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Die Insel
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Die Insel
Von Carsten Baumgardt
Regisseur Michael Bay ist ein Phänomen: Ausnahmslos jeder seiner Kinofilme wurde ein Box-Office-Hit, aber kaum jemand will zugeben, seine Arbeit zu mögen. Bays Ruf ist einfach miserabel. Vor allem den US-Kritikern dient der Kalifornier zumeist als menschlicher Punching Ball. Keines von Bays Werken hatte auch nur einen Hauch von Anspruch, aber eines haben sie gemeinsam: Wenn der Amerikaner inszeniert, kracht es auf der Leinwand und für Kurzweil ist gesorgt. Dass der Ex-Werbefilmer auch anders kann, ohne sich von seinen Wurzeln als Krawall-Regisseur zu entfernen, beweist sein futuristischer Action-Thriller „Die Insel“. Mit einer gut durchdachten Hintergrundgeschichte zum Thema Klonen bietet Bay eine hochspannende, actiongeladene, spektakuläre Hatz.

2019: Lincoln Six-Echo (Ewan McGregor) und Jordan Two-Delta (Scarlett Johansson) sollten eigentlich glücklich sein. Sie leben mit Tausenden weiterer Insassen in einer utopischen, hermetisch von der (angeblich) kontaminierten Außenwelt abgeschotteten Wohneinheit in Sicherheit. Ihr Tagesablauf wird vom System und dem Personal der Anlage klar geregelt, aber außer dem latent rebellischen Lincoln ist niemand so recht unzufrieden mit seinem monotonen Alltag. Albträume, in denen er ertrinkt, quälen ihn. Immer ungeduldiger stellt er sein Eingeschlossensein in Frage. Das missfällt dem Institutsleiter Merrick (Sean Bean), der ihn im Auge behalten will. Die Bewohner werden bei jedem ihrer Schritte überwacht – zu ihrer Sicherheit, wie es heißt, aber in Wahrheit ist die Einrichtung ein Gefängnis. Das einzige, was die Insassen aber wirklich bei Laune hält, ist die Aussicht in der Lotterie zu gewinnen und auf Die Insel ausreisen zu dürfen - dem letzten Ort, der nicht von der Katastrophe betroffen ist („The world's last paradise“). Doch durch seine Neugier findet Lincoln Six-Echo heraus, dass alles eine große Lüge ist. Er schnappt sich seine Freundin Jordan Two-Delta und flieht... Merrick setzt den Sicherheitsspezialisten Laurent (Djimon Hounsou) und dessen Team auf die Flüchtigen an...

DreamWorks-Chef Steven Spielberg („Krieg der Welten“) höchstpersönlich brachte das Projekt „Die Insel“ ins Rollen. Michael Bay („Bad Boys“, „Bad Boys II“, „Pearl Harbor“, „The Rock“, „Armageddon“) erklärt die Entstehungsgeschichte: „Steven rief mich eines Abends an und sagte: ‚Ich schicke dir ein Drehbuch, das du noch heute Abend lesen musst.’ Es traf erst gegen 23 Uhr ein und war 140 Seiten lang, aber ich habe es nicht aus der Hand gelegt und beendete es gegen 3 Uhr morgens. Es gefiel mir sehr, also rief ich morgens an und sagte: ‚Ich mach’s!“ Mit einem flotten Budget von 122 Millionen Dollar ausgestattet, durfte sich Bay an die Arbeit machen. Ein Projekt ganz nach seinem Geschmack. Ein riesiges Budget, monumentale Sets, Heerscharen von Statisten, jede Menge digitale Effekte und reichlich Action. Doch zu den üblichen Bay-Zutaten gesellte sich diesmal noch etwas anderes: eine intelligente Story, die Caspian Tredwell-Owen („Jenseits aller Grenzen“) entwickelt hat und die er mit Alex Kurtzman („Mission: Impossible III“, „Die Legende des Zorro“) und Roberto Orci („Mission: Impossible III“, „Die Legende des Zorro“) zu einem packenden Drehbuch verarbeitete.

Anspruch und Michael Bay: Da werden viele pikiert aufjaulen und diese Kombination zu einer Utopie erklären, was sich auch einige US-Kritiker, die Bay fast schon feindselig gegenüber stehen, nicht nehmen ließen. Der Hintergrund um die Klon-Thematik wird in der ersten Stunde des Films sorgsam ausgebreitet und funktioniert mit einer in sich stimmigen Logik. Die Klone werden unter der Erde als menschliches Ersatzteillager gezüchtet, ihr Preis: fünf Millionen Dollar – ein grausiger Gedanke, der einen emotionalen Kontakt zu den Figuren herstellt und Sympathie transportiert. Die Entscheidung, die Geschichte konsequent aus der Sicht der Klone zu erzählen, fördert die Identifikation mit dem Publikum zusätzlich.

Nach der Flucht aus der Menschenfabrik zurück an die Erdoberfläche wechselt „Die Insel“ die Gang- und Tonart. Die Zukunftsutopie tritt nun in den Hintergrund und – diesen kleinen Vorwurf muss sich Bay machen lassen – ein hochspannender, rasanter, aber im Grunde doch konventioneller Action-Thriller dominiert fortan das Geschehen. Die Bezüge zum Klon-Thema keimen noch auf, aber nur am Rande. In rasenden Verfolgungsjagden hetzt Bay sein Personal über die Leinwand. Dabei verfällt er wieder in seine alten Manierismen und ist das ein oder andere Mal zu nah an seinen Protagonisten und auch die schicken Zeitlupensequenzen dürfen nicht fehlen. Aber Bay weiß, wie krachendes Popcorn-Kino zu inszenieren ist und genau das präsentiert er seinem Publikum. Er behauptet keineswegs, einen zweiten „Blade Runner“ zu drehen, sondern lediglich einen atemberaubenden, in der Zukunft angesiedelten Action-Thriller mit einem gewissen Grad an Tiefgang. Allerdings ist der Background der Story wesentlich besser entwickelt, als die Charaktere selbst, die sich auf markante Grundzüge beschränken, was jedoch in Ordnung geht und den Film flott voran trägt.

Optisch ist „Die Insel“ ein Ereignis. Die Welt der Wohntürme unter der Erde ist in kühlen, krassen Schwarz-, Weiß- und Grautönen gehalten, während sich nach dem Ausbruch die volle Farbvielfalt ausbreitet. Ein brillantes Konzept. Die Produktionswerte sind natürlich - wie bei Bay üblich - vom Feinsten. Die Höhepunkte sind zum Beispiel die 25 Millionen Dollar teure futuristische Yacht und ein Sportwagen-Prototyp von Cadillac im Wert von sieben Millionen Dollar – diesen durfte sich Bay von General Motors (er drehte früher Clips für GM) ausleihen.

Die interessante Story, die klare Bezüge zu „Flucht ins 23. Jahrhundert“, „Blade Runner“, „Gattaca“, „Matrix“, „Minority Report“ „Coma“ und selbst zu „The 6th Day“ aufweist, wird die Stars des Films angelockt haben. Ewan McGregor und Scarlett Johansson sind sicherlich nicht die ersten, die dem Filmfreund zu einem Michael-Bay-Actioner einfallen. McGregor („Moulin Rouge“, „Star Wars: Episode I-III“, „Trainspotting“) trägt die Bürde, einen potenziellen Blockbuster tragen zu müssen, ohne Mühe. Er verleiht seinem kritischen Geist Glaubwürdigkeit und versprüht viel trockenen Witz, der den gesamten Film durchzieht. Die Aufgabe einer Doppelrolle bereitet McGregor, der später auf sein zweites Ich trifft, keine Probleme. Scarlett Johansson („Lost In Translation“, „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“, „Reine Chefsache“) muss in ihrem Action-Debüt weniger die unerschrockene Heroine geben, sondern vielmehr durch fein nuancierte Naivität, die sich langsam verflüchtigt, glänzen. Im Gegensatz zu Lincoln Six-Eco stellt Jordan Two-Delta nicht alles in Frage und wacht erst auf, als ihr Mitinsasse sie mit der Nase darauf stößt und sie die Wahrheit erkennt.

Die Riege der Nebendarsteller ist ebenso exzellent besetzt wie die Topstars. Während Sean Bean („Herr der Ringe - Trilogie“, „Das Vermächtnis der Tempelritter“) eine Art Standardbösewicht gibt, der sich den Konventionen eines Actionfilms unterordnen muss, ist Steve Buscemi („Fargo“, „The Big Lebowski“, „Big Fish“) als Sidekick, der den Flüchtigen hilft und als Bindeglied zwischen Menschen und Klonen fungiert, ein echter Volltreffer. Buscemi liefert die coolen Sprüche, ohne peinlich zu sein. Das hat einen hohen Unterhaltungswert. Auch Djimon Hounsou („In America“, „Amistad“) kann als Jäger mit Moral durch Charisma voll überzeugen.

Einen echten Aufreger hat „Die Insel“ auch noch zu bieten: Offensichtliches Product Placement kennzeichnet den ganzen Film in bester James-Bond-Manier, doch die Krone dieser fragwürdigen Praxis ist die Einbindung von Johanssons Calvin-Klein-Spot in die Handlung. Ob dies nun genial (ja, die Szene funktioniert prächtig) oder eine Frechheit (Schleichwerbung ohne Schleichen) ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. „Die Insel“ ist trotz kleinerer Schwächen Michael Bays bester Film, weil er seine Zuschauer famos unterhält und dabei interessante Ideen anbietet. Die anspruchsvolle Story ist nicht Bays Hauptanliegen, aber eine Krücke der Handlung ist sie gewiss nicht, sondern ein fesselnder Hintergrund. Paradox: Ausgerechnet Bays Primus floppte in den USA. Trotzdem: „Die Insel“ ist bestes Sommerkino: spektakulär, spannend, spaßig! The Island rocks... Link-Tipp: Kritik zum "The Island"-Soundtrack"
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