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    Cars
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Cars
    Von Christoph Petersen

    Als die Produktionsfirma Pixar zum ersten Mal verlauten ließ, dass sich ihr neuester Animationsstreich um Autos drehen würde, erschien an diesem Projekt vor allem ein Punkt problematisch: Würde es Pixar wirklich gelingen, den Wagen genug Gefühle – und damit so etwas wie eine Seele – einzutrichtern? Immerhin war das Fox-Animationsteam, das bei ihrer Blechbüchsen-Komödie Robots oft vergeblich um glaubhafte Emotionen rang, bei einem ähnlichen Versuch größtenteils gescheitert. Aber die anfänglichen Befürchtungen waren umsonst. Wie gewohnt hat das Pixar-Team – mit einem kleinen Trick – auch diese Aufgabe zur vollen Zufriedenheit der Zuschauer bewältigt. Indem man die Augen nicht wie üblich dort integrierte, wo sonst die Abblendlichter zu finden wären, sondern direkt in die Windschutzscheibe einbaute, sind die aufheulenden Boliden menschenähnlich genug, um ihre Emotionen stets nachvollziehen zu können. Doch trotz dieses kleinen Geniestreichs gehört „Cars“ bei weitem nicht zu den absoluten Pixar-Meisterwerken. Und das hat diesmal überraschenderweise tatsächliches etwas mit Schwächen im Drehbuch – sonst das präzise durchdachte Prunkstück eines jeden Pixar-Films – zu tun.

    Willkommen in Radiator Springs! Ausgerechnet in diesem verlassenen Wüstenkaff landet der gefeierte Rennwagen-Rookie Lightning McQueen (Stimme: Daniel Brühl, Owen Wilson), als er auf dem Weg zum entscheidenden Rennen der Saison aus seinem dem Sekundenschlaf zum Opfer fallenden Lastwagen rollt. Aber damit nicht genug, bei seiner rasanten Durchfahrt zerstört McQueen auch noch die einzige Straße des Dorfes und damit die letzte Hoffnung der wenigen übrig gebliebenen Bewohner auf zahlungskräftige Touristen. Als Strafe wird er vom Oberhaupt und Richter Doc Hudson (Stimme: Friedrich Schönfelder, Paul Newman) dazu verdonnert, die Straße ganz allein wieder auf Vordermann zu bringen. Es scheint zunächst ein unmögliches Unterfangen, die Arbeit vollständig zu erledigen und es dennoch rechtzeitig zum Rennen zu schaffen – außerdem gehen McQueen die redseligen Hillbillies schon bald tierisch auf die Nerven. Als er jedoch in dem verrosteten Abschleppwagen Hook einen Freund findet, sich in den schnieken Porsche Sally (Stimme: Bettina Zimmermann, Bonnie Hunt) verguckt und herausfindet, dass der strenge Doc Hudson früher selbst einer der berühmtesten Rennwagen war, ändert sich seine Sicht auf die gar nicht mal mehr so uncoolen Dörfler komplett…

    „Cars“ ist der erste Pixar-Film seit ihrem Langspiel-Erstling „Toy Story“, der mit spürbaren Längen zu kämpfen hat. Wie schon bei Die Unglaublichen liegt die Spieldauer auch hier wieder unnötigerweise deutlich über 110 Minuten. Hatte man diese Manko aber bei Die Unglaublichen noch durch einen unglaublichen Abwechslungsreichtum ausgleichen können, tut „Cars“ sich hiermit – vor allem in den Actionsequenzen - überraschend schwer. Wie schon angedeutet, hat die Wahl von Autos als Protagonisten keinerlei negativen Auswirkungen auf die Emotionalität der Figuren – der Showdown ist sogar ausgesprochen berührend geraten. Eine klare Limitierung gibt es aber hingegen, was die Artenvielfalt der Action angeht – Rennwagen sind nun einmal naturgemäß auf eine Straße, vielleicht ausnahmsweise auch mal auf einen Schotterweg angewiesen. Und hier ist den Machern einfach zu wenig eingefallen, was jede Rennsequenz aus Neue zu einem aufregenden Ereignis werden ließe – sogar das Gegenteil ist der Fall: Auf Dauer wirken diese Szenen, mit Ausnahme des nächtlichen Traktoren-Erschreckens, sogar ein wenig wiederholend.

    Auch wenn die Längen nur im zweiten Drittel wirklich spürbar sind, hätte man sich im Nachhinein doch gewünscht, dass von der Einführung bis zum Abspann alle Teile des Films einen Tick pointierter inszeniert worden wären. Und das liegt nicht nur an der limitierten Action, sondern auch daran, dass Pixar eine seiner größten Stärken sträflichst ungenutzt ließ: Wo „Das große Krabbeln“ eine Die sieben Samurai-Version mit Insekten, „Toy Story“ ein „Indiana Jones“-Abenteuer mit Spielzeugfiguren und Die Unglaublichen ein Superhelden-Actioner mit einer Sitcom-Familie waren, ist „Cars“ nun ein neuer „Doc Hollywood“ oder anderer „Arroganter Städter findet in Kuhdorf endlich sein wahres Glück“-Abklatsch mit Autos. So weit so gut.

    Aber alle diese Filme mit Ausnahme von „Cars“ haben sich nicht nur damit begnügt, einfach einen altbekannten Story-Archetypen mit neuer Besetzung nachzuspielen, sondern haben den festgefahrenen Genres auch durchaus neue interessante Seiten abgewonnen. So funktioniert zum Beispiel Die Unglaublichen nicht nur als unterhaltsames Spektakel, sondern zitiert und parodiert zugleich auch auf entlarvende Weise mehrere Dekaden des populären Actionkinos. Bei „Cars“ fehlt diese zusätzliche Ebene hingegen völlig. Er erzählt die altbackene Geschichte ohne neue Ecken und Kanten, zieht seinen besonderen Reiz nur aus der Tatsache, dass die Hauptrollen mit Autos besetzt sind. Bei den hohen Standards, die sich Pixar mit seinen letzten Produktionen selbst gesetzt hat, ist das aber einfach zu wenig – und vor allem in den ohne einen einzigen auffallenden Einfall daherkommenden romantischen Szenen auch ein wenig öde.

    Auch wenn hier so deutlich wie nie zuvor die humorvollen Elemente auf die zahlreichen Sidekick-Charaktere abgewälzt wurden, ist auch in diesem Pixar-Film der treffsichere Witz wieder der größte Pluspunkt, der „Cars“ trotz aller Schwächen qualitativ über die meisten Produktionen anderer Animationsteams hievt. Denn auch wenn der beste Oneliner „Luigi sind nur Fan von die Ferrari“ schon im Trailer vorweggenommen wird, gibt es immer noch genug geschliffenen Sprachwitz und absurde Situationskomik, um dem Zuschauer einen mehr als unterhaltsamen Kinoabend zu bescheren. Besonders gelungen sind dabei die beiden Streithähne Bully, ein alternativer Flower-Power-VW-Bus, und Sarge, ein patriotischer Army-Jeep – jeden Morgen, wenn Sarge zur amerikanischen Nationalhymne strammsteht und seine Flagge hisst, dröhnt aus den Boxen seines Nachbarn der gute alte Jimmy Hendrix. Und wenn der Hippie mit seinen Verschwörungstheorien zur geringen Verbreitung von Bio-Benzin loslegt, kann „Cars“ sogar mit ein wenig bissiger Satire auftrumpfen.

    Auch wenn der Innovationsfortschritt seit Die Unglaublichen weniger spektakulär als zwischen früheren Pixar-Produktionen ausfällt, hängt auch „Cars“ rein technisch betrachtet die Konkurrenz einmal mehr um Längen ab. Wo es sich zum Beispiel die Macher von Ice Age 2 mit ihren hauptsächlich weißen, profillosen Hintergründen, auch wenn diese natürlich thematisch bedingt sind, doch recht einfach gemacht haben, kann „Cars“ nun mit den aufwändigsten Panorama-Hintergründen der Computeranimations-Geschichte aufwarten. Die einzigen kleineren Schwächen sind in den gigantischen Stadien-Szenen zu finden, was aber bei mehreren zehntausend tobenden Auto-Zuschauern durchaus verzeihlich sein sollte. So ist “Cars” im Endeffekt einer der wenigen Pixar-Filme, den man nicht als absoluten Must-See einstufen müsste. Für einen unterhaltsamen Kinoabend ist er aber dennoch klar besser als die meisten Konkurrenz-Produktionen geeignet.

    Link-Tipp: Filmstarts.de-Interview mit Daniel Brühl und Rick Kavanian

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