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Einer von uns beiden
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Einer von uns beiden
Von Björn Becher
In der jüngeren Vergangenheit war wieder ein stärkeres Interesse an deutschen Regisseuren in Hollywood zu verzeichnen. Ob Oliver Hirschbiegel (Invasion), Mennan Yapo (Die Vorahnung), Christian Alvart (Case 39) oder Robert Schwentke (Flightplan), sie alle gaben in der letzten Zeit ihr Hollywooddebüt. Wenn man von deutschen Filmemachern in den USA spricht, wird es für sie aber noch ein langer Weg sein, bis man sie in einem Atemzug mit Roland Emmerich und Wolfgang Petersen nennen wird. Der eine lässt mit riesigem Millionenbudget am liebsten halb Amerika untergehen (Emmerich), während der Andere (Petersen) kleinere, aber nicht billigere Katastrophenszenarien entwirft, die mal auf einem Schiff (Der Sturm, Poseidon) oder im Flugzeug („Air Force One“) spielen. Während Emmerich trotz Fingerübungen wie „Das Arche-Noah-Prinzip“ oder „Moon 44“ nie in Deutschland die Möglichkeit sah, seine Visionen zu verwirklichen und daher recht schnell nach Hollywood drängte, machte Petersen erst in seiner Heimat Karriere, stieg dort zum bekannten TV-Regisseur und dann zum Kinoregisseur auf, bevor er den Schritt über den großen Teich machte. Aus jener Zeit gibt es eine Menge kleiner Perlen, die sich als äußerst gegensätzlich zu Petersens heutigem Schaffen erweisen. Nach Bombast sucht man vergeblich, stattdessen gibt es eine deutliche Handlungskonzentration. Eines dieser Kleinode ist Petersens Kinodebüt „Einer von uns beiden“, ein cleverer und spannender Thriller um ein Psychoduell zweier Männer, die schließlich bis zum Äußersten gehen, um den Anderen eine entscheidende Niederlage beizubringen.

Der Endzwanziger Bernd Ziegenhals (Jürgen Prochnow) lebt nur noch perspektivlos in einer Wohngemeinschaft mit diversen schrägen Gestalten, darunter die Prostituierte Miezi (Elke Sommer), vor sich hin. Sein Studium hat er geschmissen und er hofft vergeblich auf die Veröffentlichung einer verfassten Arbeit. Durch einen großen Zufall entdeckt er plötzlich, dass die Promotionsarbeit des hoch angesehenen Professors Kolczyk (Klaus Schwarzkopf) lediglich die Übersetzung einer amerikanischen Arbeit ist. Er beschließt, Kolczyk zu erpressen, verlangt von ihm 10.000 Mark sofort und eine monatliche Rente von 1.500 Mark. Kolczyk willigt erst einmal ein, um dann einen Ausweg zu suchen. Dazu versucht er auch bei Miezi Erkundigungen über seinen Erpresser einzuholen. Die träumt gerade vom Ausstieg aus ihrem Beruf und hat dafür genug Geld gespart. Nun ist aber ihr gewalttätiger Ex-Freund und Ex-Zuhälter Prötzel (Claus Theo Gärtner) aus dem Gefängnis gekommen und lauert ihr auf. Kurz darauf ist Miezi tot, ihr gespartes Geld verschwunden. Bei ihren Ermittlungen entdeckt die Polizei schnell, dass Miezi zum Tatzeitpunkt mit Kolczyk verabredet war und kommt auch hinter die Geldflüsse zwischen Kolczyk und Ziegenhals. Plötzlich sehen sich beide als Hauptverdächtige der Mordermittlungen. Der Hass zwischen ihnen steigert sich dadurch noch weiter und ein grausames Psychoduell nimmt seinen Lauf.

Auf Wolfgang Petersens Weg zum Hollywood-Blockbuster-Regisseur gibt es einige wichtige Zwischenstationen. Da sind vor allem Das Boot (1981), der sechs Oscar-Nominierungen kassierte und Petersen den Durchbruch in den USA brachte, oder „Die unendliche Geschichte“ (1984), dem damals teuersten deutschen Kinofilm. Doch solche nationale Großprojekte bekam der Ostfriese auch nur angetragen, weil er zuvor schon sein Talent mehrfach eindrucksvoll demonstriert hatte. Da sind desweiteren die Fernsehproduktion „Die Konsequenz“, die aufgrund ihres offenen Umgangs mit Homosexualität für einen Skandal sorgte, oder der legendäre „Tatort“-Krimi „Reifezeugnis“ (beide 1977), der auch wegen den Nacktszenen mit Nastassja Kinski zu einem der bekanntesten und erfolgreichsten Filme der Reihe wurde. Und dann natürlich „Einer von uns beiden“, seine erste Arbeit für das Kino.

Petersen hat sein Kinodebüt bewusst kommerziell inszeniert, wollte nicht in die Nähe des kopflastigeren, künstlerischen deutschen Autorenfilms jener Zeit gerückt werden. Kommerziell heißt aber nicht eintönig oder trivial, ganz im Gegenteil. Es bedeutet einfach nur, dass die Geschichte ohne große ausufernde Mätzchen im Vordergrund steht. Das ist ein Vorteil, denn die Story ist das Prunkstück des Films und überzeugt vor allem mit ihrer exakten Figurenzeichnung. Es sind nicht die klassischen Antagonisten, die sich gegenüber stehen. Es gibt kein Gut, kein Böse, sondern zwiespältige interessante Charaktere, die sich entweder ein grausames Spiel liefern oder ohne ihr Wissen zum Teil dieses bösen Scharmützels werden. Es ist die interessante Ausgestaltung der Figuren, die Petersen bis zum konsequenten, brutal-zynischen Schluss durchhält, die sein Werk deutlich vom gewöhnlichen Thriller abhebt. Da verzeiht man dem damals jungen (er war 32 Jahre alt) Petersen auch, dass „Einer von uns beiden“ nicht unbedingt durchweg großartig inszeniert, sondern bisweilen einfach nur handwerklich ordentlich gemacht ist. Denn störend fällt das selten auf, stattdessen kann Petersen gerade bei einer kleineren Actionszene sein Talent voll ausspielen. Und dass er bei intensiveren Dialogszenen ein paar Mal zu oft auf einen reinen Schuss-Gegenschuss-Aufbau setzt, sieht man ihm auch nach. Immerhin gibt es auch heute noch nur leidlich talentierte Kinohandwerker wie zum Beispiel Gary Fleder, der es in seinem Justiz-Thriller Das Urteil verstand, diese langweilige Schnittanordnung solange durchzuexerzieren bis er jeder Zuschauer gemerkt haben dürfte, dass er es einfach nicht anders kann.

Petersen konnte bei seinem Kinodebüt auf erfahrene und ihm vertraute Darsteller zurückgreifen. Mit Klaus Schwarzkopf arbeitete er schon bei vier „Tatort“-Filmen zusammen (zwei weitere sollten folgen). Die mit reichlich Auslandserfahrung gesegnete Elke Sommer (Baron Blood, Heiße Katzen) darf bis zu ihrem Ableben vor allem gut aussehen und wenig anhaben. Claus Theo Gärtner (der Matula aus „Ein Fall für Zwei“) ist als Brutalo gut besetzt, der alte Haudegen Walter Gross bringt etwas Humor in die Geschichte und Otto Sander (Der Himmel über Berlin, Das Boot, Die Blechtrommel) spielt als Alkoholiker mit Berliner Schnauze seine Paraderolle. Es ist aber vor allem Jürgen Prochnows intensives Spiel, dem ein großes Lob gebührt. Sein Ziegenhals wird immer paranoider, weil er überzeugt davon ist, dass Kolczyk ihn umbringen lassen will. Als der von dieser Angst seines Widersachers erfährt, stachelt er sie zusätzlich an. Er schickt ihm zum Beispiel ein Paket mit einem Wecker, das Ziegenhals natürlich prompt für eine Bombe hält. Auch Ziegenhals beherrscht allerdings das perfide Spiel und macht sich an Kolczyks Tochter (Kristina Nel) heran, nur um den Vater noch weiter zu reizen. Das sorgt dafür, dass die beiden Todfeinde nach außen hin immer mehr wie Freunde auftreten müssen, die bittere Katastrophe aber vorprogrammiert bleibt. Warum Das-Boot-Kaleu Prochnow, der in den vergangenen Jahren bei seiner Rollenauswahl wohl öfter mehr auf den Gehaltsscheck denn auf das Drehbuch geschaut hat (siehe Chain Reaction, Heart Of America, „House Of The Dead“ oder Die Fährte des Grauens) mal als einer der talentiertesten deutschen Darsteller galt und in Hollywood Karriere gemacht hat, wird hier deutlich.

Wer sich mehr für eine spannende Geschichte und intensive Darstellerleistungen als für großes Effektekino interessiert, dürfte mit Petersens frühen Filmen, und mit „Einer von uns beiden“ im Speziellen, deutlich mehr Spaß haben als mit dem ein oder anderen seiner Hollywood-Reißer. Auch wenn die Auszeichnung mit dem „Deutschen Filmpreis in Gold“ vielleicht etwas zu viel des Guten war, bekommt man hier einen packenden Psycho-Thriller vorgesetzt, der beim intensiven Duell Mann gegen Mann wenig Wünsche offen lässt.
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