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    Montana Sacra - Der heilige Berg
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Montana Sacra - Der heilige Berg
    Von Gregor Torinus

    1970 wurde der chilenische Regisseur, Autor und selbst ernannte Magier Alejandro Jodorowsky mit dem surrealen Western „El Topo“ berühmt und schuf nebenbei den Prototyp eines Midnight Movies. Doch so bizarr schon dieser Film war, bereitete er doch nur Ansatzweise auf das vor, was drei Jahre später unter dem Titel „Montana Sacra – Der heilige Berg“ in die Kinos kommen sollte: ein herausragender Film, der zwar so kryptisch ist, dass er die Sinne überfordert, aber gerade mit dieser völligen Überwältigung begeistert.

    In einem mit geheimnisvollen Mustern versehenen, aber ansonsten steril wirkenden Raum, sieht man drei Personen. In der Mitte befindet sich ein Alchemist (Alejandro Jodorowsky) mit schwarzem Schlapphut und schwarzem Gewand. Links und rechts von ihm befinden sich zwei junge Frauen, die offenbar die Schülerinnen des merkwürdigen Mannes sind. In einer rituellen Geste zieht der Alchemist die beiden jungen Frauen aus und rasiert ihnen den Kopf. Zwischendurch erfolgen Einblendungen verschiedener astrologischer und  mystischer Symbole. Schnitt. Die Szenerie wechselt zu einem Dieb (Horácio Salinas), der von als Legionäre gekleideten Männern betrunken gemacht wird. Diese nehmen von dem Bewusstlosen einen Gipsabdruck mittels dessen sie zahllose Jesusfiguren herstellen, die sie als Devotionalien verkaufen wollen. Doch der Dieb zerstört alle bis auf eine einzige Figur, mit der zusammen er durch die Stadt läuft. Er gelangt erst zu einer Kirche, wo er eine Gruppe von Prostituierten trifft und schließlich zum Alchemisten. Dieser beeindruckt den Dieb mit seinen Fähigkeiten, in dem er aus den Exkrementen des Diebes Gold herstellt. Anschließend stellt er dem Dieb eine Gruppe äußerst ungewöhnlicher Persönlichkeiten vor: Gemein ist ihnen, dass sie auf ihre jeweils eigene Art die Menschheit um essentielle Dinge wie Friedfertigkeit oder Mitgefühl betrogen haben. Der Alchemist offenbart, dass diese außergewöhnliche Zusammenkunft einem höheren Zwecke dient: Gemeinsam will man sich zu einem auf der Lotos-Insel gelegenen „Heiligen Berg“ aufmachen, auf dessen Gipfel neun Weise thronen, die das Geheimnis der Unsterblichkeit bewahren...

    Diese Inhaltsangabe erscheint mehr als rätselhaft und gibt nur einen groben Hinweis auf die Explosion an ungebremster Kreativität, die „Montana Sacra – Der Heilige Berg“ darstellt. Tatsächlich ist dieser Film nicht weniger als ein Frontalangriff auf die Sinne und den Verstand seiner Zuschauer. Aus den tiefsten Tiefen des Unterbewusstseins lässt Jodorowsky einen ungebremsten Hagel an vollkommen ungefilterten rohen Bildern auf seine Zuschauer einprasseln. Es sind Bilder voll von primitivster Sexualität und abscheulichster Gewalt, voller scheinheiliger Religiosität und zutiefst empfundener Spiritualität, voll von zynischster Menschenverachtung und ätzender Konsumkritik, voll von Galle spuckendem Sarkasmus und von Menschen liebender Milde, Bilder vom Ende unserer Kultur und einem spirituellen Neuanfang. Es sind Bilder voller bluttriefender und aufgespießter Federviecher, uniformierter und von Bomben zerrissener Kröten, verkrüppelter und Joint rauchender Zwerge, in Bunsenbrennern vor sich hin köchelnder und wahrscheinlich bestialisch stinkender Exkremente, Bilder von hässlichen Huren mit Hängebrüsten und unzählige weitere Bilder, die man in dieser geballten Ladung im Kino nur selten zu sehen bekommt.

    Alejandro Jodorowsky will mit „Montana Sacra“ keine Geschichte erzählen. Er will, dass die Zuschauer eine Erfahrung machen, dass sie sich selbst auf die Reise auf den „Heiligen Berg“ und zurück begeben und dass sie durch diese Erfahrung als neue Menschen wiedergeboren werden. Die Beschäftigung mit Alchemie ist dem Filmemacher ganz ernst, im Tarot hat er es durch jahrelange Bemühung zum Meister gebracht. Als das wichtigste Projekt seines Lebens bezeichnet das Multitalent nicht etwa seine Theaterarbeit, seine Filme oder seine Comics sondern die „Psychomagie“, eine Form der Familienaufstellung, die Jodorowsky wöchentlich umsonst in einem Pariser Café anbietet. Als Vorbereitung zu „Montana Sacra“ soll Jodorowsky eine Woche ohne Schlaf verbracht haben, bevor er einen Monat gemeinsam mit den Schauspielern geübt hat, wobei Zen-Mönche fleißig LSD-Trips verteilten. Das Ergebnis ist eine Bild gewordene Chronologie des ausufernden Wahnsinns und zugleich ein Amok laufendes Kind seiner Zeit, wie es so nur die frühen 70er-Jahre hervorbringen konnten. Nach seinem bereits einmaligen, furiosen und bis heute bekanntesten Film „El Topo“ bewies Jodorowsky mit „Montana Sacra“, dass er noch nicht am Zenit seiner Kreativität angelangt war, sondern dass er sich auch da, wo andere bereits längst nicht mehr mitkamen, noch einmal kräftig steigern konnte.

    Fazit: Alejandro Jodorowskys dritter Langfilm „Montana Sacra – Der Heilige Berg“ zeigt den chilenischen Bildermagier auf dem Höhepunkt seiner drogengeschwängerten Kreativität. Mit diesem Film gelang ihm ein herausragendes Werk, das gleichermaßen kryptisch wie überwältigend ist, das vor Hässlichkeit, roher Gewalt und Wahnsinn strotzt und zugleich von einer tiefen Spiritualität durchdrungen ist.

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