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Maria voll der Gnade
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Maria voll der Gnade
Von Jürgen Armbruster
Filme, die sich mit dem südamerikanischen Drogenmarkt beschäftigen, neigen all zu oft zur Dämonisierung der Täter. Selbst in Steven Soderberghs meisterhaften Episoden-Drama „Traffic“ ist eine leichte Tendenz zur Schwarz-Weiß-Malerei unverkennbar. Oftmals liegt der Fokus nur auf den Drahtziehern des regen Drogenhandels. Doch was für Menschen sind es, die letztendlich die Drogen in die USA transportieren? Joshua Marston gibt mit „Maria voll der Gnade“ die Antwort: Menschen wie du und ich.

Maria Alvarez (Catalina Sandino Moreno) ist eine lebensfrohe, junge Frau, die es im Leben weit bringen könnte. Ihr Problem ist nur, dass sie in die Armut einer kolumbianischen Kleinstadt hinein geboren wurde. Statt die Welt um sie herum zu erkunden, arbeitet sie Tag für Tag für einen Hungerlohn in einer Blumenfabrik. Ihr einziger Lebensinhalt besteht im zusammenschnüren von Rosen für die reichen, amerikanischen Abnehmer. Ihre beste Freundin Blanca (Yenny Paola Vega) ist ein naives, junges Ding, das sich ihrem Schicksal hingibt und ihr Freund Juan (Wilson Guerrero) ein Langweiler, mit dem sie zwar ihre Zeit verbringt, ihn aber nicht liebt. Als Maria dann von Juan schwanger wird, stürzt sie in eine schwere Krise. Auf einem Dorffest lernt sie den aus ihrer Sicht ungemein coolen Franklin (John Álex Toro) kennen. Dieser nimmt sie mit in die Stadt und macht sie mit dem Drogenboss Javier (Jaime Osorio Gómez) bekannt. Trotz aller Bedenken ist Maria sofort von dessen väterlicher Freundlichkeit und der Chance auf den schnellen Reichtum geblendet. Sie wird zu einem der zahlreichen „Maulesel“…

Was ist unter einem „Maulesel“ zu verstehen? Ein „Maulesel“, auch „Schlucker“ genannt, ist nichts weiteres als ein Drogenkurier, der die Ware in Kapseln verpackt in seinem eigenen Körper schmuggelt. Eine solche Kapsel enthält rund zehn Gramm Heroin oder Kokain. Ein durchschnittlicher Kurier schluckt dabei rund 80 bis 125 Kapseln und verdient mit einer Reise zwischen 5.000 und 8.000 Dollar. Setzt man dies im Verhältnis zum durchschnittlichen Jahreseinkommen eines Kolumbianers (~ 1.830 Dollar) ist klar, dass viele aus ärmlichen Verhältnissen stammende Menschen (was bei rund 80 Prozent der kolumbianischen Landbevölkerung der Fall ist) darin die große Chance sehen und wider der eigenen Moral handeln. So nutzen die Drahtzieher im Hintergrund die Notlange vollkommen mittelloser Menschen aus und bleiben selbst anonym.

Doch kommen wir zurück zu „Maria voll der Gnade“. Regisseur und Drehbuchautor Joshua Marston wurde erstmals auf die Geschichte aufmerksam, als er eine Frau kennen lernte, die früher selbst Kokainkapseln geschluckt und geschmuggelt hat. Ausgehend von dieser wahren Geschichte schuf Marston einen Film, der sich intensiv mit den menschlichen Abgründen auseinander setzt. Natürlich verläuft Marias Reise nicht ganz so rund, wie es geplant war. Um das Risiko zu minimieren, werden immer mehrere Schlucker in einem Flugzeug platziert. Die Rechnung ist einfach. Fliegt einer auf, steigen für die anderen die Chance durch zu kommen. Eine der zusätzlichen Schlucker ist Marias Freundin Blanca, deren Naivität beide noch in ernsthafte Probleme bringen wird. Dann wäre da noch Lucy (Guilied Lopez), der eine der Heroinkapseln im Magen platzt. Und in der Mitte Maria, die über sich selbst heraus wachsen muss.

Im Mittelpunkt von „Maria voll der Gnade“ steht Newcomerin Catalina Sandino Moreno. Und die junge Kolumbianerin ist eine echte Entdeckung. Auf der diesjährigen Berlinale wurde sie mit dem Silbernen Bären als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet und am Ende winkte gar eine überraschende Oscar-Nominierung für die 23-jährige Mimin. Immer wieder wird ihre Maria mit Situationen konfrontiert, in denen es eine schwere Entscheidung zu treffen gilt. Dabei gelingt es ihr, ohne große Worte große Gefühle zum Publikum zu transportieren. Es sind vor allem ihre wundervollen braunen Augen, die einen in ihren Bann ziehen. Und ihr äußeres Erscheinen dürfte für ihre weitere Karriere auch nicht gerade hinderlich sein. Ansonsten weiß vor allem Patricia Rae als Lucys Schwester Carla, der im weiteren Verlauf der Geschichte eine wichtige Rolle zu Teil wird, zu überzeugen. Yenny Paola Vega ist für die Handlung zwar auch noch von größerer Bedeutung, hat als Blanca allerdings einen dankbaren Part erwischt.

„Maria voll der Gnade“ ist ganz unbestritten ein wichtiger Film, da er dem Publikum einen bisher unbekannten Teil des internationalen Drogenhandels näher bringt. Es ist eben nicht immer alles so, wie es zunächst scheint. Joshua Marston nähert sich diesem heiklen Thema mit viel Fingerspitzengefühl. Eine faszinierende und vor allem ehrliche Geschichte ohne heuchlerische Hollywood-Moral sowie eine glänzend aufgelegte Hauptdarstellerin. Dieses billig produzierte kolumbianische Independent-Werk hat all das zu bieten, was ein guter Film braucht.
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