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    Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo
    Von Anna Lisa Senftleben
    „Vom Schocker zur Schullektüre“ – so oder so ähnlich hätte dieses Jahr eine BILD-Schlagzeile zum 30-jährigen Erscheinungsjubiläum von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ lauten können. Was 1978 noch einen Skandal darstellte, schockt heute niemanden mehr. Der Bahnhof Zoo in Berlins Bezirk Charlottenburg ist immer noch weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt – wenn auch längst kein Treffpunkt für die harte Drogenszene mehr, so hat er von seiner Anziehungskraft für Gestrandete jeglicher Art (von jugendlichen Ausreißern bis zu obdachlosen Flaschensammlern) doch kaum etwas verloren. Christiane Felscherinow, besser bekannt als Christiane F., war ein Kind von Bahnhof Zoo. Es war ihre Geschichte, die die Stern-Reporter Kai Hermann und Horst Rieck anhand von Tonbandprotokollen von Gesprächen mit der damals 15-Jährigen aufschrieben. Zwei Jahre nach der Veröffentlichung des „Skandal-Buchs“ wagten sich Regisseur Uli Edel (Der Baader Meinhof Komplex) und dessen Ex-Kommilitone und Freund Bernd Eichinger (Das Parfum, Der Untergang) an den Stoff und schrieben mit „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ ein Stück deutscher Filmgeschichte.

    1975, Gropiusstadt, Berlin-Neukölln - graue Hochhäuserburgen, vollgepisste Aufzüge und mit Graffiti entstellte Wände: In dieser trostlosen Gegend lebt die 13 Jahre alte Christiane F. (Natja Brunkhorst) mit ihrer Mutter (Christiane Lechle), ihrer Schwester und ihrem Kater. Der Vater ist über alle Berge und die Mutter hat genug mit ihrem Job und dem neuen Freund zu tun. Christiane will einfach nur raus, was erleben. Die vollbusige Kessi (Daniela Jaeger), „der stärkste Typ“ aus Christianes Klasse, nimmt sie mit ins Sound, Europas modernste Discothek. Dort lernt sie nicht nur Detlef (Thomas Haustein) kennen, sondern auch die Wirkung ihres ersten Trips. Nach und nach werden die „Sound-Clique“ und mit ihr die Drogen zur Ersatz-Familie. Alle nehmen H (Abkürzung für Heroin, ausgesprochen: äitsch), nur Christiane lässt anfänglich die Finger von dem Zeug. Doch nach einem David-Bowie-Konzert nimmt sie, schwer enttäuscht von Detlefs Zuneigung zu einer anderen, doch was - fest davon überzeugt, dass sie sich völlig unter Kontrolle hat. Nach der Versöhnung mit Detlef gerät Christiane immer tiefer in die Drogenszene und muss sich bald das Geld für den nächsten Schuss auf dem Straßenstrich am Bahnhof Zoo verdienen.

    Die Lebens-und Leidensgeschichte der Christiane F. ging erst kürzlich in die nächste Runde, als überall zu lesen war, dass sie ihren Sohn vernachlässige und erneut den Drogen verfallen sei. Die Drogen prägen seit nun mehr als 30 Jahren das Leben dieser Frau, deren Geschichte zum Standardrepertoire des Deutschunterrichts geworden ist. Uli Edel bemüht sich in seinem Regiedebüt „Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ um größtmögliche Authentizität: Gedreht wurde an Originalschauplätzen, das Spiel der jugendlichen Laiendarsteller ist erstaunlich intensiv und die Atmosphäre düster-depressiv. Diese miese Stimmung bekommt der Zuschauer bereits in der Titelsequenz zu spüren: Das lolitahafte Gesicht von Christiane F. füllt das Bild völlig aus. Ihre monotone Stimme aus dem Off erzählt: „Überall nur Pisse und Kacke, man muss nur genau hinsehen!“ Das hat gesessen.

    Edel lässt jegliches Vorgeplänkel der literarischen Vorlage aus und setzt mitten im „Ghetto“ Gropiusstadt an. Klug gewählt ist auch das Voice Over von Natja Brunkhorsts als Christiane zu Beginn und am Ende, das den dokumentarischen Ansatz des Films eher unterstützt als aufhebt. Dieser Ansatz wird außerdem gestützt durch die Kameraarbeit, vor allem in den Disco-Sequenzen. Wie ein unsichtbarer Beobachter „verfolgt“ die Kamera die jugendlichen Darsteller auf ihren Wegen durch die verrauchten Räumlichkeiten und nimmt so die Position eines Begleiters ein. Der authentische Schlag geht letztlich nicht einmal durch den Gastauftritt David Bowies verloren, der die Szenen von seinem Konzert in der Deutschlandhalle extra für Edels Verfilmung nachdrehen ließ. Christianes großes Idol David Bowie ist allgegenwärtig - und das nicht nur musikalisch. Im Sound und beim nächtlichen Rumtreiben im Europacenter sind seine Hits von „TVC 15“ über „Look Back In Anger“ bis hin zu „Heroes“ zu hören, und Christiane trägt stolz eine „Bowie-Jacke“, die sie später ihrer Freundin Babsi (Christiane Reichelt) abtritt.

    „Wie wird man als 13-jährige Schülerin zur Fixerin? – diese Kernfrage des Buches wird in Edels Film nicht vollends befriedigend beantwortet. Während im Buch neben Christiane F. auch deren Mutter, Sozialarbeiter und Polizisten detailliert berichten, lässt das Drehbuch, das Uli Edel gemeinsam mit Hermann Weigel verfasste, manch wichtiges Detail. So fehlen im Film eben doch einige Hintergründe, die Christianes Drogenkarriere möglicherweise ein wenig nachvollziehbarer gemacht hätten: beispielsweise der brutale Vater sowie der plötzliche Umzug vom idyllischen Land in die trostlose Stadt. Edel und Weigel begründen Christianes Sucht mit einer Mischung aus jugendlicher Neugierde, Frust und Gruppenzwang. Das mag in etwa auch stimmen, dennoch wirkt der Film aufgrund dieser Verdichtung teilweise klischeehaft und Christianes Wandlung von der braven Schülerin zur Fixerin und Straßennutte erfolgt rasant schnell. Dennoch: Edel ist es gelungen, die Geschehnisse im Großen und Ganzen verdammt realistisch auf die Leinwand zu bringen. Dabei verlangte er seinen jugendlichen Darstellern einiges ab: So mussten Natja Brunkhorst und Thomas Haustein neben dem ersten Mal auch einen „kalten Entzug“ darstellen. Diese und andere Szenen, wie etwa die ungeschönt inszenierten Fixer- und Freiersequenzen, führten in den USA und Großbritannien dazu, dass die ursprüngliche VHS-Version um gut vier Minuten gekürzt wurde.

    Brunkhorst und Haustein machen ihre Sache mehr als gut. Mit eiskaltem, maskenartigem Blick holt Christiane ihrem „ersten Freier“ einen runter und in der besagten minutenlangen Entzugs-Sequenz verausgaben sich die beiden Hauptdarsteller völlig. Da werden die Wände vollgekotzt, die taubgewordenen Extremitäten wie Fremdkörper behandelt und vor Schmerzen geschrien und gezittert. Natürlich lässt der Rückfall nicht lange auf sich warten und auch diesen versteht Edel entsprechend zu inszenieren: Begleitet von der psychedelischen Musik Jürgen Kniepers wankt Christiane wie in Trance und doch noch immer mädchenhaft und unschuldig an den Zombies der Drogenszene am Bahnhof Zoo vorbei. Preise gab es dafür auch: die Goldene Leinwand und den Zuschauerpreis auf dem World Film Festival in Montreal.

    Fazit: „Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ mag heutzutage nicht mehr schockieren, doch vor fast 30 Jahren war er ein Skandal. Edel zeigt schonungslos alles: Heroin-spritzende Jugendliche, die auf den Strich gehen, ihre Freiern befriedigen, kalt entziehen und sich letztendlich den Goldenen Schuss setzen. Es lässt sich wahrscheinlich noch ewig weiter darüber streiten, ob der Film Jugendlichen nun zum Drogenkonsum Anreiz gab oder sie eher davon abhielt. Unumstritten ist jedenfalls die Tatsache, dass die Bearbeitung von Buch und Verfilmung immer noch zu Recht auf vielen deutschen und gewiss auch einigen internationalen Lehrplänen steht und die Thematik in der öffentlichen Diskussion kaum an Brisanz verloren hat. Uli Edels „Christiane F.- Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ ist zweifelsohne eine gelungene Drogen-Studie und Adaption des Buches „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ – und ganz nebenbei auch ein Kultfilm.
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