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    Blue Steel
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Blue Steel
    Von Andreas Staben
    Als die Sängerin, Schauspielerin und Gelegenheitsregisseurin Barbra Streisand (Is' was, Doc?, „Funny Girl“, „Yentl“) bei der Oscar-Verleihung 2010 den Preis für die Beste Regie überreichte, kommentierte sie die Entscheidung mit einem jubilierenden „Es ist soweit!“, denn nach mehr als achtzig Jahren ging die Auszeichnung endlich das erste Mal an eine Frau. Das Publikum erhob sich von den Sitzen: Hollywood gratulierte sich mindestens ebenso sehr selbst wie der Siegerin Kathryn Bigelow. Sie gewann mit dem vergleichsweise bescheiden produzierten Irakkriegs-Thriller The Hurt Locker gegen den Über-Blockbuster Avatar und triumphierte dabei ausgerechnet gegen ihren Ex-Ehemann James Cameron. Was schlagzeilenträchtig im Wechsel als „Battle of the Sexes“ und als „Battle of the Exes“ dargestellt wurde, war eigentlich ein freundschaftlicher Wettstreit zweier ähnlich talentierter Action-Regisseure. Aber was längst selbstverständlich sein sollte, ist im männerdominierten Filmgeschäft mehr noch als in anderen Bereichen weiterhin eine bemerkenswerte Ausnahme und so ist Bigelows hochverdiente Auszeichnung die passende Pointe in der ganz besonderen Karriere einer lange Unterschätzten, deren Werk nun neue Aufmerksamkeit erfährt. Bereits bei ihren ersten Filmen fiel das visuelle Gespür der gelernten Malerin auf, auch der kantige Cop-Thriller „Blue Steel“ von 1989 bildet da keine Ausnahme. Und seine Protagonistin setzt sich wie seine Regisseurin in einer Männerwelt durch...

    Megan Turner (Jamie Lee Curtis) ist eine frischgebackene Polizistin in New York, die an ihrem allerersten Tag im Dienst einen Supermarkträuber erschießt, als dieser ihre Warnungen ignoriert und die Waffe gegen sie zieht. Im Chaos nach den Schüssen greift sich einer der am Boden liegenden Kunden des Ladens, der Börsenmakler Eugene Hunt (Ron Silver), die .44-er des Täters und verschwindet unbemerkt. Ohne dieses Beweisstück wird Megans Schilderung der Vorgänge von ihren Vorgesetzten Stanley Hoyt (Kevin Dunn) und Nick Mann (Clancy Brown) bezweifelt. Sie wird suspendiert. Eugene ist unterdessen wie besessen von dem Erlebnis im Supermarkt, erschießt einen Mann auf der Straße und sucht Megans Nähe. Sie geht mit ihm aus, ohne zu ahnen, mit wem sie es zu tun hat...

    Anders als Kolleginnen wie Nora Ephron (Schlaflos in Seattle, Julie & Julia) und Nancy Meyers (Was Frauen wollen, Wenn Liebe so einfach wäre), die im vermeintlich typisch weiblichen Fach der romantischen Komödie erfolgreich sind, hat sich Bigelow mehr als einmal als Virtuosin des adrenalingeschwängerten, gemeinhin den Männern vorbehaltenen Spannungskinos bewiesen. Selbst im gefloppten U-Boot-Thriller K-19: Showdown in der Tiefe wartet die Regisseurin mit einigen atemberaubenden Sequenzen auf, die keine Konkurrenz zu scheuen brauchen. Bigelows Protagonisten sind oft auf der Suche nach dem ultimativen Kick, sei es nun beim Surfen auf der perfekten Welle, beim Fallschirmspringen und beim Banküberfall wie in der philosophisch überhöhten Räuberpistole Gefährliche Brandung oder beim obsessiven Trip in virtuelle Parallelwelten wie in der apokalyptischen Millenniumsvision Strange Days, was in den dynamischen Inszenierungen Bigelows, deren Kamera stets mittendrin ist und oft die Perspektive der Figuren einnimmt, adäquat zum Ausdruck kommt. In diesem Sinne ist Jeremy Renners Bombenentschärfer unter ständiger Hochspannung aus „The Hurt Locker“ ein typischer Bigelow-Held in einem typischen Bigelow-Film. Die Sehnsucht nach der Grenzerfahrung und die Lust am Machtgefühl gehen so auch in „Blue Steel“ Hand in Hand.

    Wenn Jamie Lee Curtis auf die Frage, warum sie Polizistin geworden sei, sinngemäß antwortet: „Um Leute erschießen zu können“, dann markiert das die moralische und psychologische Schwelle, um die es in dem Film gehen wird. Schon in der ersten Sequenz sehen wir, wie die Polizistin einen Mann erschießt, der droht, seine Frau umzubringen. Im Anschluss wird sie ihrerseits von dem befreiten Opfer niedergestreckt. Mit der Szene, die sich fast wie in einem James-Bond-Film als Trainingssimulation erweist, steckt Bigelow geschickt das thematische Terrain ab. Die in die Katastrophe mündende häusliche Gewalt und die Untiefen der Geschlechterbeziehungen kennt Megan allzu genau: Ihre Mutter Shirley (Louise Fletcher, Einer flog über's Kuckucksnest) wird von ihrem Vater Frank (Philip Bosco, Wonder Boys) geschlagen und so ist Megans Berufswahl natürlich ein ganz persönlicher Emanzipationsversuch. Die legitime Motivation, sich und andere schützen zu wollen, ist aber unverkennbar mit einer Faszination für die Autorität von Waffe und Uniform verbunden. Fast liebkosend erforscht die Kamera in der Titelsequenz den blauen Stahl eines Revolvers und wenn Megans Dienstwaffe dann zum Einsatz kommt, schießt sie alle Kammern leer. Bigelow multipliziert dazu die Einstellungen von dem durch die Wucht durch das Fenster beförderten Gauner. Schock und Befriedigung sind nicht auseinanderzuhalten.

    Als Eugene Zeuge des Geschehens im Supermarkt wird, passiert etwas mit ihm, das ihn vom seriösen Börsenmakler zum psychopathischen Killer werden lässt. Die .44er auf dem Boden vor ihm wird für ihn ebenso wie die Polizistin mit der vorbildlichen Schusshaltung zur erotischen Attraktion. Er ritzt Megans Namen in die Patronen, die er für seine Mordtaten verwendet. Es geht hier allerdings nicht um eine psychologisch schlüssige Charakterentwicklung und so wird Eugenes Verhalten nicht erklärt. Die dunkle Seite ist in dem charmanten Mann, der Megan in feine Restaurants und zu einem Hubschrauberflug über New York mitnimmt, nicht zu ahnen, aber wenn wir ihn im hektischen Treiben auf dem Börsenparkett sehen, dann scheint die Menschlichkeit aus seinem Gesicht zu weichen. Der ganze Film ist in kaltes Grau und Blau getaucht, das seelenlose Umfeld scheint von den Menschen Besitz zu ergreifen – hier verbindet sich das Stilbewusstsein von Bigelow mit einem gesellschaftskritischen Impuls, der sicher auch auf den Einfluss des Produzenten Oliver Stone zurückzuführen ist, der das Haifischbecken Wall Street nur zwei Jahre zuvor selbst ins Visier genommen hatte.

    In Eugene kommt die Krankheit der Gesellschaft zum Ausbruch. Wenn er außerhalb jeder Logik und einiger physikalischer Gesetze plötzlich wie aus dem Nichts auftaucht und Megans letztes Idyll zerstört, dann ist er wie ein Virus, gegen das es kein Serum gibt und erinnert zugleich an andere Bösewichte aus dem Schaffen von Co-Autor Eric Red („Hitcher – Der Highwaykiller“, 100 Feet), der auch schon an Bigelows Near Dark beteiligt war. Ron Silver (Ali, „Die Affäre der Sunny von B.“) verzichtet dabei in seiner Darstellung zum Glück auf exzessive Serienkillerklischees, er wirkt vielmehr noch in seiner Besessenheit fast unschuldig, ähnlich wie Megans Vater, der sich seine Gewaltausbrüche auch nicht erklären kann.

    Das ambivalente Verhältnis der Hauptfigur zur Gewalt ist ein Standardmotiv des Polizeithrillers bis hin zur Suspendierung wegen exzessiven Handelns. Während bei männlichen Helden allerdings meist wenig Zweifel an der Nachvollziehbarkeit ihres Tuns gelassen wird, trifft Megan auf Unglauben und Unverständnis ihrer Vorgesetzten. Und wenn Jamie Lee Curtis (Ein Fisch namens Wanda) sich dann der Nachstellungen Eugenes erwehren muss, wird Megan gar zur Verwandten von Laurie Strode in John Carpenters Halloween, aber die Scream Queen hat sich von der Opferrolle emanzipiert: Mit Verve und Überzeugung erobern Curtis und ihre Regisseurin eine männliche Domäne.
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