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Infernal Affairs II
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Infernal Affairs II
Von Björn Becher
Es ist immer wieder das Gleiche. Ein Film wird ein riesengroßer Erfolg und plötzlich treten die Macher an die Öffentlichkeit und teilen mit, dass man das Ganze von Anfang als Trilogie geplant habe, und nun zwei weitere Teile folgen werden. Das geschehe natürlich nicht aus finanziellen Gründen. Der Erfolg solcher Folgeteile ist höchst unterschiedlich, wie die Historie gezeigt hat. Manch Filmemacher geht sogar so weit, dass aus den drei Teilen noch einige Jahre später plötzlich sogar sechs Teile werden. Alles natürlich nicht aus finanziellen Gründen, sondern schon immer so geplant, oder nicht Mr. Lucas? Nachdem die Regisseure Alan Mak und Andrew Lau 2002 mit ihrem Film Infernal Affairs nicht nur die Kinorekorde in ihrer Heimat Hongkong brachen, sondern mit dem atmosphärisch sehr dichten, dramatischen und spannenden Thriller rund um dem Globus sowohl Zuschauer als auch Filmkritiker in Verzückung versetzten, gab es wohl ähnliche Überlegungen bei ihnen. Schnell waren zwei weitere Teile parallel abgedreht.

Der zweite Teil spielt dabei ca. zehn Jahre vor der Handlung des ersten. Inspektor Wong (Anthony Wong) ist zwar schon in den höheren Rängen der Polizei, doch bis nach ganz oben ist es noch ein weiter Weg. Zudem ist sein bester Freund ein Gangster. Sam (Eric Tsang) ist zwar schon Boss einer Gang, doch noch nicht die ganz große Nummer. Mit vier weiteren Familien steht sein Clan auf der zweiten Stufe, wobei er die kleinste Familie der fünf hat. Über allem thront die Familie Ngai, die mit eiserner Hand das Verbrechen in Hongkong kontrolliert und nicht nur Wong wünscht sich, dass die Familie abdankt. Als das Familienoberhaupt stirbt, scheint es soweit zu sein. Doch schneller als gedacht, übernimmt der Sohn des Oberhauptes Ngai Wing-Hau (Francis Ng) die Familiengeschäfte und schafft es, mit Drohungen die anderen Familien weiter unter sich zu halten. Wong gefällt dies nicht, er weiß, wie schwer es wird, Ngai zu stürzen. Er schleust mit seinem Halbbruder Yan (Shawn Yue) einen Spitzel bei Ngai ein. Auch Sam hat einen Spitzel. Auf Anraten seiner Frau Mary (Carina Lau) schickt er den jungen Lau (Edison Chen) auf die Polizeischule.

Vier Jahre später: Die Maßnahmen von Wong haben nichts gebracht. Ngai ist immer noch der größte Boss von Hongkong und für die Polizei trotz des Spitzels Yan nicht dingfest zu machen. Währenddessen hat sich Lau in der Polizei schon langsam hochgearbeitet und beginnt für Sam nützlich zu werden. Plötzlich scheint sich alles zu wenden. Ngai kündigt an, abtreten zu wollen. Das Geschäft soll unter den fünf Familien aufgeteilt werden, wobei Sam das größte Stück vom Kuchen abbekommen soll, was ihn zur Nummer eins in Hongkong machen würde. Doch das ist eine Finte. Ngai will alle töten, um jegliche Gefahren von dieser Seite zu beseitigen. Die beiden Freunde Wong und Sam müssen, obwohl sie auf verschiedenen Seiten stehen, zusammenarbeiten. Es geht um ihr Leben und um ihre Karrieren und sie wissen, dass wenn sie am Ende beide noch leben, danach erbitterte Feinde sein werden müssen...

Im Gegensatz zum Vorgänger liegt die Gewichtung des Films nun deutlich weniger auf den beiden „Maulwürfen“ Yan und Lau. Im ersten Teil besteht der Hauptaspekt noch darin, dass man zum einen eindringlich geschildert bekommt, wie der Gangster das erfolgreiche Leben eines neuen Stars der Polizeiszene lebt und sichtlich daran Gefallen findet, was zu Konflikten mit seiner eigenen Herkunft führt und zum anderen, wie der eigentliche Cop das Leben eines Gangsters führen muss, mit allem, was dazu gehört (u.a. Drogen) und innerlich dabei kaputt geht. Nun konzentriert sich der Film deutlich stärker auf die beiden Masterminds im Hintergrund, die zwar schon im ersten Teil eine gewichtige Rolle hatten, doch nun noch stärker beleuchtet werden.

Das ist auf jeden Fall schon einmal insoweit ein Vorteil, dass dadurch gewährleistet wurde, dass das hohe schauspielerische Niveau des ersten Teils problemlos gehalten wird. Nun dominieren zwar nicht mehr Tony Leung und Andy Lau mit ihrem überragenden Spiel den Film, aber Eric Tsang (Blood Brothers - Jiang Hu, Invisible Waves) und Anthony Wong Chau-sang (Hard Boiled, The Mission The Painted Veil) gehören ebenfalls zur ersten Garde Hongkongs und zeigen hier eindrucksvoll, dass dies zu Recht so ist. Sie schaffen es, wie Leung und Lau im ersten Teil, nun den zweiten zu tragen. Eine Aufgabe, die für die beiden jungen Darsteller Edison Chen (Der Fluch - The Grudge 2, Dog Bite Dog) und Shawn Yue (Dragon Tiger Gate, Dragon Tiger Gate) trotz des Talents, über das beide unzweifelhaft verfügen, wohl noch zu groß gewesen wäre.

Durch den neuen Handlungsschwerpunkt zeigen die Regisseure dem Zuschauer zudem die Vorgeschichte für den später spielenden ersten Teil und erzeugen dadurch ein noch besseres Bild ihrer Figuren. Steht schon im ersten Teil eine intensive Charakterisierung aller Figuren in der Priorität deutlich vor der Action, so werden im Nachfolger diese noch verfeinert. Man muss den beiden Regisseuren vielleicht nicht glauben, dass sie von Anfang an auf eine Trilogie aus waren, zumindest haben sie sich aber noch einmal ein komplexeres Bild zu jeder ihrer Figuren schon im Vorhinein erdacht. In Teil zwei werden viele Handlungsstränge erzählt, die dafür sorgen, dass einem die zwei Antagonisten des ersten Teils noch vertrauter werden. Man lernt sie noch besser kennen und wird immer wieder durch Details in den Vorgeschichten der beiden überrascht, deren Kenntnis den ersten Teil noch besser werden lässt.

Die Beziehungen aller Charaktere untereinander sind in höchstem Maße kompliziert, klare Grenzen zwischen den einzelnen Seiten Cops und Gangster existieren nicht, sondern überall gibt es Interaktionen und gemeinsame Vergangenheiten. Auf die Spitze treiben es die beiden Regisseure dann dadurch, dass dem Zuschauer am Ende klar wird: Sowohl zwischen Sam und Lau als auch zwischen Wong und Yan gibt es einen massiven Vertrauensbruch. Besonders pikant, wenn man um die Konstellation des ersten Teils weiß, denn der Einzige, dem Lau richtig vertrauen kann ist Sam und der Einzige, dem Yan überhaupt vertrauen kann und der weiß, dass er zur Polizei gehört, ist Wong.

Glücklicherweise vergessen die beiden Regisseure bei der Erzählung der Vorgeschichte ihrer Protagonisten auch nicht die eigentliche Thrillerhandlung. Diese erreicht zwar an Komplexität und Dichte nicht ganz den ersten Teil, vermag aber trotzdem ungemein zu fesseln und bietet immer wieder kleinere überraschende Wendungen. Das Ganze fällt sogar einen Tick actionreicher aus als im Vorgänger, wobei die „Infernal Affairs“-Trilogie trotz einzelner Actionszenen sicher nicht als Action-Thriller, sondern als Thriller-Drama verstanden werden sollte (was vor allem auch in Infernal Affairs III sehr deutlich wird).

Formal kann man den beiden Regisseuren und ihrer Crew sowieso wieder nur die Bestnote ausstellen. Sowohl Kamera, Schnitt als auch Score passen wie schon zuvor perfekt zu jeder Szene. Zudem erhöhen die Regisseure die Authentizität, in dem sie die über den Zeitraum von sechs Jahren stattfindenden Handlung am Ende noch in den historischen Kontext der Übergabe von Hongkong durch die Engländer an die Chinesen einbetten. So muss der zweite Teil insgesamt den Vergleich mit dem Vorgänger nicht scheuen und liegt qualitativ nur marginal hinter diesem.
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