre Odyssee nach Berlin führt sie aber erst mal auf Umwege nach Amsterdam und Bratislava…

Im Zuge des riesigen Erfolgs von „American Pie“ schickte sich im Jahr 2000 die respektlos-witzige Road-Movie-Komödie „Road Trip“ an, die neue Beliebtheit des Teenie-Genres auszunutzen. Vom gleichen Produzententeam, das auch schon die Gross-Out-Komödie „Old School“ machte, stammt nun Jeff Schaffers Regie-Debüt „Eurotrip“ - eine europäische Variante der „Road Trip“-Handlung. Das spricht nicht unbedingt für grenzenlosen Einfallsreichtum. Den wollte Schaffer (Drehbuch zu „Ein Kater macht Theater“ und einigen „Seinfeld“-Folgen), der das Script zusammen mit seinen Stammpartnern Alec Berg („Ein Kater macht Theater“, „Seinfeld“) und David Mandel („Ein Kater macht Theater“, „Seinfeld“) verfasste, in der Geschichte einbringen. An bizarren Ideen mangelt es „Eurotrip“ jedenfalls nicht, davon präsentieren die Autoren fast im Übermaß. Leider ist ihre Trefferquote dabei nur im Mittelmaß anzusiedeln.

Wer einmal ein gutes Bild davon bekommen will, wie sich Amerikaner Europa vorstellen, ist in „Eurotrip“ gerade richtig. Jede Nationalität, die im Film auftaucht, wird auf Klischees reduziert. Das machte Cedric Klapisch in seiner fantastisch-sympathischen Europa-Komödie „L’Auberge Espagnole“ auch, aber er persiflierte die Klischees gleichzeitig. Davon kann bei „Eurotrip“ keine Rede sein. Die Vorurteile, die ausgespielt werden, dienen einzig allein dem Gag des Moments. Natürlich erwartet niemand bei einer Teenie-Komödie Tiefgang, aber die potenzierten Klischees, die auch diverse Lacher hervorbringen, gehen gelegentlich auf die Nerven. Aber der Reihe nach: Engländer werden, in Form von Ex-Fußballstar Vinnie Jones („Bube, Dame, König, Gras“), als Nation von Fußball-Hooligans charakterisiert. Die Franzosen bekommen ihr Fett als charmante, aber untreue Liebhaber weg. Den Niederländern wird die übliche Hasch-Attitüde angeheftet und dazu gibt’s noch eine Portion Sado-Maso (köstlich: Lucy Lawless als Domina) hintendrauf – oder besser gesagt hintenrein, wie Cooper erfahren muss. Die Italiener haben es in „Eurotrip“ auch nicht leicht. Fred Amisen muss sich als durchgeknallt-schmieriger, schwuler Papagallo erniedrigen. In der Slowakei, die eher an das Nachkriegs-Deutschland erinnert, ist 1,83 US-Dollar noch ein Vermögen wert.

Die Deutschen, die unter den europäischen Nationen die Hauptrolle spielen, werden ebenfalls vereinfacht: Die Schauspielnovizin Jessica Böhrs, die in der Techno-Pop-Band „Novaspace“ trällert, spielt das bildschöne, blonde deutsche Fraulein. Viel wird von ihr nicht verlangt. Sie muss lediglich fantastisch aussehen und ab und im richtigen Moment die Hüllen fallen lassen. Das schafft Böhrs ohne Mühe. Wesentlich ärgerlicher ist da schon ein übler, aber scheinbar unvermeidbarer Hitler-Gag. Als Scott in Berlin auf Miekes Vater (Walter Sittler) trifft, übt ihr kleiner, dicker Stiefbruder Heinrich (Adam Dotlacil) - der aussieht, als bereite er sich auf ein Treffen der örtlichen HJ vor – marschierend den Hitlergruß. Das ist so geschmacklos wie peinlich und passt überhaupt nicht in die Handlung. Dass solche Witze tatsächlich funktionieren können, zeigte Jerry Zucker in „Rat Race“ als er seine Protagonisten zum Familienausflug ins Barbie-Museum schickte.

Neben Jessica Böhrs haben Jana Pallaske („Was nützt die Liebe in Gedanken“, „Extreme Ops“) als sexbegierige (holländische) Fotohändlerin und Dominic Raacke als speckiger Lastwagenfahrer nette Kurzauftritte. Überhaupt hat „Eurotrip“ einige sehr gelungene Cameos zu bieten. Matt Damon („Die Bourne Identität“) ist als kahlrasierter Rocksänger kaum wiederzuerkennen. Neben der bereits erwähnten Lucy Lawless („Xena“) hat Trash-Ikone David Hasselhoff den besten Kurzauftritt. In einer Traumsequenz von Scott, in der er über Mieke herfällt, schmettert Hasselhoff - im Bild eingeschnitten - seinen deutschen Schlager „Du“. Das ist zum brüllen komisch.

Die Handlung, die sich in Episoden von Land zu Land vorantreibt, wird von den vier Hauptdarstellern - ebenso wie von hippen Bildcollagen - durchaus zusammengehalten. Newcomer Scott Mechlowicz schafft es, die Sympathien auf seine Seite zu ziehen. Ebenso wie seine Mitstreiter Jacob Pitts („K-19: The Widowmaker“), Michelle Trachtenberg („Buffy“, „Harriet, die kleine Detektivin“) und Travis Wester. Optisch bietet „Eurotrip“ dem Teenie-Publikum mit dem Trio Michelle Trachtenberg, Jessica Böhrs und Kristin Kreuk („Smallville“) genug eye candy, um die Aufmerksamkeit wach zu halten. Für die Damenwelt muss Scott Mechlowicz als Blickfang herhalten.

Die Komik ist bewusst darauf ausgelegt, so viel Sex zu bieten, wie ein US-R-Rating zulässt. Der Film zelebriert förmlich die Inflation entblößter Brüste – jedenfalls für prüde US-Verhältnisse. Ab und zu rutschten die Gags in den Gross-Out-Bereich ab. Und vor Tabus schreckt „Eurotrip“ schon gar nicht zurück: Sex im Beichtstuhl, Verunglimpfung des Papstes, Geschwisterliebe im Absinthrausch etc. Logisch ist das, was die Protagonisten durchmachen, zu keiner Zeit. Darüber sollen die vielen Drehbuchideen hinwegtäuschen bzw. von den Logiklöchern ablenken. Die hanebüchene Sequenz in Bratislava ist wahrscheinlich eher im Alkoholnebel der Autoren entstanden, anders ist dies nicht zu erklären.

So hinterlässt „Eurotrip“ einen durchgehend zwiespältigen Eindruck - ein Phänomen, das übrigens auch schon „Old School“ prägte. Unterhaltsam und charmant ist der Film, ernst zu nehmen aber auf keinen Fall. Wer sich einfach nur amüsieren will, hat die besten Chancen, an „Eurotrip“ seine Freude zu haben. Dann lässt sich besser über die missglückten Gags und vielen Ungereimtheiten hinwegzusehen.
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