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    Miss Daisy und ihr Chauffeur
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Miss Daisy und ihr Chauffeur
    Von René Malgo
    Von neun Oscarnominierungen gab es 1990 vier gewonnene Academy Awards für die Theaterstückadaption „Miss Daisy und ihr Chauffeur“. Favoriten wie „Geboren am 4. Juli“ oder Der Club der toten Dichter gingen leer aus. Denn als bester Film wurde Bruce Beresfords „Miss Daisy und ihr Chauffeur“ ausgezeichnet. Mag jene Entscheidung umstritten sein, völlig aus der Luft gegriffen ist sie nicht.

    Aufgelöst steht Miss Daisy (Jessica Tandy) vor ihrem Auto, das sie in den Vorgarten des Nachbars gesetzt hat. Natürlich ist das funkelnagelneue Gefährt schuld. Sohnemann Boolie (Dan Aykroyd) sieht das anders und heuert für seine eigensinnige Mutter einen Chauffeur an. Hoke (Morgan Freeman) darf nun die gute Miss Daisy herumkutschieren, ob es ihr gefällt oder nicht. Aus dem anfänglichen Kleinkrieg, den Miss Daisy Hoke erklärt hat, reift mit den Jahren eine tiefe Freundschaft…

    Jessica Tandys (Die Vögel, „Grüne Tomaten“) schauspielerische Leistung ist außergewöhnlich gut. 81 Jahre war sie alt, als sie den Part der Miss Daisy übernommen hat. Sie meistert ihre komplexe Rolle mühelos und weiß das Altern der Figur (äußerlich kaum sichtbar) bestmöglich an den Zuschauer zu bringen. So war denn auch ihr Oscar-Erfolg für die beste weibliche Hauptrolle – vor allem in dem Academy-Award-freundlichem Alter - nicht mehr als eine Formsache. Auch wenn die eigensinnige Miss Daisy den armen Hoke anfangs scharfzüngig schikaniert, schließt der Betrachter diese alte, im Grunde ihres Herzens gutmütige Dame mit all ihren Marotten rasch ins Herz. Das liegt zweifellos auch daran, dass Jessica Tandy die selbstbewusste Jüdin so aus dem Leben gegriffen skizziert, was viele Zuschauer - im positiven Sinne - an ihre eigenen Großmütter oder Mütter erinnern könnte.

    Ein nuanciert aufspielender Morgan Freeman (Sieben, Million Dollar Baby, Batman Begins) bildet als der geduldige, ruhige Hoke einen angenehmen Kontrast zur gewitzten Witwe. Ihn bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Obgleich er untertänig wirkt, hat er sehr wohl seinen eigenen Kopf und weiß genau, was er will. Auch er verändert sich im Laufe des Films, genauso wie sich die Beziehung zwischen ihm und Miss Daisy wandelt. Bei Freeman ist es lediglich bei einer Oscar-Nominierung für die beste Hauptrolle geblieben. Doch seine Leistung steht der von Tandy in nichts nach. Das Gespann ergänzt sich hervorragend und die Chemie zwischen den beiden ist weit mehr als stimmig.

    Die dritte tragende Rolle kommt dem exzellent auftrumpfenden Dan Aykroyd (Blues Brothers, Ghostbusters) zu. Sein Boolie Werthan ist einer, der gerne den Frieden bewahrt, es allen recht machen möchte und trotzdem nichts von seiner natürlichen Autorität als Geschäftsmann einbüßt. Er hat Humor und weiß genau, wie er mit seiner Mutter und seiner schnippischen Frau (Patti LuPone) umzugehen hat. Wenig verwunderlich: Auch für ihn gab es eine Oscarnominierung (beste männliche Nebenrolle).

    Großartig sind sie, die Darsteller, aber ihre ausgefeilten Charaktere haben sie Alfred Uhrys („Pizza, Pizza“, „Rich In Love“) Skript zu verdanken. Das Theaterstück gewann den Pulitzerpreis, sein Drehbuch völlig zu Recht den Oscar. Denn die Adaption seines eigenen Bühnenspiels ist schlicht und ergreifend perfekt. „Miss Daisy und ihr Chauffeur“ erzählt vom Altern, von Rassismus, Vorurteilen und von einer außergewöhnlichen, berührenden Freundschaft. Fast beiläufig streift die Story Amerikas Historie, wobei der zeitliche Wandel von den 1940er bis in die 1970er Jahre besonders an Miss Daisys wechselnden Automobilen festgemacht wird. Es ist eine faszinierende Geschichte, die „Miss Daisy und ihr Chauffeur“ erzählt. Sie lebt von ihrem stillen Humor und subtilen Zwischentönen.

    Bruce Beresfords („König David“, The Contract) Regie kann sich sehen lassen. Zusammen mit seinem Kameramann Peter James („Paradise Road“, „Doppelmord“) fängt er die „sanfte“ Stimmung bestens ein. Die stimmigen Bilder geben dem Film einen edlen Look. Besonders stechen die liebevollen Aufnahmen amerikanischer Oldtimer hervor. Komponist Hans Zimmer (Pearl Harbor, Der König der Löwen) kann die atmosphärische Dichte des Films musikalisch einwandfrei unterstreichen. Sein angenehm zurückhaltender Soundtrack hat nicht viel mit seinen üblichen Bombastmusikbegleitungen (Gladiator) gemein. Das mag auch daran liegen, dass er allein den gesamten Soundtrack mit Synthesizern zusammengestellt hat. Schön billig, aber keineswegs billig klingend.

    Den vierten Oscar hat „Miss Daisy und ihr Chauffeur“ übrigens für die überzeugende Make-up-Arbeit einheimsen können. Der große Verdienst der Make-up-Artisten ist dabei vor allem, dass sie nicht der Versuchung erlegen sind, es zu übertreiben. Gerade durch kleine Variationen an beispielsweise der Haarpracht, dem Körperumfang oder den Händen wird das Altern der Hauptpersonen ausgesprochen glaubhaft dargestellt. Weitere Nominierungen erhielten die beste Ausstattung, Kostümgestaltung und der Schnitt. Die Bedeutung der Academy Awards sollte der Filmfreund nicht überschätzen, aber sie sagen in diesem Falle durchaus etwas über die hohe massentaugliche Qualität des Werkes aus.

    „Miss Daisy und ihr Chauffeur“ ist frei von Sex, Gewalt und unflätigem Sprachgebrauch. Die Tragikomödie geht zwar auf ernste Themen ein, wird aber in erster Linie als warmherziges Feel-Good-Movie in Erinnerung bleiben. Der Film spricht die Emotionen im Betrachter mehrfach an, ohne auf billigen Kitsch oder Pathos zurückgreifen zu müssen. Das gefühlvolle Ende rührt zu Tränen. Die Moral ist ausgesprochen hoch, ohne dass groß moralisiert oder gepredigt wird.

    Klassikerstatus hat der Film - oder zumindest seine Geschichte - in der Filmhistorie bereits. Schon mehrfach wurde die Beziehung zwischen Chauffeur Hoke und Miss Daisy humoristisch in Filmen wie Bad Boys, „Tödliche Weihnachten“, „Strange Days“ oder „Get Shorty“ aufgegriffen. Die Bezeichnung Miss Daisy ist schon zum geflügelten, freundschaftlich verwendeten „Fast-Schimpfwort“ geworden.

    Fazit: „Miss Daisy und ihr Chauffeur“ ist eine sehenswerte Filmperle aus der „Traumfabrik“. Nichts für Fans krachender Unterhaltung, aber uneingeschränkt empfehlenswert für Freunde von filmischer Zerstreuung der unaufgeregt-harmlosen Art.
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