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    Vera Drake
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Vera Drake
    Von Claudia Holz
    London, 1950. Während England sich noch die Wunden des Zweiten Weltkriegs leckt, erleben wir die Geschichte von Vera Drake (Imelda Staunton), die, als Mutter zweier erwachsener Kinder (Alex Kelly und Daniel Mays) und mit ihrem liebevollen Ehemann George (Richard Graham), ihr hartes Arbeiterleben meistert. Sie ist eine unendlich gütige Person und kümmert sich aufopfernd, nicht nur um die eigene Familie, sondern auch um ihre kranke, bettlägerige Mutter, während sie auch noch bei wohlhabenden Leuten die Wohnungen putzt. Immer mit einem Lächeln auf den Lippen und einem guten Wort für jeden, ist sie die Mutter Theresa der Arbeiterklasse. Doch Vera hat ein Geheimnis: Sie führt bei jungen Frauen Abtreibungen durch. Mit einem Gummischlauch und Seifenwasser besucht sie die Mädchen und arbeitet dabei genauso gewissenhaft, wie bei jeder anderen Tätigkeit auch. Die Frauen brechen ihr fast das Herz dabei, doch sie nimmt niemals Geld für ihre Dienste. Erst später erfahren wir, dass ihre zweigesichtige Bekannte Lily (Ruth Sheen), die sie oft mit den Mädchen in Kontakt bringt, eine Bezahlungen einstreicht, ohne dass Vera davon erfährt. Während Veras Familie die Verlobung der furchtbar schüchternen Tochter Ethel feiert, wird die Idylle zerstört, als plötzlich die Polizei vor der Tür steht.

    Mike Leigh hat mit „Vera Drake“ einen wichtigen Film gemacht und gewinnt dabei sogar fast auf der ganzen Strecke. Die erste Stunde ist ein Meisterwerk an Detailtreue, nicht nur in der Ausstattung und der Kamera, die in der winzigen Wohnung der Drakes, mit oftmals bis zu zehn Personen in einem Raum, wahre Wunder vollbringt – vor allem die Schauspieler sind es, die ein charmantes und temporeiches Gesamtbild abgeben. Mit einer Spielfreude und vor allem auch Witz hat Leigh die Welt der Vera Drake erschaffen. Sie ist eine agile Person, deren Gutmütigkeit fast schon karikiert wird, doch im Angesicht der Umstände mehr als stimmig ist. Als sie den alleinstehenden Reg (Eddie Marsan) zu sich nach Hause zum Essen einlädt, da er sonst niemanden hat, entwickelt sich zwischen ihm und der Tochter Ethel eine unschuldige und drollige Beziehung, die nur durch schüchterne Blicke zum Leben erweckt wird und die selbst beim sachlichen Heiratsantrag in keiner Berührung gipfelt.

    Die Art und Weise, wie Leigh die Abtreibungen seiner Protagonistin in die Alltagsroutine einführt, ist ebenfalls erstaunlich gut gelungen. Bei einer ihrer Runden durch die Nachbarschaft taucht sie schließlich bei einer unbekannten jungen Frau auf. Dort beginnt Vera ihre Utensilien auszupacken, während sie dem Mädchen sagt, sie solle sich den Schlüpfer ausziehen und sich aufs Bett legen. Der Moment ist sensibel inszeniert und dennoch schleicht sich mit ihm eine Unbehaglichkeit ein, die selbstverständlich das Dilemma und schließlich den Fall der Protagonistin ankündigt. Doch gerade hierbei hat sich Leigh leider ein bisschen verzettelt. Denn das letzte Drittel, in dem Vera dem britischen Justizsystem der 50er Jahre übergeben wird und Leigh ihren langen Leidensweg zeigt, ist schon längst klar, worauf das Ganze hinausläuft. Spätestens dann badet Leigh in einem, eigens geschaffenen Sumpf aus Verzweiflung und mit ihm eine, dennoch großartige Imelda Staunton (Oscar-reif ohne Frage). Die Szenen mit der Polizei sind lang und schmerzhaft, doch sie wiederholen sich und finden oft kein Ende. Vera ist geschockt und am Boden zerstört und bleibt dennoch eine unschuldige Person bis zuletzt, weil sie nichts weiter wollte, als helfen. Die schwere der Anklage ist ihr bewusst, dennoch inszeniert Leigh sie als eine Märtyrerin par excellence. Oft wirkt dies allerdings ein bisschen zu gewollt. Parallel dazu sehen wir Veras unwissende Familie, die, als sie von der Anklage erfährt, in sich einen Zusammenbruch erlebt. Plötzlich erschüttern Diskussionen über die moralische Verwerflichkeit von Veras Tat die Harmonie der Familie, doch die Gespräche wirken aufgesetzt und dienen Leigh lediglich als Sprachrohr des Themas.

    Doch Vorsicht! Dies ist trotzdem ein wichtiger Film und niemand sonst außer Mike Leigh ist besser dazu geeignet, als ein solch schwieriges Thema einem weiten Publikum zu öffnen. Mit vielen seiner winzigen Filme gehört er zu den wenigen Filmemachern in England, die auch über die Grenzen des Independent-Zuschauers hinaus noch ein wenig Kasse machen können. Nicht viel, aber immerhin. Die Kombination aus Politik und Familiendrama sowie der Einstreuung von Klassen- und Rassenunterschieden machen den Reiz von „Vera Drake“ aus und wirkt in keinster Weise überladen. Die einzige Problematik verbirgt sich in der Gutmensch-Moral zum Ende des Films und schmälert die Tragik dadurch, dass der Zuschauer keine Wahl hat, selbst eine Entscheidung in dieser Sache zu fällen.

    Mike Leigh, der absolut versteht, wovon er erzählt und der „Vera Drake“ seinen Eltern, einem Arzt und einer Hebamme widmet, zeigt, dass die Diskussion um Abtreibung immer noch ein großer Gewissenskonflikt unserer Zeit ist und ein Thema, das ganze Familien zerreißen kann. Aber er zeigt auch, dass die Antworten niemals schwarz oder weiß sein können und dass es keiner großen Geldbörse bedarf, um einen wichtigen Film zu machen. „Vera Drake“ ist ein politisches Drama, dass trotzdem Poesie in seinen Figuren entdeckt und diese auch nutzt. Für alle Liebhaber des kleinen Kinos.
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