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    Öffne meine Augen
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Öffne meine Augen
    Von Lars Lachmann
    Gewaltsame Übergriffe in der Ehe sind leider nach wie vor ein stets aktuelles Thema. Trotz der notwendigen Beachtung, die diese Problematik auch in den Medien findet, bleiben nach Ansicht von Filmemacherin Iciar Bollain und Co-Autorin Alicia Luna viele entscheidende Fragen in der öffentlichen Diskussion unbeantwortet: Warum bleibt eine Frau ungefähr zehn Jahre lang mit einem Mann zusammen, der sie schlägt? Warum verlässt sie ihn nicht? Und nicht nur das: Warum bestehen Frauen sogar dann noch darauf, dass sie ihren Mann lieben? Finanzielle Abhängigkeit, so Iciar Bollain, könne nicht Grund genug dafür sein, dass eine von vier Frauen in Europa und den USA in ihrem Leben bereits Erfahrungen mit gewalttätigen Beziehungen gemacht hat. Aus dem sich ergebenden Klärungsbedarf hinsichtlich dieses Themas sah sich das Autorenduo veranlasst, die genannten Aspekte in dem Beziehungsdrama „Öffne meine Augen“ näher zu beleuchten.

    Nach fast zehn Ehejahren verlässt Pilar (Laia Marull) ihren Ehemann Antonio (Luis Tosar). Eines Abends, noch bevor ihr Mann von der Arbeit zurückkommt, flüchtet sie sich mit ihrem kleinen Sohn Juan (Nicolás Fernández Luna) zur Wohnung ihrer Schwester Ana (Candela Peña). Der Grund: Antonios unkontrollierte Gewaltausbrüche, die für Pilar mitunter schon zu mehreren Krankenhausaufenthalten geführt haben. Ana, die mit ihrem schottischen Freund John (Dave Mooney) zusammen wohnt, den sie demnächst zu heiraten gedenkt, schlägt Pilar vor, zunächst mit Juan bei ihr einzuziehen und ihr bei den Hochzeitsvorbereitungen zu helfen. Darüber hinaus vermittelt sie Pilar einen Aushilfsjob als Ticketverkäuferin im Souvenirshop der Kathedrale von Toledo. Antonio versucht seine Frau dazu zu bewegen, wieder in die gemeinsame Wohnung zurückzukehren und beginnt zugleich eine Therapie, um seine Gewaltausbrüche in den Griff zu bekommen. Dies lässt Pilars Hoffnung wieder etwas aufkeimen, in Zukunft vielleicht doch noch ein „normales Eheleben“ mit ihrem Mann führen zu können, den sie trotz allem nach wie vor liebt. Sie muss sich entscheiden, ob sie ihrem Optimismus nachgeben möchte und einen Neuanfang wagt oder den Rat ihrer Schwester befolgt, sich entgültig von Antonio zu trennen.

    Wörtlich übersetzt lautet der spanische Originaltitel („Te Doy Mis Ojos“) „Ich gebe dir meine Augen“ und bezieht sich auf eine Liebesbekundung, die Pilar gegenüber Antonio äußert, indem sie ihm ihre Augen wie andere Teile ihres Körpers symbolisch als pars pro toto ihrer selbst zum Geschenk macht. Diese Äußerung ist deshalb mit den positiven, zärtlichen Momenten ihrer Beziehung verknüpft, an denen Pilar sich festklammert und aus denen sie ihre ganze Hoffnung schöpft. Zugleich lässt sich dieser Ausspruch auch als Appell an Antonio deuten, mit ihren Augen zu sehen – sich in sie und ihre Lage, Wünsche und Hoffnungen hineinzuversetzen. Dies wiederum fällt Antonio sehr schwer. Als Pilar zusammen mit ihren Kolleginnen aus dem Souvenirladen der Kathedrale eine Fortbildung als Kunst- und Museumsführerin anfängt, was ihr schließlich sogar einen Job in Madrid in Aussicht stellt, kann Antonio nur sehr wenig Verständnis für ihre Begeisterung aufbringen. Er kann in dieser kulturell ausgerichteten Arbeit nichts Sinnvolles erkennen und unterstellt ihr, auf diese Weise lediglich die Blicke anderer Männer auf sich ziehen zu wollen. Doch Pilar blüht auf bei ihrer neuen Tätigkeit, die ihrem Leben einen neuen Sinn und ihr selbst erstmals eine wirkliche Identität gibt – abgesehen von ihrer bisherigen Rolle der alles erduldenden Ehefrau.

    Die gewaltsamen Übergriffe Antonios erweisen sich im Laufe des Films lediglich als die Spitze des Eisberges von Symptomen, die wiederum in seiner Unfähigkeit begründet liegen, seine Frau wirklich zu verstehen – sie mit ihren Augen zu sehen. Doch nicht nur ihr Mann allein hat diese Schwierigkeit. Auch ihre Schwester Ana, die ihr Unterschlupf gewährt, sieht nur einen Teil des Dilemmas: Sie kann nicht nachvollziehen, dass Pilar ihren Mann trotz aller Demütigungen, die er ihr angetan hat, liebt. Pilars Mutter (Rosa María Sardá) hingegen verharmlost das Problem und hält es eher dahin gehend, dass es die Pflicht einer Ehefrau sei, solche „Schwierigkeiten“ zu erdulden. Die persönliche Entwicklung, welche Pilar im Laufe der Handlung durchmacht und die mit ihrer Flucht aus der gemeinsamen Wohnung ihren Anfang nimmt, führt schließlich dazu, dass sie zum ersten Mal selbst eine Vorstellung von ihren wirklichen Wünschen bekommt und sich selbst kennen und verstehen lernt.

    „Öffne meine Augen“ ist somit ein existenzielles Drama, das die grundlegende Problematik zugleich auf sehr emotionale als auch analytische Weise zur Darstellung bringt. Letzteres zeigt sich an der Art und Weise, wie Ehe- und Beziehungskrisen innerhalb von Pilars Familie sowie im Kreis ihrer Kolleginnen bewertet werden. Besonders deutlich wird dies in einer Szene, in der die Protagonistin beim Essen mit ihren Kolleginnen Zeugin einer vergleichsweise harmlosen Auseinandersetzung zwischen einer der Frauen und deren Freund wird, welche von den anderen ironisch kommentiert wird. Diese Szene hat für sich gesehen etwas Komödienhaftes, da sie sich gängiger Klischees bedient, und spiegelt so den öffentlichen, gesellschaftlichen Diskurs wieder, der dem Kontext ihres eigenen Dilemmas allerdings in keiner Weise gerecht werden kann.

    Mit ihrem dritten Spielfilm erntete Iciar Bollain in ihrer spanischen Heimat gleich sieben von neun Goyas (das spanische Equivalent zum Oskar), unter anderem für die beste Regie, den besten Film sowie für die beste Hauptdarstellerin (Laia Marull), den besten Hauptdarsteller (Luis Tosar), die beide eine hervorragende Leistung zeigen. Im Vergleich zu anderen Filmen, die sich mit einer ähnlichen Problematik auseinander setzen, steht diese in „Öffne meine Augen“ eindeutig im Zentrum des Geschehens – ohne thematische Verknüpfung mit oft in kausalem Zusammenhang stehenden Phänomenen wie Armut oder Alkoholismus. Infolgedessen wird die Allgemeingültigkeit und Allgegenwärtigkeit ehelicher Gewaltübergriffe betont – und eben nicht als „Randgruppenphänomen“ marginalisiert –, wodurch beim Publikum im Prinzip ein größerer Grad der Sensibilisierung erreicht wird.
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